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Tätlicher Angriff auf Reporterin : Wahlkampfmanager von Donald Trump unter Anklage

Zum Erstaunen der klassischen Medien will Trump Corey Lewandowski nicht feuern, nachdem dieser eine Reporterin hart angefasst hat. Ein Video zeigt, was genau geschehen ist. Ein Kommentar

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Rechts unten ist Donald Trump zu sehen, in der Mitte Corey Lewandowski, der Michelle Fields (in heller Kluft) am Arm fasst und abdrängt.
Rechts unten ist Donald Trump zu sehen, in der Mitte Corey Lewandowski, der Michelle Fields (in heller Kluft) am Arm fasst und...Foto: REUTERS

Schon die Nachricht selbst ist eine Sensation: Der Wahlkampfmanager eines der beiden führenden Präsidentschaftskandidaten ist des tätlichen Angriffs auf eine Journalistin angeklagt und muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Doch dieser Kandidat, Donald Trump, weigert sich, seinen Manager Corey Lewandowski deshalb zu entlassen.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Ebenso spannend ist die Geschichte hinter der Geschichte. Michelle Fields, die Reporterin des Nachrichtenportals Breitbart News, hatte es gar nicht darauf angelegt, Lewandowski offiziell vor Gericht zu ziehen und bestraft zu sehen. Doch sie verlor ihren Job, weil manche ihrer Vorgesetzten den Verdacht hatten, sie habe sich die Vorwürfe gegen Lewandowski ausgedacht. Die Trump-Kampagne hatte vehement bestritten, dass Lewandowski Fields auch nur berührt habe. Fields erstattete Anzeige, weil sie darin den einzigen Weg sah, dass die Wahrheit festgestellt und sie entlastet werde. Pikant daran: Breitbart News ist eine konservative Webseite, die durch aggressive Recherchemethoden gegen Linke in den USA berühmt wurde.

So bestätigen die Abläufe der letzten drei Wochen nicht nur die bereits notorischen Vorwürfe über Trumps herablassenden Umgang mit Frauen. Sondern sie verraten auch einiges über den Umgang mit Fakten, Lügen und Wahrheit in Trumps Wahlkampf. Und darüber, wie die diversen amerikanischen Öffentlichkeiten mit diesen Enthüllungen umgehen. Was für die Einen ein Skandal ist, könnte Trumps Rückhalt bei Anderen eher noch festigen.

Ermittlungsergebnis: Ein tätlicher Angriff

Was tatsächlich an jenem 8. März - dem internationalen Frauentag, notabene - am Rande einer Wahlkampfkundgebung Trumps in Florida geschehen war, kann hier auf Video gesehen werden:

Fields läuft mit einem Aufnahmegerät in der Hand seitlich hinter Trump her, offenbar im Bemühen, ihn etwas zu fragen und seine Antwort aufzuzeichnen. Da packt Lewandowski sie von hinten und reißt sie zurück. Die Justiz in Jupiter, Florida, hat die Videoaufnahmen sichergestellt, Zeugen befragt und zudem zu Protokoll gegeben, dass die Reporterin Michelle Fields an der Stelle ihres Armes, an der Lewandwoski sie packte, blaue Flecken aufwies. Ben Terris von der "Washington Post" hatte die Szene beobachtet und dient der Polizei als Belastungszeuge.

Das juristische Ergebnis: Anklage wegen "Battery", was in etwa einem tätlichen Angriff unterhalb der Körperverletzung ("assault") entspricht. "Battery" bezeichnet in Floridas Strafrecht im Grunde jede unerwünschte körperliche Berührung.

"Einladung" oder "Festnahme"?

Lewandowski erhielt die Aufforderung, auf dem Polizeirevier zu erscheinen und die Ladung zum Gerichtstermin am 4. Mai in Palm Beach Gardens, Florida, gegenzuzeichnen. Das tat Lewandowski - und auch um dieses Detail entspann sich sogleich ein Interpretationsstreit. Er sei nicht "festgenommen" worden, betonten Sprecher des Trump-Lagers, sondern freiwillig einer "Einladung" auf das Polizeirevier gefolgt. Völlig falsch, korrigierte Polizeisprecher Joseph Beinlich. Eine "Notice to Appear" (die Aufforderung, zu erscheinen) "entspricht einer Festnahme". Lewandowski sei zur Erledigung der Formalitäten festgehalten und erst danach wieder freigelassen worden.

Dieses Feilschen um Worte und Interpretationen erleben die USA seit Bekanntwerden der Vorwürfe. Trump und seine Sprecher stiften Verwirrung, indem sie zunächst alles abstreiten. Tauchen Beweise auf, zweifeln sie diese an oder bemühen sich um eine abweichende Interpretation. Erst hieß es, Lewandowski habe Fields überhaupt nicht berührt. Dann sagte Trump, man wisse nicht, ob die behaupteten blauen Flecken von diesem Vorfall stammen oder nicht schon zuvor vorhanden waren.

Leugnen, täuschen, uminterpretieren

Als das Video öffentlich wurde, schob Trump in einem Interview mit dem TV-Sender Fox eine neue Erklärung nach. Fields habe einen Gegenstand in der Hand gehabt (das Aufnahmegerät), und Lewandowski habe womöglich unter dem Eindruck gestanden, dass sie Trump damit angreifen wolle. Er erwäge, seinerseits Klage gegen Fields einzureichen. Wegen eines so unbedeutenden Vorfalls könne er einen derart verdienten Mitarbeiter wie Lewandowski jedenfalls nicht feuern, beharrte Trump am Mittwoch.

Michelle Fields hatte Trump, bevor sie ihren Job am 14. März infolge der Kontroverse aufgab, per Twitter aufgefordert: "Hör auf zu lügen!" Sie hatte das Gefühl, dass ihre Vorgesetzten mehr darum bemüht waren, auf Trump Rücksicht zu nehmen, als sich schützend vor ihre Mitarbeiterin zu stellen. Mehrere Kollegen kündigten ihre Jobs bei Breitbart News ebenfalls aus Solidarität mit Fields. Am Dienstag entschuldigte sich Joel Pollak, einer der Bosse bei Breitbart News bei Fields. "Ich war eindeutig im Unrecht."

Rivale Kasich: Ich würde so einen Mitarbeiter feuern

Trotz der eindeutigen Beweislage sind die politischen Folgen des Skandals nicht so klar. Klassische Medien bewerten es als Fehler, dass Trump und Lewandowski so lange versucht haben, die Abläufe zu leugnen. Und dass sie sich auch jetzt nicht entschuldigen. Trumps Rivale John Kasich sagt, wenn gegen einen seiner Mitarbeiter ähnliche Vorwürfe erhoben würden, würde er ihn feuern. Ehemalige Trump-Berater sagen, es wäre besser, wenn Lewandowski zurücktritt. An den Umfragen ist jedoch bisher nicht zu erkennen, dass Trump-Anhänger sich von solchen Vorfällen beeindrucken lassen und sich deshalb von dem führenden Präsidentschaftsbewerber der Republikaner abwenden. Auch bei anderen Wahlkampfveranstaltungen war Lewandowski in Handgemenge verwickelt, obwohl für Sicherheit und Streitschlichtung speziell ausgebildetes Personal zuständig ist.

Es sieht ganz danach aus, dass erst eine eindeutige öffentliche Schlappe Trump dazu bringen würde, seinen Kurs zu korrigieren. Mit Spannung blicken Beobachter auf die Vorwahl in Wisconsin am kommenden Dienstag - und auf die weitere Entwicklung der Umfragen dort. Derzeit liegen Trump mit 32,3 Prozent und sein Rivale Ted Cruz mit 33 Prozent dort nahezu gleichauf. Eine Niederlage könnte für Wahlkampfmanager Corey Lewandowski gefährlicher werden als die Kontroverse mit Michelle Fields. Kurz vor der Vorwahl in New Hampshire hatte Trump zu Lewandowski gesagt: "Wenn wir nicht gewinnen, bist du gefeuert." Diese berühmten Worte "You are fired!" waren in der TV-Serie "The Apprentice" zu Trumps Markenzeichen geworden. Bisher hat er sie gegen Lewandowski nicht über die Lippen gebracht. Nach einer Niederlage in Wisconsin könnte sich das nächsten Mittwoch eventuell ändern.

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