Mauerfall : Ausreise - drei Monate vor Mauerfall

Als die DDR am 9. November `89 anfing unter zu gehen, war sie für Christian Tretbar, inzwischen Tagesspiegel-Mitarbeiter, schon längst Geschichte. Alles begann beim Föhnen im Badezimmer der Neubauwohnung in Leipzig, aber was Christians Mutter mit der Frage, "kannst du dir vorstellen, auch woanders zu wohnen", bezweckte, ahnte er, damals zehn Jahre alt, nicht.

Christian Tretbar
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Ankunft im Westen. Christian Tretbar und seine Eltern kommen am 8. August in Frankfurt am Main an.Foto: Privat

Es muss irgendwann im Juli gewesen sein. Vielleicht war es sogar der 13. Juli 1989. Warum sonst sollten meine Eltern einen Kalenderschnipsel mit diesem Datum bis heute aufbewahren, wenn es nicht der Tag war, an dem sie von der Abteilung Inneres des Magistrats der Stadt Leipzig mitgeteilt bekommen haben, dass unsere Ausreise in die BRD genehmigt wird. Ich stand frisch geduscht vor dem Spiegel im Bad unserer Neubauwohnung in Leipzig-Grünau, Erdgeschoss zwar, aber neu und mit Zentralheizung, als meine Mutter ins Bad kam. Ob ich mir denn vorstellen könne, auch woanders hinzu zu ziehen, in eine andere Stadt, in ein anderes Land gar, fragte sie mich, als sie mir die Haare föhnte. Natürlich konnte ich es mir vorstellen. Ich war zehn und hatte eigentlich gar keine  Ahnung, worauf sie mich vorbereiten wollte.

Einige Tage später wusste ich es dann. Es  hieß Koffer packen, Kinderzimmer ausräumen, von Schulfreunden verabschieden. Drei Wochen dauerte es noch. Unsere Wohnung war inzwischen weiter vermietet und wir kamen bei meinen Großeltern unter, wo das Abendprogrammm vor allem darin bestand, Rommée zu spielen - viel Rommée. Meine Eltern mussten jeden Tag bei der Abteilung Inneres aufkreuzen, um nachzufragen, wann genau es soweit ist. Immer wieder wurden Pakete gepakt, um etwas Hab und Gut in den Westen zu schicken. Nicht alles kam heil an. Am 7. August war es dann so weit. Ich lag bei meiner Oma auf dem Sofa, als meine Mutter abends kam und sagte, es geht los – morgen früh. Wir mussten innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen. In unserem Abteil saß nur eine ältere Frau, die ihre Tochter im Westen besuchen durfte. Die Grenzpolizisten forderten uns noch mürrisch auf, die 20 Ostmark, die wir als Andenken behalten wollten, im Mitropawagen auszugeben - vorher werde der Zug nicht weiterfahren, drohten sie. Meine  Eltern schenkten das Geld lieber der älteren Dame. Als wir über der Grenze waren, gab sie es meinen Eltern zurück.

Das erste, was ich aus dem Zug vom Westen sah, waren strahlend weiße Häuser. Nichts war so grau wie in Leipzig. Mittags kamen wir in Frankfurt am Main an. Empfangen wurden wir vom Bruder meiner Mutter, der 1988 von einem Westbesuch nicht zurückgekehrt ist, seinen zwei Kindern sowie den Pateneltern meines Vaters, die seit mehreren Jahren im Westen wohnten und denen wir unsere Ausreise mit zu verdanken hatten. Es gab Sekt aus Plastikbechern. Und wir waren nicht die ersten, die an diesem Tag in Frankfurt  ankamen. Am 8. August 1989 trafen auch die ersten Züge mit DDR-Flüchtlingen aus Ungarn ein.
Davon erfuhren wir aber auch erst später. Wir hatten mit uns zu tun und ich mit Boniland - ein Spielzeugladen in einem Frankfurter Einkaufszentrum. Videospiele, Tennisschläger - alles bunt, alles überwältigend, alles teuer. Nur mit einem kurzen Heulen war diese kleine Reizüberflutung zu bewältigen - es blieb aber die einzige.

Erste Anlaufstelle für uns war ein Auffanglager für Übersiedler in Gießen. Geschlafen haben wir in einer Turnhalle und auf der Behörde herrschte Hochbetrieb – der Osten musste längst leer sein, so voll war es. Ich war für Essen und Trinken zuständig und stellte mich dafür in die langen Schlangen. In der Schule gab es Tischtennisplatten und gegessen wurde an Campingtischen – es war beinahe wie Urlaub für mich.

Zwei Wochen verbrachten wir dort, ehe es weiter ging. Nächste Station war das Übergangsheim „Herrenmühle“, ein ehemaliges Restaurant, das der  Besitzer zu einem Übergangsheim umfunktioniert hatte. Es lag mitten im Taunus. Meine Eltern kämpften für ein Zimmer im ersten Stock, die waren neu und rochen nicht so verpilzt wie im Erdgeschoss. Es war unser erstes Zuhause im Westen: elf Quadratmeter für drei Personen. Acht Monate mussten wir dort bleiben, ehe wir eine richtige Mietswohnung in einer anderen Stadt fanden. Eine harte Zeit für meine Eltern, fast eine Kur für mich. Es gab Wald, einen Bach, saubere Luft und ein paar Kinder in meinem Alter. Mein Vater fand in einer Firma für Funktechnologie Arbeit, meine Mutter ging putzen und für mich ging Ende August die Schule los. Und es war ein kleiner Schock.

Niemand kannte Ernst Thälmann, der doch im Osten so omnipräsent war. Und die Tische standen auch ganz anders. Nicht in Reih und Glied, wie ich es kannte, sondern Gruppentische, alle wild durcheinander. Keiner musste mit verschränkten Armen am Tisch sitzen und wer etwas sagen wollte, durfte sitzen bleiben. Es waren diese kleinen Freiheiten, die mich gleich ergriffen.

So verging für mich das Jahr 1989 in den Wäldern des Taunus. Ich schloss erste Freundschaften, lernte Micky Maus und Bravo kennen. Michael Jackson machte sich als Poster an der Wand unseres kleinen Zimmers breit. Irgendwo dazwischen fiel die Mauer - beiläufig zwischen A-Team und Abendessen. Unsere DDR ging unter, als die Mauer noch stand: am 8. August 1989.

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