Ehrung : Hart verdiente Leichtigkeit der Nationalmannschaft

Bundespräsident Christian Wulff zeichnet Bundestrainer Joachim Löw mit dem Bundesverdienstkreuz aus – und will sich ein bisschen so fühlen wie er. Für die Mannschaft gibt es das Silberne Lorbeerblatt.

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Silber für Deutschland. Mesut Özil und der Rest der Fußball-Nationalmannschaft wurde am Dienstag mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet.Weitere Bilder anzeigen
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05.10.2010 14:50Silber für Deutschland. Mesut Özil und der Rest der Fußball-Nationalmannschaft wurde am Dienstag mit dem Silbernen Lorbeerblatt...

Berlin - Der schönste Satz fällt, als die Veranstaltung schon fast vorbei ist. Joachim Löw spricht ihn im Großen Festsaal des Schlosses Bellevue, wohin der Bundespräsident zur Feierstunde geladen hat. Aus seiner Hand bekommt Löw am Dienstag das Bundesverdienstkreuz, das offiziell übrigens gar nicht so heißt, sondern „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“.

Eine Stunde lang hat der Bundestrainer geduldig auf seinem Stuhl gesessen und den Elogen gelauscht. Welche fantastische Arbeit diese Nationalmannschaft geleistet habe mit dem Vorleben eines „neuen und leichten Patriotismus“, dass sie in ihrer Zusammensetzung „ein Spiegel der tatsächlichen Gesellschaft unseres Landes“ sei. Ein Wunder, dass sie neben all dieser repräsentativen Pflichten noch zum Fußballspielen gekommen ist. In diesem Sinne bemüht sich Löw, die Anstrengungen des vergangenen Sommers zurückzugeleiten in die Ebene des Alltags, mit der wunderbar leichten Feststellung: „Wir sind kein Teil einer Imagekampagne, wir sind so aus Überzeugung.“

Mit der Überzeugung ist das nicht immer so einfach. Als der frisch gewählte Bundespräsident Christian Wulff im Juli seine erste Reise im neuen Amt nach Südafrika unternahm und sich dort im Quartier der Nationalmannschaft präsentierte, entsprang das wohl eher der Überzeugung, dass ein wenig vom Glanz der Herren Fußballspieler auch auf ihn abfallen würde. Bei dieser Gelegenheit hatte Wulff schon anklingen lassen, was er am Dienstag zur Vollendung führt. Löw bekommt das Bundesverdienstkreuz, die Mannschaft das Silberne Lorbeerblatt, von dem nur der Moderator Gerhard Delling annimmt, dass in Bälde ein Goldenes folgen werde, spätestens bei einem WM-Sieg 2014 in Brasilien. Es gibt gar kein Goldenes Lorbeerblatt, sagt der Bundespräsident, „das Silberne ist die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik“, aber wenn der Herr Delling mal einen kompetenten Ko-Moderator benötige, dann stehe er gerne bereit. Das ist ein doch eher ungewöhnliches Ansinnen für den ersten Repräsentanten des Landes.

Bekanntlich hat der Reporter Delling ein paar Jahre lang dem deutschen Fußballgewissen Günter Netzer souffliert und sich damit eine gewissen Prominentenstatus erarbeitet. An diesem Dienstag moderiert er die Ehrung im Bellevue, weniger Journalist denn Conferencier im nationalen Auftrag. Für jeden einzelnen Spieler, der von Wulff und seiner Ko-Gratulantin Angela Merkel eingerahmt wird, hat Delling sich mit reichlich Wikipedia-Wissen ausgestattet. Weil insgesamt 20 Spieler auszuzeichnen sind, zieht sich dieser Programmpunkt ein wenig in die Länge. Zeit für ein paar individuelle Beobachtungen: Beim Bremer Torhüter Tim Wiese etwa stellt sich die Frage, ob er nun mehr Wasserstoffsuperoxyd oder Gel im Haar hat. Der Hamburger Piotr Trochowski ist der einzige Nationalspieler, der kleiner ist als die Bundeskanzlerin. Und der nach Wolfsburg verzogene Ex-Herthaner Arne Friedrich erinnert mit seinem wallenden Bart ein bisschen an Diego Maradona in seinem Spätwerk.

Zum Ende der ersten Etappe hält Philipp Lahm eine erfrischend kurze Rede. Der Kapitän bedankt sich im Namen der Mannschaft, er wisse sehr wohl um die Bedeutung dieser Auszeichnung, sie sei zuvor ja schon anderen Größen der Gesellschaft zuteil geworden, etwa „Boris Becker, der Handball-Nationalmannschaft“ und so. Danach tritt wieder Christian Wulff ans Mikrofon. Es geht jetzt um Joachim Löw, den der Bundespräsident mit dem nicht ganz so exklusiven Argument zur starken Persönlichkeit hochredet, er lasse sich nicht in seine Arbeit reinreden. „Ich kann mir vorstellen, dass viele mitreden wollen“, sagt Wulff. „Es gibt 100 000 Bundestrainer im Lande. Ich hatte zuletzt das Gefühl, es gibt auch 100 000 Bundespräsidenten, das ist eine lustige Beobachtung.“ Wulff lacht, die Nationalspieler lachen, und man würde schon gern wissen, was Angela Merkel in diesem Augenblick durch den Kopf geht.

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