Spätes Begreifen : Begegnung mit dem Fremden

Nicht weit entfernt vom Übergang Borhnholmer Straße wohnte 1989 Tagesspiegel-Leser Stefan Maier. Als der damals 17-Jährige von der Straße her komische Geräusche hörte, ging er nach draußen. Zunächst konnte er nicht so recht verstehen, was sich da abspielte.

Stefan Maier

Wir wohnten in Wedding in der Prinzenallee ziemlich nah an der Osloer Straße, welche direkt zum Übergang an der Bornholmer Straße führte. Wir hatten den ganzen Trouble im Fernsehen mitbekommen, der schon seit Wochen lief. Jedenfalls wunderte ich mich an diesem Abend, weil so komische Geräusche von der Straße her kamen. Es hörte sich an wie große Menschenmassen.

Da wir aber nun mal in einen Randbezirk wohnten und es um diese Uhrzeit kaum noch Leute auf der Straße gab, wunderte ich mich schon ein bisschen. Als diese komischen Geräusche nach ca. einer halben Stunde immer noch nicht aufhörten, wurde ich neugierig. Ich vermutete es könnte eine Demo dort draußen sein. Irgendwann ließ es mir keine Ruhe mehr, und ich zog mich an, um nachschauen zu gehen.

Erst wollte ich in Richtung Badstraße, weil da normalerweise mehr los ist, als in der anderen Richtung. Es sah aber eher sehr verschlafen aus dort. Ich konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. So drehte ich mich dann um und lief in Richtung Osloer Straße. Plötzlich sah ich sie!

Es waren ganz, ganz viele. Menschen! Aber nicht wie bei einer Demo „geschlossen marschierend“.  Nein, sondern sie liefen zwar alle in dieselbe Richtung, schauten sich aber ständig um nach allen Seiten mit großen Augen. Sie waren jung bis mittleren Alters. Aber  das komische an der ganzen Sache war, dass sie mir total fremd vorkamen. Ich wusste, dass ich dort niemanden jemals zuvor gesehen hatte. Noch komischer waren die Frisuren, die Klamotten, das ganze Outfit!

Es sah aus als hätten alle das gleiche Outfit, was eher in die Siebzigern gepasst hätte. Ich wunderte mich enorm, als ich sah,  was da abging. Aber ganz ehrlich, ich hatte minutenlang nicht verstanden, was da passierte.Erst dachte ich, es wäre ein Theaterstück oder sie drehen einen Film dort.

Aber es gab ja keinen Kameramann oder irgendwelche Leute, die Anweisungen gegeben hätten. Nur dieser unendlich lange und fast stumme staunende Menschenzug, der an mir vorbeischlenderte. Was soll ich sagen, ich stand nur da und beobachtete. Und mein Begreifen kam erst nach 5 oder 10 Minuten.

Als ich begriff, wollte ich mich eigentlich vergewissern und nachfragen, aber ich traute mich noch nicht.Nach ca. einer halben Stunde bin ich wieder nach Hause gegangen und erzählte meiner Mutter davon.Das war die erste Nacht nach der Grenzöffnung an der Bornholmer Brücke. Ich war zu der Zeit 17 Jahre alt gewesen und habe alles live miterlebt.Ich habe das ganze Jahr nach dem Mauerfall miterlebt.



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