Blog zum Musikfest Berlin (13) : Das Publikum von morgen

Lange Zeit stand der Erhalt des kulturellen Erbes und der Wunsch nach niveauvoller Unterhaltung im Vordergrund. Doch mehr und mehr werden in Deutschland Angebote zur musikalischen Bildung eingefordert. Wie könnte diese aussehen?

Andreas Richter
Kinder spielen Geige. Foto: dpa
Wird hierzulande genügend für den musikalischen Nachwuchs getan?Foto: dpa

Wozu brauchen wir Orchester? Was dürfen sie kosten? Und welche Aufgaben sollen sie eigentlich erfüllen? Fragen, die sich sowohl die Musiker selbst, als auch Politiker und Konzertbesucher von Zeit zu Zeit stellen und auch stellen sollten. Vieldiskutierte Bücher wie der „Kulturinfarkt", in dem eine gründliche Ausmistung des öffentlich geförderten Kulturlebens gefordert wurde, wie auch der zu erwartende große Aufschrei gegen derartige Positionen zeigt, dass in diesem Thema durchaus Musik drin ist. Interessant ist dabei, dass Orchester und Musiktheater auch bei Menschen großen Rückhalt genießen, die deren Angebot kaum oder gar nicht wahrnehmen. Noch überraschender war freilich die Erkenntnis einer großen Studie – des Kulturbarometers 2011 –, dass sich in den Augen der Bevölkerung in den letzten Jahren die Aufgaben der Orchester wesentlich verändert haben.

War früher klar der Erhalt des kulturellen Erbes und der Wunsch nach niveauvoller Unterhaltung im Vordergrund, werden heute mehr und mehr Angebote zur musikalischen Bildung eingefordert. An erster Stelle steht heute der Auftrag, Kinder und Jugendliche für Musik und kulturelles Erbe zu begeistern. Das mag verschiedene Gründe haben: die wachsenden Angebote der Orchester in diesem Bereich, die spätestens seit dem Engagement der Berliner Philharmoniker und Simon Rattle auch eine größere Öffentlichkeit erreichen. Dann die Misere des Musikunterrichts in den Schulen: Unterricht fällt aus, wird von fachfremden Lehrern erteilt oder er ist in der Folge der PISA-Studie und der einseitigen Fokussierung auf die sogenannten Hauptfächer schon ganz von der Stundentafel verschwunden. Education boomt: Es gibt neue Studiengänge für Musikvermittlung, pädagogische Arbeit von Orchestermusikern wird offiziell als „Dienst“ gezählt und es gibt eine Vielzahl an Education-Projekten und Wettbewerben, wie der an diesem Wochenende veranstaltete „Yeah-Award“ des Netzwerks „Junge Ohren“.

Auch die großen Musikfestivals haben ihre Education-Programme: Das Beethovenfest Bonn lässt Schülermanager selbst Konzert veranstalten, die Salzburger Festspiele wie auch das Lucerne Festival haben quasi ein Parallel-Festival mit Veranstaltungen für Kinder in allen Sparten, andere kümmern sich um den professionellen Musikernachwuchs und veranstalten Akademien, Meisterkurse und vieles mehr.

Hier unterscheidet sich das Berliner Musikfest von seinen Konkurrenten und dafür gibt es gute Gründe. Seine Hauptpartner sind ja die Berliner Orchester, die die ganze Saison lang ihre eigenen Bildungsprogramm anbieten. Dazu nun eine neue Struktur aufzubauen oder gar die anreisenden Orchester einzuspannen, verbietet sich aus Kostengründen und würde auch kaum zu einer Nachhaltigkeit führen, die gerade im Bildungsbereich immer wünschenswert ist.

Ein kleiner Anfang war die Veranstaltung zum Konzert des Bayerischen Rundfunkorchesters mit dem „Quartett der Kritiker“. Vier renommierte Musikkritiker diskutierten anhand von CD-Einspielungen interpretatorische Möglichkeiten der beiden Konzerte für Orchester von Bartok und Lutoslawski. Ein interessiertes Publikum folgte gebannt der geballten und streitbaren Kompetenz. Und im anschließenden Konzert war es durchaus hilfreich, sich an die Tonbeispiele und verschiedenen Dirigate zu erinnern. Freilich war die Beschränkung auf am CD-Markt erhältliche Beispiele auch der Pferdefuß der Veranstaltung, die dann doch zu viel CD-Kritik und zu wenig Konzerteinführung war.

Für das Musikfest Berlin könnte es in Zukunft gute Gründe geben, doch etwas mehr zu bieten als Konzerteinführungen und den einen oder anderen Probenbesuch. Gerade die sehr anspruchsvolle Thematik des Musikfests kann weitergehende Vermittlungsansätze gut gebrauchen. Und eine engere Bindung des Publikums, eine wenigstens partielle Überwindung der Grenzen zwischen Podium und Zuhörer wie schließlich auch eine spezielle Ansprache jüngerer Besucher ist sicher hilfreich, auch in Zukunft ein Programm auf diesem intellektuellen und künstlerischen Niveau zu erhalten.

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