Elias Canetti leiht dem Festival seine Idee : Ein neues Wort für Musik

Als zentral für seine Konzeption des Musikfests Berlin nennt Winrich Hopp einen Text von Elias Canetti. Hier fand der künstlerische Leiter des Festivals einen neuen Begriff für Musik.

Tänzer in der Luft.
In dem tschechischen Wort "hudba" fand Elias Canetti einen neuen Begriff für Musik.Foto: dpa

Als zentralen Text für seine Konzeption des Musikfests Berlin benennt der künstlerische Leiter Winrich Hopp den Text "Hudba, Bauern tanzend" des Schriftstellers Elias Canetti aus dem Jahr 1937. In dem Wort "hudba", das im Tschechischen für "Musik" steht, fand er einen Begriff, der für ihn die neuartigen Werke von Strawinsky, Janáček oder Bartók ideal beschreibt.

Ein Auszug aus dem Buch „Das Augenspiel“ von Elias Canetti:

Die tschechische Sprache war mir völlig unbekannt. Ein guter Teil der Wiener waren Tschechen, doch außer ihnen kannte niemand ihre Sprache. Unzählige Wiener trugen tschechische Namen, was sie bedeuteten, wusste man nicht. Einen der schönsten Namen trug mein „Zwilling“, Wotruba. Auch er kannte kein Wort von der Sprache seines Vaters. Nun war ich in Prag und ging überallhin, am liebsten in die Höfe von Häusern, wo viele Menschen wohnten, denen ich beim Sprechen zuhören konnte. Es schien mir eine streitbare Sprache, denn alle Worte waren stark auf der ersten Silbe betont, wovon man in jeder Rede, die man anhörte, eine Reihe von kleinen Stößen empfing, die sich so lange wiederholten, als das Gespräch überhaupt dauerte.

Ich hatte mich mit der Geschichte der Hussitenkriege befasst, das 15. Jahrhundert hatte mich immer angezogen und wer über Massen etwas zu erfassen suchte, der grübelte viel über die Hussiten. Ich hatte Respekt vor der Geschichte der Tschechen und es ist wahrscheinlich, dass ich als Außenstehender nun, da ich es unternahm, ihre Sprache in jeglicher Intensität zu hören, Dinge in ihr zu finden meinte, die sich aus meiner Ignoranz allein herleiteten. Aber an ihrer Vitalität konnte kein Zweifel bestehen und manche Worte in ihrer absoluten Eigenart waren für mich frappierend. Ich war begeistert, als ich vom Wort für Musik erfuhr: hudba.

Schriftsteller Elias Canetti.
Der Schriftsteller Elias Canetti.Foto: Wikipedia/Dutch National Archives

In den europäischen Sprachen, soweit ich sie kannte, gab es immer dasselbe Wort dafür: Musik, ein schönes, klingendes Wort – wenn man es deutsch sagte, war einem zumute, als ob man mit ihm in die Höhe springe. Wo es mehr auf der ersten Silbe betont war, kam es einem nicht ganz so aktiv vor, es blieb ein wenig schweben, bevor es sich ausbreitete. Ich hing an diesem Wort beinahe so wie an der Sache, aber es war mir allmählich nicht ganz geheuer, dass es für jede Art von Musik gebraucht wurde. Je mehr neue Musik ich hörte, umso unsicherer wurde meine Beziehung zu dieser universalen Benennung.

Einmal hatte ich den Mut, das Alban Berg zu sagen: Ob es nicht auch andere Worte für Musik geben sollte, ob nicht die hoffnungslose Verstocktheit der Wiener allem Neuen gegenüber damit zusammenhänge, dass sie mit ihrer Vorstellung von diesem Wort vollkommen eins geworden waren, so sehr, dass sie nichts zu dulden vermöchten, das den Inhalt dieses Wortes für sie verändere. Vielleicht, wenn es anders hieße, wären sie eher bereit, sich daran zu gewöhnen. Davon aber wollte er, Alban Berg, nichts wissen. Es gehe ihm um Musik, wie allen anderen Komponisten vor ihm, um gar nichts anderes, von jenen Früheren leite sich her, was er selber mache, was seine Schüler bei ihm erlernten, sei Musik, jedes andere Wort dafür wäre ein Betrug, und ob mir nicht aufgefallen sei, dass dasselbe Wort dafür sich über die ganze Erde verbreitet habe. Er reagierte heftig, ja beinahe verärgert auf meinen „Vorschlag“ und mit solcher Bestimmtheit, dass ich ihn nie wieder zur Sprache brachte.

Aber wenn ich auch im Bewusstsein meiner musikalischen Ignoranz darüber schwieg, so ließ mich der Gedanke doch nicht los. Als ich nun in Prag, wie durch Zufall plötzlich erfuhr, dass das tschechische Wort für Musik „hudba“ heiße, war ich davon hingerissen. Das war das Wort für Strawinskys „Les Noces“, für Bartók, für Janáček, für vieles andere.

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