André Schürrle : Vorsicht mit Versprechungen

Erst träge, nun aufgewacht: André Schürrle zeigt mit seinen drei Toren in Schweden, über wie viel Qualität Bundestrainer Joachim Löw verfügt – vor allem links offensiv, wo Lukas Podolski um seinen WM-Platz bangen muss.

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Souvenir einer erfolgreichen Dienstreise. André Schürrle hat sich den Ball geschnappt, Götze (l.) und Adler freuen sich mit ihm.
Souvenir einer erfolgreichen Dienstreise. André Schürrle hat sich den Ball geschnappt, Götze (l.) und Adler freuen sich mit ihm.Foto: dpa

Für André Schürrle endete der Abend mit einem weiteren Erfolgserlebnis. Die WM-Qualifikation der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war gerade amtlich beendet, da bewies der Offensivspieler vom FC Chelsea noch einmal robuste Zweikampfhärte. Er schnappte sich einen der vielen Spielbälle – und gab ihn nicht mehr her. In England, da wo Schürrle jetzt sein Geld verdient, ist es Usus, dass ein Spieler, der drei Tore erzielt hat, einen Ball als Andenken behalten darf. Insofern nahm Schürrle nur sein gutes Recht in Anspruch. Beim 5:3 (1:2) der Deutschen in Schweden hatte er zum 3:2, zum 4:2 und zum 5:3 getroffen. Drei Tore in einem Spiel – das war dem früheren Mainzer und Leverkusener noch nie gelungen. Zufall war das wohl nicht. „Im vergangenen Jahr war ich mit seiner Entwicklung nicht so zufrieden“, sagte Bundestrainer Joachim Löw über Schürrle. „Aber zuletzt hat er gezeigt, was er kann: Er ist dynamisch und sucht den Abschluss. Wenn wir ihn so sehen, sind wir zufrieden.“

Schürrle war so etwas wie die Wiederentdeckung eines Abends, an dem die Nationalmannschaft sich mal wieder in ihrer ganzen Pracht gezeigt hatte: mit den üblichen Aussetzern in der Defensive ebenso wie mit ihrer immensen Qualität in der Offensive. „Wir können eine unheimliche Kraft nach vorne entwickeln“, sagte Schürrle. „Da hat es jede Mannschaft der Welt schwer gegen uns.“ Dabei fehlten den Deutschen in Miroslav Klose und Mario Gomez die beiden einzigen gelernten Stürmer, denen Löw noch vertraut. Dazu der formidable Marco Reus, der auf der diesmal von Schürrle besetzten Position im linken offensiven Mittelfeld eigentlich erste Wahl ist. Und von Lukas Podolski redet schon gar keiner mehr.

Löw schätzt Podolski immer noch, obwohl es dafür fachlich immer weniger Gründe gibt. Für den früheren Kölner könnte es im Hinblick auf die dritte WM- Teilnahme tatsächlich eng werden, zumal auch Julian Draxler für Podolskis Position noch infrage kommt. Es ist nicht mehr viel, was für den bisherigen Platzhalter spricht. Vielleicht, dass Podolski von allen Bewerbern fürs linke Mittelfeld der einzige Linksfuß ist und er in seinen guten Momenten Wucht und Zielstrebigkeit ins Spiel bringt. Aber wann hat es zuletzt gute Momente bei ihm gegeben?

Wucht – das hat das Länderspiel in Stockholm gezeigt – kann auch André Schürrle. Bezeichnend war sein Tor zum 4:2, als ihm der Nürnberger Per Nilsson im Mittelfeld aus Versehen den Ball in den Fuß spielte. Schürrle zog los und war trotz verzweifelter Versuche der Schweden nicht mehr zu stoppen. „Er hat sich in den vergangenen Monaten eine körperliche Robustheit angeeignet“, sagte Löw.

Der Wechsel nach London hat sich für Schürrle offenbar bezahlt gemacht. 22 Millionen Euro musste der FC Chelsea in diesem Sommer nach Leverkusen überweisen, wo der Offensivspieler in seinem zweiten Vertragsjahr eher durch Trägheit aufgefallen war. „Ich glaube, dass mir der Wechsel zu Chelsea in Sachen Selbstvertrauen gutgetan hat“, sagte Schürrle. „Ich fühle mich gut, ich bin fit.“ Bei Chelsea müsse man einfach jeden Tag darum kämpfen, damit man am Wochenende auch spielen dürfe. Bis jetzt gelingt ihm das ganz gut. Schürrle stand bei allen sieben Ligaspielen der Londoner in der Mannschaft, davon vier Mal in der Startelf.

„Er wollte den Wechsel unbedingt“, sagte der Bundestrainer. „Es spricht für sein Selbstbewusstsein, in so einem Klub mit großen Ambitionen eine neue Herausforderung zu suchen.“ Wenn Schürrle so weiterspiele, „geht an ihm bei der WM sicherlich kein Weg vorbei“. Mit Versprechungen sollte Joachim Löw angesichts seiner personellen Möglichkeiten allerdings vorsichtig sein. Für die offensiven Positionen besteht an Bewerbern ganz sicher kein Mangel. Härtefälle werden kaum zu vermeiden sein. Eher überschaubar sind hingegen die Alternativen für die Planstellen in der Abwehr. Das bewies am Dienstagabend auch ein Blick auf die Ersatzbank der deutschen Nationalmannschaft. Dort saß, wie zuletzt immer eigentlich, der Hamburger Heiko Westermann. (mit dpa)

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