Wende live : Als Westler im Gottesdienst der DDR-Opposition

Kurz nach dem 40. Jahrestag der DDR reiste Tagesspiegel-Leser

Daniel Hoelzmann
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Mitten in Prenzlauer Berg. Die Gethsemanekirche (hier eine Aufnahme von 2004) war das Zentrum der DDR-Opposition. -Foto: Presse- und Informationsamt des Landes Berlin/dpa/gms

Anfang Oktober 1989 waren meine Schwester und ich zu Besuch bei unseren Eltern in West-Berlin. Ausgerechnet am 7. Oktober 1989 wollten wir nach Ost-Berlin fahren. Doch dort liefen die Feiern 40. Jahrestag der DDR - die Einreise war uns nicht möglich. So starteten wir zwei Tage später von W-Berlin nach O-Berlin. Ein Freund aus Frankfurt am Main begleitete uns. Nach kurzer Fahrt durch Mitte erreichten wir in Prenzlauer Berg und bestaunten die zur Vorzeigemeile herausgeputzte Husemannstraße. In einer Eckkneipe, schön restauriert für die Touris, fragten wir den Kellner, ob wir einen Bierdeckel „VEB Getränkekombinat“ mitnehmen dürfen. "Nein", antwortete der trocken, "das ist Volkseigentum“.

Anschließend besuchten wir die  Gethsemanekirche und waren tief beeindruckt von den Hungerstreikenden, die in der Kirche ausharrten. Spontan spendete ich mein Geld aus dem Zwangsumtausch. Auf einem Plakat wurde auf den Gottesdienst um 18 Uhr hingewiesen. An diesem wollten wir unbedingt teilnehmen. In der Zwischenzeit unternahmen wir aber noch einem Abstecher mit der S-Bahn nach Bernau - was für uns Westbesucher eigentlich verboten war. Unser Visum galt nur Ost-Berlin. So schnell wie möglich traten wir deshalb auch den Rückweg nach Prenzlauer Berg an

Die Stimmung in der Umgebung der Gethsemanekirche war gespenstisch. Draußen standen überall Männer herum, die selbst wir Laien der Stasi zuordnen konnten. Wir trauten uns trotzdem in die Kirche hinein, obwohl wir sehr unsicher waren, ob wir das eigentlich durften. Der Anblick drinnen war beeindruckend. Alle Plätze waren gefüllt. Die Leute klatschten und jubelten den Rednern der Opposition zu.

Obwohl wir am Rand standen und uns extra versucht hatten, uns unauffällig zu kleiden, hat man uns als West-Besucher identifiziert. Man blickte uns mit Argwohn an: „Was suchen die denn hier?“ Unglaublicher Jubel brauste auf, als die Namen von Oppositionellen vorgelesen wurden, die von der Staatsmacht verhaftet und wieder freigelassen wurden. Wir waren Zeugen eines der wichtigsten Ereignisse der Wendezeit geworden. Auch als Unbeteiligte konnten wir spüren, was die Besucher fühlten, als die Freigelassenen namentlich aufgerufen wurden. Irgendwie wurden auch wir von der Hoffnung angesteckt, dass ein zweiter deutscher Staat mit einem anderen System, aber mit Meinungsfreiheit, leben könnte.

In einer Kneipe in der Schönhauser Allee wollten wir die Eindrücke noch einmal Revue passieren lassen. So richtig gelang uns das nicht, denn die Stimmung war sehr gedrückt, die Gäste wirkten traurig. Das Bier schmeckte auch nicht. So fuhren wir zurück in den Westen.

Am nächsten Morgen konnten wir bei unseren Eltern im Tagesspiegel und in anderen Zeitungen große Berichte über den Gottesdienst lesen, an dem wir teilgenommen hatten. Auf einem Foto meinten wir sogar, unsere Köpfe entdeckt zu haben. Seitdem habe ich die Gethsemanekirche immer in besonderer Erinnerung.

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