Die Zukunft des Kapitäns : Michael Ballack: Spielen und warten

Er ist noch nicht ganz fit und will doch wieder voll dabei sein – Michael Ballacks Zukunft im Nationalteam kann sich schon diese Woche entscheiden. Es sei denn, Bundestrainer Löw gewinnt noch mehr Zeit

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Kontaktaufnahme. Michael Ballack empfängt von Bundestrainer Joachim Löw immerhin schon Textnachrichten. Zu einem Gespräch soll es nun schnell kommen. Foto: dpa
Kontaktaufnahme. Michael Ballack empfängt von Bundestrainer Joachim Löw immerhin schon Textnachrichten. Zu einem Gespräch soll es...Foto: dpa

Joachim Löw ist in der Vergangenheit gelegentlich in den Verdacht geraten, sich einer Methode zu bedienen, die vor allem Helmut Kohl benutzt hat. Kohl hat die Dinge gerne mal so lange laufen lassen, bis sich eine Entscheidung quasi von selbst ergeben hat. Löws Kritiker behaupten, so ähnlich verfahre der Bundestrainer gerade auch mit Michael Ballack. Im Grunde habe er sich bereits gegen den bisherigen Kapitän der deutschen Fußball- Nationalmannschaft entschieden. Das aber hat der Bundestrainer am Wochenende energisch dementiert. Er brauche nach der Weltmeisterschaft einfach noch Zeit, hat Löw jetzt dem „Spiegel“ gesagt: Die Eindrücke der WM seien wieder „aus der Tiefe des Körpers und des Kopfes“ hochgekommen, und unter diesen Eindrücken wollte er keine Entscheidung in der hochsensiblen Angelegenheit treffen. „Ich musste mal loslassen, den Anker werfen, damit ich wieder kreativer werden konnte“, sagt Löw. Dieser Prozess scheint weitgehend abgeschlossen zu sein. Am Wochenende hat der Bundestrainer Ballack per SMS viel Glück für sein Comeback in der Bundesliga gewünscht und ihm ein baldiges Gespräch in Aussicht gestellt.

Die Zeit drängt, am Freitag will Löw sein Aufgebot für die beiden EM-Qualifikationsspiele am 3. September gegen Belgien (in Brüssel) und am 7. September gegen Aserbeidschan (in Köln) benennen, bereits am Mittwoch fliegt Ballack mit Bayer Leverkusen in die Ukraine, zum Rückspiel in der Qualifikation zur Europa League gegen Tawrija Simferopol. Vor der Entscheidung, ob Michael Ballack oder doch sein WM-Vertreter Philipp Lahm künftig die Nationalmannschaft als Kapitän anführen wird, steht zunächst die Frage, ob Löw den 33 Jahre alten Ballack überhaupt schon für die nächsten beiden Länderspiele nominieren wird. „Natürlich wäre ich gern dabei“, hat Ballack am Sonntagabend gesagt, nachdem er in Dortmund sein erstes Bundesligaspiel für Bayer Leverkusen bestritten hatte. „Ich denke, ich bin ein Teil des Teams.“

In Dortmund schritt Ballack nach dem Schlusspfiff erhobenen Hauptes über den Rasen, nahm jeden Mitspieler in den Arm, dessen er habhaft werden konnte, und traf sich dann mit dem Dortmunder Torhüter Roman Weidenfeller am Mittelkreis zum Trikottausch. Der Mann schien mit sich und seiner Welt im Reinen. Warum auch nicht? Beim 2:0 (2:0)-Sieg seiner Leverkusener hatte Ballack zwar nicht brilliert, aber er hatte seine Aufgabe im defensiven Mittelfeld leidlich erfüllt. Und er hatte 90 Minuten durchgehalten. Allein das fand sein Trainer Jupp Heynckes bereits überaus bemerkenswert. Vor vier Wochen sei nicht daran zu denken gewesen, „dass er hier über die volle Distanz gehen kann“.

Drei Monate sind vergangen, seitdem Kevin-Prince Boateng Ballack mit einem Tritt gegen das Sprunggelenk um seine dritte WM-Teilnahme gebracht hatte. Dass der Kapitän bei der Weltmeisterschaft ausfallen würde, galt zunächst als nationale Katastrophe; je länger aber das Turnier dauerte, desto entbehrlicher schien Ballack zu werden. Die Mannschaft emanzipierte sich von ihrem Leitwolf, und nichts illustrierte die revolutionäre Stimmung besser als Lahms öffentlich verkündeter Anspruch, auch nach der Weltmeisterschaft Kapitän zu bleiben.

Die Debatte nähert sich nun einer endgültigen Klärung: Vor einer Woche, in der zweiten Halbzeit des Hinspiels gegen Simferopol, kam Ballack zu seinem ersten Pflichtspieleinsatz seit Boatengs Tritt, in Dortmund nun stand er zum ersten Mal wieder in der Startelf. Jupp Heynckes war anschließend voll des Lobes für den Nationalspieler, der zuletzt vor acht Jahren das Trikot der Leverkusener getragen hatte. Ballack habe taktisch klug gespielt, „er war mit verantwortlich für die Stabilität in der zweiten Halbzeit“. In Leverkusen fühlen sie sich nach dem ersten Spieltag in ihrer spektakulären Verpflichtung bestätigt. „Man merkt Michael an, dass es ihm viel Spaß macht, in einer Mannschaft zu spielen, die attraktiven Fußball zeigt“, sagte Heynckes, und auch Rudi Völler, Leverkusens Sportdirektor, zeigte sich angetan: „Das war ein tolles Comeback. Das war alles schon sehr vielversprechend.“

Die Hymnen fielen fast schon etwas zu hymnisch aus. Ballack war offenkundig noch nicht in der körperlichen Verfassung, die er braucht, um echte Präsenz zu zeigen und das Spiel seiner Mannschaft zu prägen. „Ich habe selbst gemerkt, dass noch einiges fehlt“, sagte er. Trotzdem hat Ballack die Rückkehr in den Kreis der Nationalmannschaft schon in der kommenden Woche noch nicht abgeschrieben. „Bis zu den Länderspielen bleibt noch ein bisschen Zeit“, sagte Ballack. „Ich brauche Spiele, Spiele, Spiele.“

Joachim Löw saß in Dortmund auf der Tribüne, um sich selbst ein Bild vom Zustand seines bisherigen Kapitäns zu machen. Nach diesen Eindrücken ist es nicht zwingend, Ballack bereits gegen Belgien und Aserbeidschan zu nominieren. Löw würde dadurch einen weiteren Monat Aufschub gewinnen, in dem er sich über die künftige Machtverteilung in seiner Mannschaft Gedanken machen könnte. Schwierig wäre es allerdings, der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass ein Verzicht auf Ballack rein sportliche Gründe hätte und noch keine grundsätzliche Vorentscheidung über dessen Zukunft in der Nationalmannschaft wäre.

Ballack betätigte sich nach dem Sieg der Leverkusener in Dortmund beim Thema Nationalmannschaft als Diplomat in eigener Sache. Auf verbale Kraftmeierei verzichtete er, zur Kapitänsfrage mochte er sich nicht äußern. „Der Trainer hat seine eigenen Vorstellungen“, sagte Ballack. Wirklich erhellend sind solche Worte nicht.

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