Nächtliche Erlebnisse : Unterm Mantel das rosa Nachthemd

Tagesspiegel-Leserin </>Gabriele Hartmann war in der Nacht des Mauerfalls unterwegs und hatte dabei einige interessante Begegnungen.

Gabriele Hartmann

Am Abend des 9. November kam ich gegen 20 Uhr müde von einem Seminar nach Hause, schaltete den Fernseher ein und telefonierte mit meinem Freund. Auch bei ihm lief das Fernsehen leise im Hintergrund. Nach einer Weile gelang es  mir kaum noch, mich auf das Gespräch mit ihm zu konzentrieren, denn die Geschehnisse auf der Mattscheibe fesselten mich mehr und mehr. Lief da ein Science Fiction über das Ende der Berliner Mauer? Zwischendurch jedoch kamen immer wieder Ansagen und Kurznachrichten, die ganz echt wirkten. Da fragte mich auch schon mein Freund am anderen Ende der Leitung:“ Sag mal, siehst Du auch, was ich sehe?“ Wir drehten beide den Ton lauter und saßen fassungslos und schweigend da, den Hörer am Ohr. Endlich begriffen wir, daß da die Realität gezeigt wurde: Immer wieder Schabowski, der irgendwie verunsichert, diese Sensation von einem Zettel ablas, Reporter an der Bornholmer Straße und Dutzende von Menschen, die nur noch ein Wort hervorbrachten: „Wahnsinn!“

Ich beschloss, so schnell wie möglich  zum nächsten Grenzübergang zu radeln, um mit eigenen Augen zu sehen, ob das wirklich alles wahr ist. Die nächtlichen Kreuzberger Straßen wirkten so normal wie immer. Aber dann plötzlich, einige hundert Meter von der Oberbaumbrücke entfernt, hörte ich Trommeln, Musik, Geschrei und Böller. Ich schloss mein Rad an eine Laterne und näherte mich zögernd dem Geschehen. Eine Trommlergruppe hatte sich auf der Westseite der Brücke aufgebaut und begrüßte jeden, der von der Ostseite herüberkam. Auch ich lief auf die Brücke, immer auf der Lauer, dass mich eine barsche Stimme zurückpfeifen werde – aber nichts geschah. Bald stand ich in der Mitte über der Spree und sah am Horizont die Silhouette des Fernsehturms und des Roten Rathaus. Ich lief weiter, bis auf Ostberliner Seite, wieder zurück, wieder hinüber und zurück und strich mir mehrmals über die Augen, denn ich konnte es nicht fassen, dass meine Stadt plötzlich offenbar nicht mehr zugemauert war.

Plötzlich kam mir eine juchzende Ostberlinerin entgegengerannt, riss immer wieder ihren Wintermantel auf, unter dem sie nur ein rosa Nachthemd trug und rief: „Hier, kiekt ma, so bin ick los, als ick det jehört habe. Ick musste einfach gleich kieken jehn, ob det stimmt!“  und rannte weiter Richtung Westen. Ein junger Mann neben mir erklärte grinsend allen Umstehenden: “Ick hab grade dem Vopo die Hand jedrückt, der mir mit seinem Feldstecher seit Jahren int Schlafzimmer kiekt!“ Eine Gruppe Kreuzberger Punks in schwarz, mit bunten Haaren und Sicherheitsnadeln in den Ohren liefen grölend über die Brücke. Als der östliche Grenzposten sie aufhalten wollte, schwenkten sie ihre Bierflaschen und skandierten:“Radeberger, Radeberger!“ Ein junges Pärchen sprach mich an: „Wo jehts denn hier zum Ku’Damm?“ Da es mittlerweile nach Mitternacht war und keine U-Bahn mehr fuhr, riet ich ihnen, immer unter den Hochbahn weiterzulaufen und nach einigen Kilometern noch mal zu fragen. Sie zogen glücklich von dannen.

Wie in Trance fuhr ich nach Hause und setzte mich sofort wieder vor den Fernseher, zappte von einem Programm ins andere, um nur ja alles mitzubekommen, was über die Grenzöffnung gesagt wurde. Außerdem schaltete ich meinen Videorekorder ein nd zeichnete alles auf, denn ich fürchtete noch immer, dass der Traum morgen wieder vorbei sein könnte.

Am nächsten Morgen wollte ich wie immer mit der U-Bahn zur Arbeit fahren, musste aber drei Züge durchlassen, die vollgestopft mit Menschen waren. Überall wurde plötzlich berlinert, dieser Dialekt, den man in Westberlin nur ganz selten noch in Reinkultur zu hören bekam. All die neuen Fahrgäste, hielten BVG-Pläne in den Händen und sahen staunend auf die Straßen herunter. An ihrer Kleidung waren sie leicht zu erkennen: Viel Plaste und Elaste, viele stonewashed Jeans-Jacken und die DDR-typischen Einkaufsbeutel.

Ich vermutete, dass man auf meiner Arbeitsstelle schon feiern würde, aber als ich ankam, saßen die meisten mit missmutigen Gesichtern herum und fürchteten ab jetzte eine Invasion aus dem Osten. Ich verstand die Welt nicht mehr! Endlich fand ich zwei Kollegen, die sich mit mir freuten und wir ließen erst mal die Sektkorken knallen.

Mittags mußte ich zu einer Veranstaltung im Reichstagsgebäude. Ab Zoo ging nichts mehr. Alle Busse blieben stecken. Neben mir an der Haltestelle stand ein Mann und fragte mich, ob die „Penny-Kaufhalle“ genauso preiswert sei wie Aldi und ob es dort auch abends noch Milchprodukte gäbe. Ich erklärte ihm alles und als er hörte, dass ich zum Reichstag wolle, schloss er sich mir gleich an. Weil es nun mittlerweile recht spät für meinen Termin geworden war, nahm ich ein Taxi und lud ihn ein, mitzufahren. Aber auch das Taxi blieb bald stecken und wir spurteten quer durch den Tiergarten. Während des Laufs versuchte ich, seine 1000 Fragen zu beantworten.

Als ich nach zwei Stunden wieder aus dem Reichstag heraustrat, hatte sich inzwischen halb Berlin an und auf der Mauer am Brandenburger Tor versammelt. Fernsehgesellschaften aus aller Welt fuhren ihre Kräne hoch, filmten und interviewten und immer wieder hörte man die Worte: „Wahnsinn,  das alles!“ Das Hämmern der ersten Mauerspechte bildete die Hintergrundmusik und auch ich wollte dabeisein. Ich streckte meine Arme aus und wurde sofort bereitwillig von den Obenstehenden auf die Mauer gezogen: Welch neue Perspektive durch das Brandenburger Tor! Drüben bildeten die Polizisten einen engen Halbkreis, hielten sich aber zurück. Sektkorken knallten unentwegt, die Leute sangen und fielen sich immer wieder in die Arme. Mir liefen die Tränen herunter. Irgendwann fiel mir ein, daß meine Verwandten aus dem Oderbruch vielleicht schon bei mir vor der Tür stehen und ich verließ diesen symbolträchtigen Ort – bis zu Hause verfolgt vom Tackern der Mauerspechte.

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