Urlaub in Rumänien : Trampen durch das Land ohne Autos

Sie kamen aus West-Berlin, konnten überall hin reisen – und fuhren im Sommer 1989 nach Rumänien. Warum? Weil man mit 23 keinen Urlaub macht. Ferien sind was für Senioren, Spießer und Familien. Mit 23 reist man! Um zu lernen, seinen Horizont zu erweitern, um in sechs Wochen ein anderer Mensch zu werden. Kurz: ein anstrengendes Alter. 1989 war Tagesspiegel-Redakteurin Katja Füchsel genau 23.

Katja Füchsel
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Auf großer Fahrt. Katja Füchsel in Rumänien. -Foto: privat

Rumänien war ein ideales Reiseziel, weil es eben nicht zu den klassischen Touristenzielen zählte. Es gab keine praktischen Reiseführer, keinen Loose, keinen Lonely Planet. Niemand an der Uni, aus der Familie oder aus dem Freundeskreis war jemals dort. Perfekt. Wir wussten wenig: Seit 1965 herrschte Diktator Nicolae Ceausescu mit seiner Geheimpolizei Securitate. Seitdem er 1982 beschlossen hatte, Rumäniens Auslandsschulden zurückzuzahlen, ging es im Land bergab. Rumänien exportierte, was es an landwirtschaftlichen Produkten hergab – und Armut machte sich breit. Jeder Rumäne hatte im Monat mit ein paar Kilogramm Zucker, Mehl, Butter, Gemüse, Obst und Kartoffeln auszukommen. Ein Auto besaßen nur fünf Prozent der Bevölkerung, das Benzin war monatlich auf 22 Liter pro Person rationiert.

Mit Zelt und Rucksack durch Karpaten und Donaudelta

Für die Kinder aus dem bürgerlichen Schmargendorf also ein ideales Land zur individuellen Bewusstseinförderung, die sich vornahmen, mit Zelt und Rucksack durch die Gegend zu trampen (ausgerechnet!), mit Zwischenstopps im Donaudelta und den Karpaten. Auf den Anblick der verlassenen Prachtboulevards, der mehrspurigen, aber autofreien Straßen waren sie nach der Landung ja noch halbwegs vorbereitet. Nicht aber damit, dass es einen halben Tag dauern würde, sich mit einer kleinen Tüte Proviant für die Zugfahrt einzudecken.

Die Läden waren leer. An einem Aprikosenstand warteten wir eine halbe Stunde – und wurden wieder weggeschickt, weil wir keinen Beutel und keine Tüte für die Ware dabei hatten. Also Anstellen am Tütenstand, zurück zu den Aprikosen. Danach schüttelte der Limonadenverkäufer bedauernd den Kopf. In einer Nebenstraße fanden wir nach einer Stunde schließlich ein kleines, dunkles Geschäft, das hunderte leere, staubige Flaschen zum Verkauf anbot. Eine Stunde später war die Flasche mit Limonade gefüllt.

Am Nachmittag saßen wir dann völlig geschafft mit unserer Tüte im Zug – und lernten, dass in Bussen und Zügen an Schlafen nicht zu denken war. Weil sich schnell eine Traube Menschen um die ulkigen Touristen scharte, guckte, fragte, lachte: Man unterhielt sich mit Händen und Füßen, sprach einen Mix aus englisch, französisch, rumänisch, deutsch. Zeit gab es genug. 81 Kilometer sind es von Turda nach Cimpeni, der Zug brauchte dafür fünfeinhalb Stunden.

Schon im Donaudelta hatte sich herausgestellt, dass wir die richtige Währung Zuhause gelassen hatten. Mit Geld konnte man in dem Land, in dem es nichts etwas zu kaufen gab, kaum jemand locken. Mit Westzigaretten und Kaffee jeden. Für einen Plastikrasierer und vier Austauschklingen ruderte uns ein glücklicher Fischer bis zum Schwindel um eine Insel im Donaudelta. Seine rumänischen Zigaretten taugten bestenfalls dazu, die Mückenschwärme zu vertreiben.

Das Problem mit dem Proviant

Es gab eine tägliche Meldepflicht, die Stempel bekam man, wenn ich mich recht erinnere, an Bahnhöfen, bei der Polizei und in den staatlichen Hotels. Weil es aber kaum Individualtouristen gab, interessierte sich kein Mensch für die gesammelten Stempel. Ein Problem blieb aber der Proviant. In den Karpaten hatten wir uns schon damit abgefunden, vier Tage gar nichts zu essen, um nicht auf die geplante Wanderung verzichten. Doch dann erbarmten sich zwei rumänische Brüder, die wir im Zug kennen gelernt hatten. Flori und Gel, beide Anfang 30, trugen in ihren monströsen Rucksäcken, was Mutters Schrebergarten und Vorratskammer hergegeben hatten. Zwei Tage lang fütterten sie uns mit Gurken, Speck und Brot durch. Wir erzählten vom Leben im Westen, sie vom Alltag im Osten. Adressen wurden am Ende nicht ausgetauscht. Die Brüder fürchteten, dass Briefe aus dem oder ins westliche Ausland sie ins Gefängnis bringen könnten. Wir hätten nur etwas warten müssen: Im Winter 1989 brach das System zusammen, Ceausescu wurde nach der rumänischen Revolution erschossen.

Nach knapp drei Wochen Rumänienreise war die Grenze zu Ungarn erreicht. In einem Budapester Restaurant aßen wir die Speisekarte einmal hoch und runter, flüchteten dann aber schnell weiter in die Provinz, dann weiter in die Tschechoslowakei. Was die 23-Jährige voller Abscheu in einem Brief über Budapest schrieb? „Die Stadt befindet sich im West-Konsum-Taumel, ist laut und voller Touristen. Die gehoffte Atmosphäre konnten wir nicht ausmachen.“ Wie gesagt: ein eher anstrengendes Alter.

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