Russische Sichten : Die Prophetin aus Leningrad

Im Sommer 1989 war Tagesspiegel-Redakteurin Ariane Bemmer als Studentin in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Sie lernte nicht nur die russische Sprache kennen, sondern auch eine Frau, die den Fall der Mauer voraussah: ihre Gastmutter Olga.

Ariane Bemmer
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Auf dem Weg nach Leningrad. An der polnisch-sowjetischen Grenze.Foto: privat

Olga hat es geahnt. Sie sah die Fernsehbilder aus Prag, die DDR-Bürger in der BRD-Botschaft, und sie sagte: „Die Mauer wird fallen.“ Wir sagten, „aber Olga, das ist doch Unsinn, das passiert niemals.“ Ein bisschen glaubten wir das wirklich, aber ein bisschen wollten wir auch höflich sein. Schließlich waren wir zu Gast bei Olga – und es war doch ihre Welt, aus der die Leute wegliefen. Ihre Ostwelt.

Sechs Wochen Sowjetunion

Wir waren Studenten und im Sommer 1989 für sechs Wochen zum Russischlernen in Leningrad, wie St. Petersburg damals hieß, verteilt auf Familien in der ganzen Stadt, die ein Geld bekamen, damit sie uns aufnahmen, und die dafür zusammenrückten. Bei Olga wohnten wir zu zweit, das Schlafzimmer haben wir bekommen, Olga und ihr Mann zogen aufs Aufklappsofa ins Wohnzimmer, die Tochter, die ein bisschen deutsch sprach, blieb in ihrem.

Wie geht eure Welt, so geht unsere. Wir haben uns unterhalten, so weit das möglich war, wir sprachen nicht sehr gut, unser Lieblingssatz war: „Vsjo budjet charascho“, alles wird gut. Und Olga lachte dann und sagte „tak tak“, eine Art jaja. Aber dass wir zwei Gaststudentinnen in Deutschland eigene Wohnungen hatten und eigene Autos, das war nicht einfach zu erklären. Olga, sagten wir, man muss dafür arbeiten oder reiche Eltern haben, dann geht es. Aber das wollte sie nicht hören. In Russland wohnten Studenten bei den Eltern oder im Wohnheim und Autos hatten sie natürlich niemals.

Die riesige Hochhaussiedlung am Rande der Stadt

Olga wohnte am Rand von Leningrad in einer riesigen Hochhaussiedlung, man musste aufpassen, dass man mit dem Bus nicht vorbeifuhr. Der Bus fuhr an der Metro-Endstation los, die Metro war ein monströses Raketenwurmnetz, Fortbewegung war immer schieben und drängeln.

Und abends im Fernsehen die Bilder aus der deutschen Botschaft in Prag. Im ganz normalen Staatsfernsehen, das aber erstmals nicht mehr nur staatliche Interessen vertrat, sondern gesellschaftliche.

Wir saßen auf dem Sofa, das später zum Bett der Eltern umgeklappt wurde, und oft in der schmalen Küche, in der Olga unter fließendem Wasser abzuspülen pflegte, was uns immer etwas aufregte, wir waren aus Deutschland den Aufruf zum Wassersparen gewohnt. In der Küche durfte Olga rauchen. „Die Mauer wird fallen“, sagte Olga. Und wir sagten: „Aber, Olga, das passiert bestimmt nicht.“

Ende August 1989 war unser Sprachkurs zu Ende. Der Rest ist Geschichte.

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