Zeitung im Salon : Das Kreuz mit der Einheit

In unserer Reihe "Zeitung im Salon" diskutierten unsere Kolumnisten Angela Elis und Michael Jürgs im Tagesspiegel-Salon mit Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff über Ost- und West-Milieus.

Udo Badelt
307846_3_xio-fcmsimage-20091101214122-006005-4aedf2721c7f1.heprodimagesfotos83120091102elisjuergs023.jpg
Gemeinsam uneins. Angela Elis aus Leipzig und Michael Jürgs (rechts) aus Hamburg diskutierten mit Tagesspiegel-Chefredakteur...Foto: Uwe Steinert

Anderen beim Streiten zuzuschauen ist doch das Schönste. Und worüber ließe sich in Deutschland, auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall, besser diskutieren als über Teilung und Einheit, über BRD und DDR, über die verschiedenen Milieus, die diese Staaten und ihre Gesellschaftssysteme hervorgebracht haben? Über ein Jahr lang haben Michael Jürgs, der Journalist aus Hamburg, und Angela Elis, die MDR-Fernsehmoderatorin aus Leipzig, in der Tagesspiegel-Kolumne „Kreuzweise Deutsch“ aus diesem Thema Funken geschlagen. Ihre Texte erschienen nun in einem gleichnamigen Buch.

Mehr als 200 Besucher des Tagesspiegel-Salons konnten die beiden im Kabarett Distel live auf dem Podium erleben – und dabei erfahren, dass sie sich eigentlich ganz gut vertragen. Und dass, obwohl Elis noch 2002 eine Interviewanfrage von Jürgs mit dem Argument ablehnte, sie habe keine Lust, als „Kanonenfutter“ für seine spitze Feder zu dienen. Unterschiedliche Ansichten haben die beiden natürlich trotzdem bis heute – zum Beispiel in der Frage, wie lange die Trennung der ost- und westdeutschen Milieus noch anhalten wird. „Das ist anders als bei Bayern und Hamburgern“, meint Elis. „Noch unsere Kinder werden davon geprägt sein.“ Jürgs, mit trockener, gelassener, hanseatischer Stimme: „Unseren Kindern wird es völlig wurscht sein, wo sie herkommen. Die interessieren sich viel mehr dafür, wo die besten Chancen für sie sein werden.“

Viel Zeit haben die beiden für ein Thema nicht. Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff hat ein ganzes Füllhorn an Fragen mitgebracht: Warum geht die SPD im Osten so unter? Welche Rolle spielt die Religion dort heute noch? Warum hat man im Westen den Eindruck, 80 Prozent der Ostdeutschen seien bei der Stasi gewesen, obwohl es tatsächlich nur zwei Prozent waren? Und worin liegt der Schlüssel zum Erfolg von Angela Merkel? „Wir haben im Osten gelernt“, sagt Angela Elis, „zwischen den Zeilen zu lesen. Das beherrscht auch Angela Merkel perfekt. Früher dachten viele: Die ist ja so nett. Die doppelbödige Botschaft ihrer Reden haben sie erst hinterher begriffen.“

Besucherin Ute Preller wurde in Sachsen geboren und lebt in Lichtenberg. Obwohl sie grundsätzlich denkt, dass beide Autoren recht haben, sympathisiert sie doch eher mit Angela Elis: „Ich habe alle Kolumnen gelesen. Immer wenn eine neue erschien, habe ich gedacht: Gib ihm Feuer!“ Ihr Begleiter Friedrich Preller kommt aus München. Das ganze Thema der deutschen Teilung und Einheit spielt dort keine große Rolle. „Das ist so weit weg. Bis auf gelegentliche Schlagzeilen hat es für mich nicht existiert.“ Inzwischen arbeitet er in Berlin und weiß, wie wichtig diese Fragen sind.

Als sich das Publikum schließlich selbst zu Wort melden darf, steht vor allem eines in Frage: Die vielgepriesene Solidarität in der DDR, die nach Meinung von Angela Elis unbedingt zu den positiven Dingen gehört, die man hätte erhalten sollen. „Wenn ich zu meinem Nachbarn, den ich eigentlich nicht leiden kann, freundlich bin, weil er ein Kuchenblech hat, das ich brauche, dann ist das doch noch keine Solidarität“, meint ein Besucher. Und ein anderer: „Das war keine Tugend-, sondern eine Zweckgemeinschaft“. Die Debatte, scheint es, ist noch lange nicht zu Ende.

Umfrage

East Side Gallery: Die bekanntesten Reste der Berliner Mauer wurden versetzt. Was halten Sie davon?

0 Kommentare

Neuester Kommentar