Blog zum Musikfest (2) : Multitalent Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard ist ein Anti-Star. Der Pianist und Dirigent ist ein Typus Musiker aus dem 18. Jahrhundert, in dem alle Musiker noch Allroundgenies waren. Nur komponieren tut er nicht - noch nicht. Am 1. September tritt er mit dem Chamber Orchestra of Europe beim Musikfest Berlin auf.

Andreas Richter
Pierre Laurent Aimard
Als Pianist beeindruckt Pierre Laurent Aimard das Publikum immer wieder mit seinen besonders raffiniert ausgefeilten Programmen....Foto: Marco Borggreve

Einige Beiträge meines Blogs zum Musikfest 2013 sollen kurze Beiträge über außergewöhnliche Künstlern sein, mit denen ich in den letzten Jahren arbeiten durfte - keine Biographien, sondern kurze und persönliche Porträts, die hoffentlich Lust machen auf eine persönliche Begegnung im Konzert.

Der sympathisch unprätentiöse Franzose ist eher ein Anti-Star, macht keine Werbung für Autos oder Uhren und spielt auch nicht auf den Marktplätzen der Republik. Unser erstes Zusammentreffen geschah 2005 in meiner Zeit beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Pierre-Laurent Aimard war als Solist eingeladen, um mit Kent Nagano „Anatara“, ein Werk von George Benjamin für Elektronik und 16 Instrumente zu spielen. Dabei zeigte er sich nicht nur als genialischer Pianist, sondern als derjenige, der die Programmierung des dazu notwendigen Synthesizers viel besser beherrschte als der bestellte Tontechniker.

Trotzdem schwor ich mir am Ende der anschließenden Tournee nach Düsseldorf, Bonn und Freiburg, nie wieder mit Life-Elektronik auf Reisen zu gehen, weil es kaum möglich ist, diese den jeweiligen Tonsystemen der verschiedenen Konzerthäuser akzeptabel anzupassen.

Die Dirigenten
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Später folgten viele gemeinsame Projekte mit dem Mahler Chamber Orchestra, in denen Pierre-Laurent Aimard als Pianist und auch als Dirigent dabei war – London Proms, Carnegie Hall New York, Festspielhaus Baden-Baden, Festival Aix-en-Provence oder Lucerne Festival. In 2009 übernahm er die künstlerische Leitung des noch von Benjamin Britten begründeten Aldeburgh Festivals und lud wiederum seine Lieblingsorchester der Reihe nach ein, dort im Sommer jeweils ihre Probenphasen zu verbringen. So das MCO – ich erinnere mich an eine wunderbare Woche, die ich im Bed&Breakfast bei zwei musikbegeisterten älteren Damen  in einem englischen Landhaus verbrachte, mit Proben und Konzerten  in einer ganz aus Holz gebauten Scheune. Natürlich kam auch das von Boulez gegründete Ensemble Intercontemporain aus Paris, in dem Aimard 17 Jahre als Pianist wirkte und eben auch das Chamber Orchestra of Europe, mit dem er nun am 1. September in Berlin zu Gast ist.

Pierre-Laurent Aimard ist einer der wenigen Pianisten, die ebenso an einem Abend drei Mozart-Klavierkonzerte spielen und dabei vom Klavier aus leiten, wie auch unglaublich komplexe Solowerke des 20. Jahrhunderts von Ligeti, Messiaen oder George Benjamin mit großer Überzeugungskraft und Virtuosität vortragen können. Und das mit einem klaren Bewusstsein für Klang und Authentizität, wie ich einmal erleben konnte, als ich ihn mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment unter Simon Rattle mit dem Debussy-Klavierkonzert hörte – auf einem historischen Erard-Flügel mit wunderbar samtig weichem Klang.

Andreas Richter wird Tagesspiegel-Gastautor

Aimard mischt gerne die Genres von Solowerken über Kammermusik bis zu Konzerten und Symphonik und erweitert so die Programmmöglichkeiten immens. Er ist ein Typus Musiker aus dem 18. Jahrhundert, einer Zeit in der alle Musiker noch Allroundgenies waren, mit dem starken Fokus auf die Zeitgenossen des 20. und 21. Jahrhunderts – nur komponieren tut er (noch?) nicht. Aber auch das würde nicht überraschen.

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Einen kleinen Einblick in seine Probenarbeit können 30 Tagesspiegel-Leser bekommen bei einer öffentlichen Probe am 31. August um 18.00 im Kammermusiksaal. Anmeldungen unter musikfest@tagesspiegel.de.

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