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London Philharmonia Orchestra beim Musikfest Berlin : Lob des Halbschlafs

12.09.2013 15:55 Uhrvon
Dirigent Esa-Pekka Salonen auf der Bühne. Foto: Kai Bienert / Berliner FestspieleBild vergrößern
Mit den Noten in der Hand nimmt Esa-Pekka Salonen seinen Applaus entgegen. - Foto: Kai Bienert / Berliner Festspiele

Lutoslawski, Debussy, Ravel: Beim Musikfest richten das London Philharmonia Orchestra unter Leitung seines Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen eine luzide Feier des Somnambulen aus.

Esa-Pekka Salonen schwingt die Arme, als breite er Flügel aus. Der 55-jährige finnische Maestro hat selber etwas von einem Faun, wenn er – die Oberarme dicht am Körper – sein Philharmonia Orchestra London zum Tänzeln auffordert, das Timbre von Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ verschattet, das Tempo drosselt. Sei es mit fein austarierten Ritardandi, sei es mit Crescendi, die als leichte Brise durch Debussys Klanggewebe wehen, er versetzt die Welt in Halbschlaf. In einen Dämmerzustand, ohne weichzuzeichnen, ohne in Träumereien zu flüchten.

Seit 2008 leitet der langjährige Chef der Los Angeles Philharmonic die Londoner.

Beim Musikfest-Gastspiel in der Philharmonie musiziert das Orchester mit seinem Chefdirigenten derart einträchtig, dass man meinen könnte, sie spielen schon seit Kindesbeinen zusammen. Von den Berliner Spitzenorchestern kennt man eher die tatkräftig erarbeitete Harmonie oder - etwa bei Barenboim - das augenblicksweise sich einstellende intuitive Kongeniale. Das hier ist etwas anderes: Das Philharmonia Orchestra zeichnet sich durch hellwache Zurückhaltung auf, eine behutsame, berückend souveräne Eleganz, die vom Understatement lebt.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit statten die Musiker auch Ravels kindhaft-schlichte Orchestersuite „La Mère L’Oye“ aus, umgeben sie mit sämiger Spätsommerluft. Verwirbelungen, zarte Sprühregen, hingetupfte Impressionen. Noch die naturreligiöse Intensität des letzten Satzes entwickeln sie ganz von innen heraus, nicht als von außen angetragene Überhöhung.

Und doch sind die Franzosen gleichsam nur Fingerübungen für „Les espaces du sommeil“ und die dritte Symphonie von Witold Lutoslawski, dem Komponisten, dem das Musikfest 2013 einen seiner Schwerpunkte widmet. Nicht nur, weil Esa-Pekka Salonen als LutoslawskiExperte längst einen Namen hat, zumal mit der Einspielung aller vier Symphonien. Sondern weil das Somnambule in „Les espaces du sommeil“ zum Programm wird und in der halbstündigen durchkomponierten Symphonie sein Existenzrecht gegen den Einspruch des Manifesten behauptet, bis zum letzten Trommelschlag.

Zwar hält sich Matthias Goerne in der Vertonung von Robert Desnons nachtschattigen Versen zu dicht an den Notentext, und die französischen Nasallaute trüben seinen Bariton ein. Aber es passt zum tastenden Gestus der Musik, wenn er sich zwischen dem leisen Keckern der Holzbläser, den Ad-libitium-Pizzicati der Celli und Kontrabässe, den Glissandi und fliegenden Klangteppichen gleichsam verirrt – verlorene Seele in Morpheus’ Reich.

Schließlich die dritte Symphonie, an der Lutoslawski elf Jahre arbeitete, bis 1983. Markantestes Merkmal des ebenfalls mit Ad-libitum-Passagen durchsetzten Werks ist das Auftaktmotiv mit vierfach wiederholtem E, die Stimme der Vernunft als Unisono-Appell. Die Londoner sind so frei, sich von ihr nicht zur Raison rufen zu lassen. Die Lust am Zerfasern der Klänge, an zärtlichen Tonreibungen, Echo- und Versteckspielen in flimmernder Atmosphäre lassen sie sich nicht nehmen. Jeder auf seine Weise: Mit leichter, unangestrengter Hand fügt Salonen die Implosionen und Explosionen zusammen, lässt sich weder von den Insektenschwarm-Attacken sirrender Streichertutti irritieren, noch vom zwangsläufig Kurzatmigen der gelenkten Aleatorik.

Großartig der luzide zerklüftete Schluss mit Appell-Motiv und schwermetallisch angereicherten Clustern gleich neben hauchfeinen Tonfetzen. Das Disparate als Resonanz des zutiefst Menschlichen – bei Salonen ist Neue Musik das Normalste der Welt. Sie bräuchte mehr solcher Anwälte. Leider bleiben an diesem Montagabend in der Philharmonie viele Plätze frei. Ist die Berliner Musikszene so selbstgenügsam, fehlt es an Neugier auf auswärtige Pultstars? Haben Werke jenseits der Trampelpfade des Repertoires es auch in der Musikhauptstadt tatsächlich immer noch schwer?

Sie erreichen uns unter: musikfest@tagesspiegel.de

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