Blog zum Musikfest Berlin (10) : London calling

Berlin ist eine anerkannte Musikstadt mit unzähligen Orchestern, Dirigenten und Spielorten. Vergleichen lässt sich dieses Aufgebot in Europa nur noch mit London. Oder ist die englische Metropole sogar überlegen?

Andreas Richter
Rote Telefonzelle in London.
London lockt mit einem großen Aufgebot an Orchestern.Foto: dpa

Wenige Berliner können fehlerfrei die Berliner Orchester, ihre Dirigenten, Spielorte und Historie auseinanderhalten. Erst recht für auswärtige Besucher ist diese Vielfalt ein Problem. Und es gibt ja nicht nur die sieben großen Orchester, sondern dazu verschiedene Kammerorchester, freie Orchester und auch Gebilde, die man zuweilen etwas despektierlich als Telefonorchester bezeichnen möchte, aber auch diese spielen eine Rolle im Berliner Musikleben.

Nicht anders geht es uns Berlinern, wenn wir nach London blicken. Wie Winrich Hopp in seiner Einführungsveranstaltung in sein Musikfest beim Tagesspiegel erläuterte, die einzige Musikmetropole, die darin mit der deutschen Hauptstadt vergleichbar ist. Vielleicht sogar überlegen?

Welche Orchester kennen wir aus London? Das Philharmonia Orchestra, das mit seinem Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen am heutigen Montag in Berlin zu Gast ist. Im Übrigen war Herbert von Karajan dort Chefdirigent, bevor er nach Berlin kam, danach Klemperer, Muti, Sinopoli und Dohnányi. Das Orchester ist in der Royal Festival Hall beheimatet.

Ebenfalls in der englischen Hauptstadt ansässig ist das London Philharmonic Orchestra mit Chedirigent Vladimir Jurowski, der seine Karriere als Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin begann. 2007 folgten so berühmten Dirigenten wie Bernard Haitink, Georg Solti und Kurt Masur.

In Berlin nicht unbekannt ist auch das London Symphony Orchestra (LSO), beheimatet im Barbican Centre und zurzeit von Valeri Gerghiev geleitet. Vor drei Jahren eröffnete es das hiesige Musikfest unter Daniel Harding. Unter den früheren Chefdirigenten waren unter anderem Claudio Abbado und Colin Davis.

Außerdem gibt es das Royal Philharmonic Orchestra verbunden mit Namen wie Charles Dutoit oder auch Daniele Gatti, sowie eine ganze Reihe auch international berühmter Kammer- und Spezialorchester: Academy of St. Martin in the Fields, das unter Sir Neville Marriner das wohl weltweit am meisten CD-Aufnahmen einspielte, das Orchestra of the Age of Enlightenment auf historischen Instrumenten, das English Chamber Orchestra, die English Baroque Soloists von John Elliot Gardiner, The English Concert und nicht zuletzt das Chamber Orchestra of Europe, welches erst letzte Woche in Berlin zu hören war. Und natürlich haben das Royal Opera House Covent Garden und die English National Opera exzellente Orchester, außerdem verfügt London mit der London Sinfonietta über ein veritables Spezialorchester für zeitgenössische Musik.

Einen großen Stellenwert im Londoner Musikleben hat auch das BBC Symphony Orchestra, eines von insgesamt fünf britischen Radioorchestern. Chefdirigent ist Jiří Bělohlávek und es spielte grade am letzten Wochenende die berühmte „Last Night of the Proms“ zum ersten Mal unter einer Dirigentin, nämlich der Amerikanerin Marin Alsop.

Es ist also unschwer zu sehen, dass Berlin hier noch einiges aufzuholen hat an Anzahl und Vielfalt der Ensembles. Freilich sind alle Londoner Orchester im Schnitt weniger subventioniert und mehr von privaten Mäzenen getragen. Die Musiker sind vergleichsweise schlechter bezahlt und daher zum Teil auch auf zusätzliche Studiojobs für Hollywood-Blockbuster angewiesen. Auch an Spielorten ist London quantitativ mindestens ebenbürtig, Berlin kann freilich mit Akustik und Architektur der Philharmonie punkten.

Offensichtlich ist – und das ist keine Kritik am sehr viel dichteren Programm des Berliner Musikfests – hat London die Nase auch vorn mit den BBC Proms, dem berühmten Festival, das in diesem Jahr  wieder mit Rekordauslastung schloss: über 300.000 Zuschauer in 88 Konzerten. Berlin hat eben keine Royal Albert Hall mit an die 8.000 Plätzen, mit dieser unvergleichlichen Atmosphäre, und es ist auch kein Äquivalent in Sicht. So ist das vielleicht einer der vielen Gründe, die Sir Simon Rattle nach London ziehen könnte, als Brite mit einem Londoner Orchester bei den Proms ein Heimspiel zu haben.

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