Star DJ Paul van Dyk : Ausgereist - und eine Woche später fiel die Mauer

Er ist einer der besten DJs der Welt: Paul van Dyk . Als 17-Jähriger kam er in den Westen, nachdem der Ausreiseantrag seiner Mutter genehmigt worden war - kurz vorm Mauerfall. Hier erzählt er die Geschichte seines Umzugs in eine andere Welt.

Paul van Dyk
Paul van Dyk
Paul Van Dyk.Foto: ddp

Mit meinen Ideen und meiner Weltsicht hätte ich in der DDR keine Chance gehabt. Man durfte die Zustände nicht hinterfragen, sonst stand man gleich auf der Abschussliste. Zum Glück hatte ich während meiner Schulzeit aber zwei fantastische Lehrer, die mein Hinterfragen geschätzt und gefördert haben. 1989 war ich 17, hatte die Eigenarten des Teenagerdaseins gerade hinter mir gelassen und fing an, nach vorne zu blicken. Was will ich aus meinem Leben machen? Optionen waren mir nicht gegeben, weil das Land, in dem ich lebte, immer eigenwilligere Züge annahm. Das brachte bei mir einen Denkprozess in Gang.

Meine Mutter hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Als er bewilligt wurde, war unsere Erleichterung sehr groß. Wir hatten bereits mehrere Anläufe unternommen, die DDR-Behörden machten es einem nicht leicht, was den Frustrationspegel steigerte. Besonders kompliziert war es, unseren Hund mitzunehmen. Für Bella, ein Mischling zwischen Terrier und Schnauzer, standen wir beinahe 48 Stunden beim Außenhandelsministerium an. Tiere galten für die Behörden als Ware, die einer gesonderten Ausfuhrgenehmigung bedurften.

Die DDR-Behörden forderten die Ausweise zurück

Einen Tag vor der Ausreise mussten wir unsere Ausweise abgeben und bekamen eine Identitätsbescheinigung. Wir durften nicht über Friedrichstraße fahren. Es wurde uns vorgeschrieben, einen bestimmten Zug zu nehmen, der am nächsten Morgen um 6 von Rostock aus losging. Weil die Züge in den Westen keine Anschlusszüge waren, machten wir uns bereits am Vorabend auf den Weg dorthin und kampierten in der Nacht auf dem Bahnhof. Als wir schließlich in den Zug stiegen, bekam ich Angst, dass mir die Kontrolleure meinen Hund wegnehmen würden. Dann wäre ich ausgestiegen, was mir vermutlich nicht mal erlaubt gewesen wäre, weil wir ja als staatenlos galten. Aber Bella passierte zum Glück nichts.

Mit dem Zug kamen wir in Lübeck an. Die Bahnhofsstraße war grau und trist, und ich war enttäuscht, weil es dort nicht anders aussah als in der DDR. Von Lübeck aus fuhren wir mit dem Auto weiter nach Hamburg. Zwischendurch hielten wir an einer Raststätte. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass wir nun tatsächlich im Westen angekommen waren. Die Regale waren voll mit Waren – mehr als in jeder gewöhnlichen DDR-Kaufhalle. Ich kaufte mir einen Mars-Riegel und konnte gar nicht so schnell gucken, wie ein Angestellter das Fach wieder nachfüllte.

In Hamburg wurden wir von Freunden empfangen und aufgenommen. Die ersten drei Tage habe ich kaum geredet, weil ich von den vielen Eindrücken überwältigt war. Eine Woche nach unserer Ankunft saß ich dann vor dem Fernseher, es war der Abend des 9. Novembers 1989. Über den Bildschirm lief eine Newsline: „Mauer gefallen.“ Ich dachte zuerst an einen Scherz. Erst allmählich habe ich die Meldung als wahr realisiert – und mich darüber geärgert, dass die Maueröffnung nicht schon eine Woche früher passiert ist. Denn dann hätten meine Mutter und ich nicht alles verloren; jeder durfte ja nur einen Koffer mitnehmen. Möbel, Waschmaschine, Fernseher, persönliche Sachen, Fotos: all das hatten wir zurückgelassen. Letztlich hat bei der Nachricht aber doch die Freude überwogen.

Zwei Wochen nach unserer Ausreise fuhr ich zurück nach Berlin, Anfang 1990 zog ich endgültig wieder hierher. Das Komische war, dass ich zu meinen alten Freunden keine Beziehung mehr aufbauen konnte. Bereits ein Jahr vor unserer Ausreise fing ich an, mich innerlich von ihnen zu verabschieden, mich emotional zu distanzieren. Es war eine Art Vorbereitung, damit es nicht mehr so weh tut, wenn die Ausreise genehmigt wird. Ich ging ja davon aus, niemanden mehr wieder zu sehen.

Gegen die Verniedlichung der DDR

Heute wehre ich mich immer lautstark gegen die Verniedlichung der DDR, zum Beispiel durch Ostalgieshows, die eine gewisse Schlittschuhläuferin moderiert und in denen lustige Sachen vorgeführt werden. Tut mir leid, aber ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen und habe den real existierenden Sozialismus kennen gelernt. Wir wohnten in der Spittastraße in der Nähe vom Nöldnerplatz in Lichtenberg. Die Gegend war so heruntergekommen, dass die Defa sie als Kulisse für Kriegsfilme nutzte. Während Kati Witt in der ganzen Welt herumreisen durfte, verschwanden plötzlich Freunde von mir, weil sie nicht systemkonform waren. Das wird in solchen Shows leider verdrängt.

Mittlerweile lebe ich im Westteil der Stadt, in Charlottenburg. Die Straße, in der ich aufgewachsen bin, habe ich in der Vergangenheit mehrmals mit Fernsehteams besucht, die Filme über mich gedreht haben und wissen wollten, wo ich herkomme. Unser altes Haus ist inzwischen saniert und schön gestrichen. Aber daran vorbeizulaufen, löst nicht viel in mir aus. Ich bin kein Mensch, der seine Emotionalität an geografischen Punkten festmacht. Wenn ich jedoch eine Dokumentation über den Mauerfall sehe, bekomme ich heute noch glasige Augen.

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