Abschieds-Farce : Ballack contra Löw: Die Ente bleibt draußen!

Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw streiten wie bei Loriot. Was ist nun wahr – und was nicht? Der Versuch einer Rekonstruktion.

Ron Ulrich

Seit vergangenem Donnerstag attackieren sich Bundestrainer Joachim Löw und der DFB auf der einen Seite, Michael Ballack auf der anderen Seite. Das Ganze mutet mittlerweile wie ein Sketch von Loriot an. Doch im Gegensatz zu den Herren Müller-Lüdenscheid und Doktor Klöbner kommunizieren beide nicht mehr direkt, sondern über Berater und Pressemitteilungen. Die wohlfeil formulierten Statements widersprechen einander und zeigen, wie weit beide Seiten in der Bewertung bestimmter Ereignisse auseinanderliegen.

Das Gespräch zwischen Ballack und Löw am 30. März: Einigkeit besteht immerhin darüber, dass jenes Gespräch stattgefunden hat. Das war es aber auch schon, der Inhalt ist strittig. Der DFB sagt: „Der Bundestrainer hat Michael bei diesem Treffen klar gesagt, dass er nicht mehr mit ihm plant.“ Ballack jedoch sagt: „In diesem Gespräch vermittelte der Bundestrainer mir, dass er mich nach meinen Verletzungen wieder auf einem guten Weg sieht und durchaus daran glaubt, dass ich es in jedem Fall noch einmal schaffen kann, in die Nationalmannschaft zurückzukehren.“ Die Aussagen liegen so weit auseinander, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder haben sich beide komplett missverstanden oder einer der beiden hat das Gespräch falsch wiedergegeben.

Das weitere Vorgehen: Laut DFB war Ballacks Abschied ausdrücklich von beiden Seiten Ende März klar, er sollte danach über den Zeitpunkt befinden. Ballack jedoch ließ ausrichten, dass er selbst im Mai den Entschluss gefasst habe, zurückzutreten – über einen Monat später. „Wir vereinbarten, dass ich in der Sommerpause meinen Rücktritt selbst bekannt geben dürfe. Ein genaues Datum, geschweige denn eine Frist, stand dabei nie zur Debatte“, schreibt Ballack. DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach wusste anderes zu berichten: „Michael Ballack wollte einen Zeitpunkt nach Bundesliga-Schluss wählen. Mir gegenüber hat er dann ergänzt, dass er sich nach den Länderspielen äußern wollte.“ Falls hier ein Missverständnis vorgelegen haben sollte, dann ein kapitales.

Die Entscheidung des Abschieds: Bundestrainer Löw ließ über den DFB mitteilen: „In unseren Gesprächen hatte ich den Eindruck, dass Michael durchaus Verständnis für unsere Sichtweise hat.“ Dass Ballack vom Vorgehen des Bundestrainers allerdings nicht unbedingt begeistert war, zeigte seine erste Mitteilung: „Wenn jetzt so getan wird, als sei man mit mir und meiner Rolle als Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft jederzeit offen und ehrlich umgegangen, ist das an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten.“ Außerdem bezeichnete Ballack Löws Vorgehen als „seit dem letzten Sommer andauernde Hinhaltetaktik“. Der Eindruck von Verständnis mag getäuscht haben.

Das Abschiedsspiel: Der DFB wollte – laut Niersbach – Ballack nicht nur das Spiel gegen Brasilien zugestehen, sondern auch jenes gegen Uruguay. Pikant: Ballack hätte gegen Uruguay gespielt, bei den unmittelbar folgenden Partien gegen Österreich und Aserbaidschan ausgesetzt und wäre dann wieder gegen Brasilien aufgelaufen. Unwahrscheinlich, dass Ballack dieser Ablauf gefallen haben mag. Nichtsdestotrotz wertete Löw das Angebot als „attraktiven Rahmen“, als „ehrliches Dankeschön“ und „würdigen Abschied“. Ballack hingegen reagierte so: „Ein längst vereinbartes Freundschaftsspiel jetzt als Abschied zu deklarieren, ist aus meiner Sicht eine Farce.“ Die Definition eines würdigen Abschieds bleibt Ansichtssache.

Die Pressemitteilung: Am vergangenen Donnerstag teilte Löw mit, dass er nicht mehr mit Ballack plane. Ballack selbst wiederum erfuhr davon im Urlaub. Der DFB legte eine Bilanz der Kontaktaufnahme nach dem letzten Länderspiel vor: drei Anrufe, einer von einer „dritten Person“, zwei SMS, eine Mailbox-Nachricht. In einer letzten SMS teilte der DFB dann Ballack das Ende mit – laut Ballack eine Stunde vor der Veröffentlichung der Pressemitteilung. Der Zeitpunkt sei überreif gewesen, in dieser Personalie klar Stellung zu beziehen, so der DFB. Ob er überreif war, bleibt dahingestellt. Die Begründung jedoch für den Zeitpunkt der Mitteilung, man habe Ballack nicht erreicht, erscheint wenig nachvollziehbar. Drei Tage später nahm Ballack in Leverkusen das Training wieder auf.

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