Blog zum Musikfest Berlin (8) : Orchester auf Reisen

Tourneen von Orchestern sind für alle Beteiligten eine Herausforderung. Wir sagen Ihnen, was alles funktionieren muss, damit die Musiker auch auf Reisen abends im Saal ihre volle Leistungsfähigkeit abrufen können.

Andreas Richter
Der Aufkleber "Weltspitze" klebt auf einer Transportkiste für einen Kontrabass.
Der Aufkleber "Weltspitze" klebt auf einer Transportkiste für einen Kontrabass.Foto: dpa

Die Orte klingen oft nach Urlaub: Luzern, Salzburg, Barcelona oder gar Singapur, Hongkong und Tokio. Konzertreisen sind gleichermaßen besondere Höhepunkte im Leben eines Orchesters wie auch sehr anstrengend. Der Tagesablauf auf Tour sieht meist so aus: Früh aufstehen, Transfer zum Bahnhof oder Flughafen (wenn nicht gar eine fünfstündige Busreise bevorsteht), Ankunft am Konzertort, einchecken im Hotel und kurze Pause, bevor es schon bald zum Konzertsaal geht, wo dann Anspielprobe und Konzert meist ohne große Unterbrechung folgen. Danach versucht man, etwas Essbares zu finden – was in manchen Orten nach Konzertende gar nicht so einfach ist – und geht schlafen, um für den nächsten Tag fit zu sein, der meist ganz ähnlich abläuft.

Beispielsweise hat das Philharmonia Orchestra London, das am Montag mit Esa-Pekka Salonen beim Musikfest auftritt, am heutigen Freitag ein Konzert in Grafenegg westlich von Wien, reist dann am Samstag nach Köln, spielt Sonntag in Dortmund, um dann Montag Vormittag nach Berlin zu reisen. Das heißt, vier Konzerte und vier Reisen an vier Tagen. Da bleibt für Sightseeing keine Zeit. Wenn man dann noch, wie in diesem Fall, drei komplett verschiedene Programme zu spielen hat, wird es hart für alle Beteiligten.

Oder das Concertgebouworkest aus Amsterdam: Man kam von Helsinki über Luxemburg und Luzern nach Berlin und spielte sieben Konzerte in acht Tagen als Teil einer Welttour durch alle Kontinente anlässlich des 125. Orchestergeburtstags. Andere Orchester wie das Chamber Orchestra of Europe oder das Mahler Chamber Orchestra haben keinen wirklichen Heimatort und sind quasi immer, wenn sie spielen, auf Tournee. Ihre Musiker leben verstreut in ganz Europa, was eine zusätzliche Anforderungen an die Organisation bedeutet, aber auch eine besondere Verbundenheit und Konzentration der Musiker während der Projektphasen zum Ergebnis hat.

Doch nicht nur für die Musiker sind derartige Tourneen eine Herausforderung: Ein ganzer Stab an Mitarbeitern und Dienstleistern ist notwendig, um die Musikerscharen und ihre Instrumente von Ort zu Ort zu bewegen. Hotels und Reisen sind meist lange im Voraus zu buchen. Der Transport der Instrumente ist immer wieder eine Herausforderung. Die großformatigen Kontrabässe, Pauken, Harfen etc. kommen in spezielle Transportkisten. Holzbläsern oder Geigen nimmt man bisweilen auch ins Handgepäck – nicht jeder möchte seine Stradivari in eine Kiste stecken. Aber da gibt es nicht selten auch Schwierigkeiten mit den Airlines, die sehr unterschiedliche Bestimmungen für Handgepäck zelebrieren. Am besten ist natürlich, man hat einen Charterflug, dann kann man auch die Reisezeiten optimal gestalten. Aber das ist in der Regel sehr teuer.

Schon lange vor der Reiseplanung werden Konzerte verabredet, finanzielle Konditionen, Programme und Dirigenten abgesprochen. Etwas kurzfristiger geht es dann ebenso um logistische Fragen wie Bühnenaufbau oder auch Pressearbeit, die Betreuung von Sponsoren und vieles mehr. Aber es lohnt sich für alle: Für das Publikum, weil es eine größere Bandbreite an Interpretationen und Traditionen, bisweilen eine außerordentliche Qualität geboten bekommt. Für ein Festival oder einen Konzertsaal, weil damit Kulturaustausch programmatisch fruchtbar gemacht werden kann. Für die Musiker, weil es immer wieder ein Erlebnis ist, in neuen Konzertsälen und vor einem unbekannten Publikum zu spielen, zu erspüren, wie der Klang ihres Orchester „ankommt“.

So sind oft Erlebnisse von Tourneen noch langer Gesprächsstoff. Und bisweilen gibt es dann doch einen freien Tag, an dem man im Eilmarsch eine Stadt erkundet oder Abende, wo gefeiert wird. Bei einer meiner Reisen mit dem DSO haben es tatsächlich einige Musiker geschafft, zwischen allen Proben und Konzerten den Fujiyama zu besteigen – eine ganz besondere Form von Ausgleichssport.

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