Treffpunkt Gedächtniskirche : Schülerdemonstration nach Mauerfall

Tagesspiegel-Leser und Lehrer Dirk von Einsiedel organisierte am 10. November eine Demonstration von Schülern. Sie führte von Dahlem zur Mauer.

Dirk von Einsiedel

Vor 20 Jahren, am Freitag,  dem 10. November 89,  fuhr  ich mit dem Fahrrad morgens spontan zum Grenzkontrollpunkt Invalidenstrasse in Moabit. Fünf Minuten später stand ich an der Mauer, schloss mein Fahrrad an und passierte die Grenze ohne jegliche Kontrolle. Die Mauer war tatsächlich offen. Das Radio hatte vom Unglaublichen berichtet.

In der U-Bahn auf dem Weg zur Schule, der Königin-Luise-Stiftung in Dahlem, rotierten meine Gedanken. Physik unterrichten, als ob nichts geschehen wäre? Mein Unterricht begann in der 10a.:  „Die Mauer ist offen, na und?“ Die Stimmung veränderte sich schnell. „Unsere Freunde können uns endlich besuchen“, freute sich Leonid. „Meine Oma und mein Vater waren ganz gerührt“, erzählte Nina. „Hoffentlich geht das gut, denkt an den 17. Juni, als die Russen eingriffen“, warf jemand skeptisch ein.“ „Wir sollten allen zeigen, dass wir Anteil nehmen“, warf ich ein. Es endete mit „Wir ziehen zur Mauer  und überzeugen andere mitzukommen“ . Und so kam es. Viele  wollten mit, eine Abordnung erwirkte beim damaligen Direktor das Einverständnis.

Kurz darauf strömten unsere Schüler in großer Zahl auf die Podbielskiallee. Mir fiel  die Rolle des Führenden zu. „Sie wollten doch unsere Aktivität -  sagen Sie, wohin es gehen soll!“ Zusammen mit Ingrid, meiner späteren Frau, die gerade im Deutschkurs ‚Nathan den Weisen’ und philosophische Ansätze des Freiheitsbegriffs durchgenommen hatte, zogen wir zum nahe gelegenen Arndt-Gymnasium. So ganz wohl war uns nicht bei der Sache, denn wir trugen ja beide die Verantwortung für unsere Schüler, aber die Einmaligkeit der Situation trieb uns an.

Auf dem Wege formten sich die nächsten Pläne. Eine Art Transparent, das wir vor uns her trügen, wäre schön - wir wollten doch ein Demonstrationszug werden. Eine aufgeregte Direktorin kam uns entgegen: „Ihre Schüler hetzen unsere Kinder auf,  überreden sie zum Verlassen der Schule, das kann ich nicht dulden!“ Es stellte sich heraus, dass die Schulleiterin des Arndt  aus der DDR  stammte. Nachdem sie hörte, worum es ging, ließ sie  sich von unserer Begeisterung anstecken und überließ uns ihren Zeichensaal. Schüler beider Schulen malten dort ein Schild: „Wir Berliner Schüler freuen uns über den Fall der Mauer“.
 
Weiter ging es, zum Walter-Rathenau-Gymnasium.  Ständig geschah etwas Neues, dem Entscheidungen angepasst werden mussten. Unsere Gedanken und Entschlüsse waren immer  nur einen Moment den Ereignissen voraus. „Wohin danach?“, wurden wir gefragt. „Was ist unser endgültiges Ziel?“ „Wir wollen andere informieren.“ An der Rathenau-Schule wurde  die Parole  ‚Treffpunkt Gedächtniskirche’ ausgegeben.

Immer mit unserem Plakat vorneweg, marschierten wir zum Kurfürstendamm.  Seltsamerweise wurden wir immer weniger. Wir beiden Lehrer rätselten,wo die Schüler geblieben sein konnten; hatten sie so schnell ihr Interesse verloren? Es gab noch keine  Handys, eine  Kontaktaufnahme war nicht möglich. Als unsere kleine Gruppe schließlich die Gedächtniskirche erreichte, waren wir von der zwischenzeitlichen Entwicklung der Ereignisse vollkommen überrascht.

Der Breitscheidplatz war völlig überfüllt mit Hunderten von Schülern. Wie die Kommunikation funktioniert hatte, ist mir bis heute unklar. Auf jeden Fall muss die spontane Bereitschaft, aktiv Anteil zu nehmen, sehr groß gewesen sein. Der Funke war von Schule zu Schule übergesprungen. Da von der Königin-Luise-Stiftung  die Initiative ausgegangen war,  hatte die ganze Versammlung auf uns gewartet. Leonid und Alain traten an uns heran, in der Erwartung, dass ich entscheiden würde, was  als Nächstes zu tun war.

Irgendwie wollten alle an die Mauer, am liebsten zum Brandenburger Tor. Wie aber dort hingelangen und dabei niemanden verlieren?
Mit der S-Bahn könnte man vom nahen Zoo den Lehrter Bahnhof erreichen, der in der Nähe der Mauer lag. Dort müssten sich Schüler leichter im Auge behalten lassen. Entlang der Mauer würden wir das Brandenburger Tor erreichen.

Der S-Bahnsteig Zoologischer Garten quoll über wie bei einem Fussballspiel. In mehreren, mit Schülern vollbesetzten Zügen, erreichten wir den Lehrter Stadtbahnhof und formierten uns erneut. Eine lange Schlange mit unserem Leitspruch als Kopf marschierte los. Vorbei an Wachtürmen und im Schatten der hohen, mit farbigen Graffitti bedeckten Betonmauer.

Wie wir strömten viele Berliner zum Brandenburger Tor. Schnell mischten wir uns mit dem Strom und wurden Teil des allgemeinen Happenings. Fremde, aufgeregte Menschen halfen sich gegenseitig auf die Mauer. Es war ein unbeschreibliches  Gefühl! Unmögliches war möglich geworden. An den folgenden Tagen brach sich die allgemeine Begeisterung Bahn, Nachdenkliche Gedanken kamen später.

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