Von West nach Ost : Gegen den Strom

Tagesspiegel-Leserin Sabine Erdmann-Kutnevic war 1987 aus Ost-Berlin ausgereist und wohnte inzwischen in Schöneberg. Am Abend de s9. November machte sie sich wieder auf, in den Osten und fand sich allein auf dem Alexanderplatz wieder.

Sabine Erdmann-Kutnevic

Ich hörte am Abend des 9. November 1989 den berühmten Schabowski-Satz im Fernsehen und sah wenig später die Bilder der nach West-Berlin strömenden Menschen. Ich wohnte in Berlin-Schöneberg, war zwei Jahre zuvor aus Ost-Berlin ausgereist und hatte keine größere Sehnsucht, als die Menschen in der DDR wieder zu sehen, mit denen ich den größten Teil meines Lebens verbracht hatte und mich tiefe Freundschaften verbanden.

Noch im Sommer 1989 hatte ich an einem deutsch-deutschen Gedenkweg der Aktion Sühnezeichen teilnehmen können, der im Gedenken an die Todesmärsche von Buchenwald-Häftlingen im Frühjahr 1945 eine Gruppe Jugendlicher aus Ost und West von Buchenwald über die innerdeutsche Grenze nach Dachau führte. Zum ersten Mal war eine solche grenzüberschreitende Aktion von höchster politischer Stelle genehmigt worden, wenn auch misstrauisch beobachtet und nicht überall willkommen geheißen. Überlagert wurde unser Anliegen, sich gemeinsam mit der NS-Vergangenheit und deren unterschiedlichem Umgang damit in Ost und West auseinanderzusetzen und neuen Formen von Rechtsextremismus entgegenzutreten, dann von der Berichterstattung der Massenfluchten über Ungarn aus der DDR.

Die DDR-Teilnehmer/innen dieses Gedenkweges, die alle der politischen Opposition angehörten, hatten jahrelang für Reformen in der DDR gekämpft und dafür persönliche Nachteile in Kauf genommen. Sie hatten sich bewusst zum Bleiben entschieden, einige waren Mitbegründer des Neuen Forums und alle gingen im Herbst 1989 für diese Ziele auf die Straße. Auch ich versuchte, mehrfach im September und Oktober 1989, nach Ost-Berlin zu gelangen, hatte aber Einreiseverbot. Mit großer Anteilnahme verfolgte ich, was um den 7. Oktober und danach auf den Straßen in Berlin, Leipzig und an anderen Orten passierte - besonders in Erinnerung ist mir die große Demonstration am 4. November mit den vielen kreativen und witzigen Plakaten in Berlin. Ich fragte mich lediglich: wo waren diese vielen Menschen vorher nur gewesen, als ich massenhaftes Schweigen, Sich-Anpassen und Duckmäusertum in Schule, Universität und Betrieben als lähmend und unsolidarisch mit den Wenigen, die etwas wagten, erlebt hatte. Aber nun waren sie da - Mut, Ausgelassenheit und Freude brachen sich Bahn. Am 9. November verlor sich diese Stimmung gen Westen, zuvor hatten sich die Sprechchöre in Leipzig von "Wir sind das Volk!" in "Wir sind ein Volk!" gewandelt, wenig später ging es nur noch um das Begrüßungsgeld und die D-Mark.

Ich habe mich am 9. November mit meinem Fahrrad über die Bornholmer Brücke von West nach Ost gegen die Massen gestemmt, wollte unbedingt nach Ost-Berlin, konnte nicht glauben, dass ich mit meinem Ausweis durchgelassen wurde, stand dann nachts auf dem menschenleeren Alexanderplatz und wusste nicht so recht, was ich da sollte. Aber ich spürte, dass die möglichen Reformen in der DDR von einer größeren Kraft überrollt worden waren und man diese nicht aufhalten konnte. Heute weiß ich, dass es keine Alternative zur Einheit gegeben hätte und dass diese richtig war. Es gibt noch immer genug Unrecht hier und auf der ganzen Welt, gegen das man kämpfen und seine Stimme erheben kann.

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