Spätzünder : Kostbares Begrüßungsgeld

In den Tagen nach der Maueröffnung herrscht an den Grenzübergangsstellen Hochbetrieb, und bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes gab es lange Schlangen. Mit drei kleinen Kindern fand Tagesspiegel-Leserin Monika Gaffling es zu zu chaotisch, sich in den Westteil der Stadt aufzumachen. Nachdem sich der erste Rummel gelegt hatte, wagte sie es dann.

Monika Gaffling

Nach einigen Jahren der Kindererziehung hatte ich im Herbst 89 gerade wieder zu arbeiten begonnen. Was leider bedeutete, um 5 Uhr früh aufstehen, um 6 Uhr das jüngste Kind (2 ½ Jahre) in der Krippe abgeben, um möglichst Punkt 7 Uhr zum Arbeitsbeginn zu erscheinen. Es war nicht meine Schuld, dass ich es wegen des Anfahrtsweges trotzdem nicht pünktlich schaffte. Abends nach der Arbeit war natürlich auch immer noch einiges zu tun, sodass ich regelmäßig todmüde ins Bett fiel und wie ein Stein schlief.

Am 10. November kam ich wie jeden Morgen zur Arbeit gehetzt – nichts Ungewöhnliches war zu sehen, rein gar nichts hatte ich von den Ereignissen der Nacht mitbekommen! Aber die Kollegen schon! Zwei (von ca. zwanzig) waren nicht zur Arbeit erschienen. Und wir unterhielten uns leise über das, was dort an der Mauer passiert war. Es war ja kaum zu glauben! Doch im Laufe des Tages gab es noch eine außergewöhnliche Versammlung, und wir wurden von der Meisterin eindringlich belehrt, dass die plötzliche Grenzöffnung keineswegs ein anerkannter Grund wäre, etwa nicht zur Arbeit zu erscheinen! Die zwei, die am ersten Tag fehlten, waren am nächsten Tag wieder da und erzählten voller Begeisterung von ihrem Besuch in West-Berlin. Andere waren gleich nach Feierabend gestartet.

Keiner hätte gedacht, dass wir eines Tages einfach so dort hinüberspazieren dürften! Wobei: Einfach so – das klingt so leicht. Die Bilder im Fernsehen zeigten ein riesiges Geschiebe und Gedränge. Dicke Menschentrauben an den wenigen Grenzübergangsstellen, lange Schlangen und chaotische Szenen auch an den Auszahlungsstellen für das Begrüßungsgeld. Und immer wieder diese überaus glücklichen Gesichter von Menschen, die sich in die Arme fielen, Sekt tranken und einfach begeistert waren. Oh, ich war in einem Zwiespalt – zu gern wäre ich auch gleich einmal losgefahren, um zu gucken. Aber allein ging ja schlecht, die Arbeit schwänzen wagte ich nicht, und meine Kinder diesem Gerangel auszusetzen, schien mir zu gefährlich. Ich beschloss, einfach noch abzuwarten, bis sich der erste Ansturm gelegt hatte, mir am Wochenende die Kinder zu schnappen, und ab die Post! Aus dieser Zeit ist, auf telefonische Nachfrage einer Freundin, ob ich denn schon „drüben“ gewesen wäre, meine griesgrämige Antwort erhalten: „Andere tanzen auf der Mauer, und ich tanze hier in der Küche!“ Ja, ich muss zugeben, ich fühlte mich in dieser Zeit durch die Kinder gewissermaßen angebunden. Denn eigentlich war ich schon verdammt neugierig.

Aber als nach einigen Wochen ruhiger wurde, fuhren wir los ins große Abenteuer. Mann, war das aufregend. Ich weiß noch genau, wir kamen über den Potsdamer Platz, dort war nur eine riesige Ödnis – es war ja noch nichts bebaut – und mussten ziemlich weit laufen bis in die Potsdamer Straße. Dort gingen wir zuerst in das Musikinstrumentenmuseum. Danach wollten wir uns das Begrüßungsgeld – 100 DM für jeden DDR-Bürger - abholen. Es existierten nur noch wenige Auszahlungsstellen, denn es waren wohl inzwischen schon alle da gewesen? Jedenfalls war kein Mensch war mehr dort außer den Angestellten. So wollte ich das gern haben - ohne Anstehen. Nicht, dass ich darin keine Übung gehabt hätte! Doch, das schon. Nur machte es mir mit kleinen Kindern eben keinen Spaß. Wir wurden, wie mir schien, etwas misstrauisch beäugt, und es dauerte wirklich sehr lange, bis unsere Ausweise geprüft waren. Naja, aber wenn von 17 Millionen DDR-Bürgern inzwischen schon 18 Millionen da gewesen waren? Mir ist schleierhaft, wie das ging – immerhin gab es doch einen Stempel in das Dokument.

Von vornherein hatte ich beschlossen, das wertvolle Geschenk nur nach gründlicher Überlegung für unbedingt notwendige Ausgaben und nach genauesten Preisvergleichen auszugeben. Wer wusste denn schon, wann man so etwas mal wieder in die Hände bekommt? Dennoch, ich war schwer beeindruckt, was es alles zu kaufen gab, und ein wenig traurig, wenn ich an die gewohnte Kargheit der Schaufensterauslagen bei uns dachte. Schließlich konnte ich mich doch zu einer kleinen Ausgabe entschließen: In einem Schreibwarengeschäft kaufte ich einige Reflektoren in Tierform für die Schulmappe meiner Erstklässlerin, damit man sie im Dunkeln auch ja recht gut sehen möge! Ihre Schulmappe wurde von den Kindern daraufhin liebevoll „Klapperkasten“ genannt, weil die zwei, drei Reflektoren da so lustig dran herumbammelten.

Meine ganz private Wiedervereinigung fand noch etwas später statt, und heute sind wir verheiratet!

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