Pendeln im Wendejahr : Horror vor der Grenzkontrolle

Tagesspiegel-Leser Holger Kulick pendelte zwischen West und Ost – und geriet ins Visier der DDR.

Holger Kulick
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Klappe auf. Die Kontrollstelle im Bahnhof Friedrichstraße. Foto: Ullstein/Mrotzkowski

Im Jahr 1989 war ich 29 und lebte in Berlin-Schöneberg, war aber unglaublich oft im Osten. Ich arbeitete seit etwa 1984 in einer Fernsehredaktion, die sich mit Deutsch-Deutschem befasste: Das ZDF- Magazin „Kennzeichen D“. Zudem hatte ich Verwandte in Neuruppin und durch Künstlerfreundschaften jede Menge Kontakte in Ost-Berliner Szenen, die in dieser Zeit „auf den Staat schissen“, ohne aber aus ihrem Selbstverständnis heraus explizit politisch zu sein. Die wollten einfach i h r Leben leben – aber in der DDR war sowas höchst politisch. Deshalb durften einige von ihnen damals ausreisen und machten Station in meiner kleinen Wohnung. Einer davon war ein „IM“, also ein Stasi-Spitzel, wie sich später herausstellte, nur um durch mich mit Roland Jahn, einem Journalistenkollegen zusammengebracht zu werden. Mit ihm machte ich damals gemeinsam Fernsehbeiträge über die DDR-Opposition und auf ihn war er angesetzt. Später habe ich aus Stasiakten erfahren, was Schlimmes daraus hätte werden können. In Lageplänen rund um Roland Jahns Kreuzberger Wohnung waren „Absperrpunkte“ markiert, möglicherweise um ihn bei passender Gelegenheit zu entführen.

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1 von 7Foto: Holger Kulick
29.07.2009 08:29Spaziergang entlang der Mauer auf West-Berliner Seite.


Ich selbst hatte immer einen Horror vor den DDR-Grenzkontrolleuren. Insbesondere 1989 wurde ich regelmäßig in Einzelkämmerchen geführt, dort durchwühlten sie meine Hosentaschen fast jedesmal, suchten offensichtliche einen Anlass, um zu begründen, dass ich nicht mehr einreisen darf. Sie vermuteten wohl, dass ich Material schmuggle, Botschaften und leere Videokassetten von West nach Ost, Botschaften, Fotos und Videoaufnahmen von Ost nach West für meine Fernsehredaktion. Das tat ich auch, aber den eigentlichen Schmuggel übernahmen befreundete Diplomaten. Man gab solche Sachen ohne Worte darüber zu verlieren bei Besuchen weiter oder ließ sie bei gemeinsamen Freunden zum Abholen liegen. Dann traf man sich am nächsten Tag irgendwo im Umfeld vom Heinrichplatz in Kreuzberg wieder.

Einmal im Frühsommer 1989 wurde mir bei der Ausreisekontrolle in der Friedrichstraße ein teilweise belichteter Film in meiner kleinen Fotokamera, die ich immer mit mir trug, beschlagnahmt. Ich fand das ungeheuerlich und wollte Beschwerde einlegen. Das durfte ich sogar noch vor Ort in eine Schreibmaschine tippen und sollte sechs Wochen später wiederkommen und fragen, was daraus geworden ist. Das habe ich zum Erstaunen der Grenzer auch getan. Die waren in heller Aufregung und meinten, das sei längst kein Fall mehr für den Zoll, sondern der Abteilung für journalistische Beziehungen im Außenministerium. Dort sollte ich mich hinwenden. Habe ich dann mit unerwartetem Erfolg auch getan. Irgendwann kam ein Telegramm, ich dürfe meinen Film abholen, im Foyer des Außenministeriums bekam ich ihn überreicht, entwickelt und – mit unzähligen Schrammen. Zahlreiche Leute müssen die Negativrolle auf- und zugerollt haben und dürften dabei ziemlich enttäuscht gewesen sein. Ich hatte an diesem Tag (Gott sei Dank) nur die Künstlerkeramik meiner Ost-Berliner Freundin fotografiert.  

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