DFB-Länderspiel gegen die USA : Jürgen Klinsmann: Zwei Herzen in seiner Brust

Der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann betreut seit zwei Jahren das Nationalteam der USA. Am Sonntag gibt es ein Wiedersehen mit den Deutschen - und seinem einstigen Co-Trainer Joachim Löw.

Gregor Derichs
Jürgen Klinsmann sitzt grinsend auf einer Pressekonferenz
Ein grinsender Reformer: Jürgen Klinsmann, der zwischen 2004 und 2006 die deutsche Nationalmannschaft modernisierte, arbeitet seit...Foto: dpa

In das Hotel Washington, direkt neben dem Park des Weißen Hauses, kommt Jürgen Klinsmann in kurzen Hosen, Trikot, Sportschuhen und Basecap gestürmt. „Entschuldigung, ich bin etwas zu spät. Wir hatten Training!“, ruft der 48-Jährige. Fit wie seine Spieler wirkt der Trainer der US-Nationalmannschaft.

Der US-Verband feiert 100-jähriges Bestehen, unter anderem mit einem Länderspiel gegen Deutschland am Sonntag (20.30 Uhr, live im ZDF) in Washington. „Ich freue mich riesig auf das Spiel und das Wiedersehen mit Jogi Löw“, sagt Klinsmann. „Bei den Spielern werde ich einige gar nicht kennen. Aber auf die von damals, Lukas Podolski, Per Mertesacker, Marcell Jansen und Miro Klose, freue ich mich riesig.“ Der ehemalige Bundestrainer strahlt, es ist ihm anzusehen, dass dieses Spiel für ihn wohl der bisherige Höhepunkt seiner Tätigkeit mit dem US-Team ist, das er seit Juli 2011 betreut.

„Ich hoffe, dass ich nicht jubeln werde, wenn die Deutschen ein Tor schießen“, sagt Klinsmann, der die deutsche Nationalmannschaft nach dem Scheitern bei der EM 2004 gemeinsam mit Joachim Löw übernommen hatte und, begleitet von viel Unruhe, zum dritten Platz bei der WM 2006 führte. Wenn der Weltmeister von 1990 über die Fortschritte des deutschen Fußballs redet und über seine Aufgaben als Trainer, Technischer Direktor und Generalmanager des US-Verbandes, wird deutlich, dass zwei Herzen in seiner Brust wohnen. „Mit unserer Nationalmannschaft fiebere ich immer noch mit. Das Finale zwischen Bayern und Dortmund zu sehen war einfach fantastisch. Überall wo ich hinkomme, reden die Leute davon, dass der deutsche Fußball einen wahnsinnigen Stellenwert hat.“ Deutschland sei zusammen mit Gastgeber Brasilien und Titelverteidiger Spanien der Favorit bei der Weltmeisterschaft 2014, wo er mit den USA die Konkurrenz aufmischen will.

Doch qualifizieren muss sich seine Mannschaft erst noch. Nächste Woche hat sie in Jamaika anzutreten, dann folgen im Juni Heimspiele gegen Panama und Honduras. Der Weltranglisten-Zweite Deutschland ist damit auch Sparringspartner bei einem Vorbereitungsspiel wie gegen Belgien, das die Amerikaner am Mittwoch mit 2:4 verloren. „Wir wollten gegen Belgien in den Rhythmus kommen mit einem Kader, der nicht komplett war. Deutschland wollen wir nun Paroli bieten und zeigen, dass wir Fortschritte machen“, erklärt Klinsmann. Der Schalker Jermaine Jones ist zusammen mit dem Ex-Gladbacher Michael Bradley (AS Rom), Torwart Tim Howard (Everton) und Stürmer Clint Dempsey (Tottenham) das Gerüst des Teams, zu dem nun auch Fabian Johnson und Daniel Williams (beide Hoffenheim) gestoßen sind.

„Es ist unser großes Ziel, irgendwann einmal unter den Top 15 zu sein und mit den Großen auf Dauer mitzuhalten“, sagt Klinsmann. Aktuell befindet sich seine Mannschaft auf Rang 29 der Weltrangliste. Auf die von aussortierten Spielern geschürte Kritik, die an seiner Arbeit haftet, reagiert er gelassen. „Im Großen und Ganzen ist die Stimmung sehr positiv. Wir wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Andererseits ist der Amerikaner sehr ehrgeizig und will bei allem, was er macht, Erster sein“, erklärt Klinsmann.

Jürgen Klinsmanns Reformen: 80 Akademien vom US-Verband und Nachwuchsleistungszentren von den MLS-Vereinen

Der Schwabe, der beim DFB mit seinem damals umstrittenen Reformeifer wichtige Impulse gab, versucht die Strukturen zu verbessern. „Wir haben über 80 Akademien aufgebaut, in die Verbandsgeld hineinfließt. Die Klubs der Major League Soccer habe sich verpflichtet, wie in Deutschland Nachwuchszentren zu unterhalten. Das ist ein großer Schritt.“ Wegen des großen Zulaufs von Jugendlichen sei Fußball der Sport „mit der rasantesten Entwicklung in den USA“, aber noch „viele, viele Jahre hinterher“.

Seine Hauptverantwortung sieht Klinsmann aber als Familienvater. „Der Bube ist jetzt 16, kein einfaches Alter, die Kleine ist 11. Das Entscheidende ist für mich, was das Beste ist für die Familie, die sich sehr wohl in Kalifornien fühlt nach dem Jahr in München“, sagt er. Trotz des Scheitern bei Bayern in der Saison 2008/09 kann er sich sogar eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen: „Ich habe mir abgewöhnt, ,nie’ zu sagen. Es sind schon die verrücktesten Sachen passiert im Fußball.“

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