Historie Deutschland gegen Polen : Vom Nichtangriffspakt bis zum Flankenlauf

Vor dem Freundschaftsspiel in Danzig: Die Geschichte der Fußball-Länderspiele zwischen Polen und Deutschland kennt einige denkwürdige Anekdoten – aber zumeist nur einen Sieger.

von und Sven Goldmann
Das emotionalste Tor eine emotionalen WM: Oliver Neuville schießt 2006 das späte 1:0 gegen Polen.
Das emotionalste Tor eine emotionalen WM: Oliver Neuville schießt 2006 das späte 1:0 gegen Polen.Foto: picture-alliance/ dpa

Geografische Nachbarschaft steht nicht immer für emotionale Nähe. Gerade 16 Mal haben die deutsche Nationalmannschaft und Polen vor dem Testspiel am Dienstagabend in Danzig gegeneinander gespielt. Es gab zwölf deutsche Siege, vier Unentschieden, und auch die DDR verbindet mit den Polen beste Erinnerungen. Ein Rückblick auf sechs ausgewählte Spiele.

3. Dezember 1933 in Berlin: Deutschland – Polen 1:0 (Freundschaftsspiel)

Reichlich spät treffen sich Deutschland und Polen zum ersten Länderspiel. Das liegt auch daran, dass Polen ziemlich lange nicht existent war, jedenfalls nicht als Staatsgebilde. Außerdem ist die Neugründung der polnischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg auch auf ehemals deutschem Territorium erfolgt, was den diplomatischen Beziehungen beider Staaten nicht eben förderlich ist. In der Weimarer Republik gilt Polen parteiübergreifend als Staatsfeind Nummer eins. Das ändert sich erst unter den Nazis, die sich Polen als Rohstofflieferanten für einen künftigen Krieg im Westen aufbauen wollen. Zur Anbahnung des von Hitler gewünschten polnisch-deutschen Nichtangriffspaktes findet in Berlin ein erstes Länderspiel statt. Das alte Deutsche Stadion im Grunewald steht nicht zur Verfügung, weil Hitler es gerade zugunsten des zukünftigen Olympiastadions abreißen lässt. 35 000 Zuschauern im Poststadion haben jede Menge Spaß, weil die Spieler auf dem glatten Geläuf immer wieder ausrutschen. Die Polen halten gut mit und stehen kurz vor einem Achtungserfolg, da schießt Josef Rasselnberg vom VfL Benrath in der letzten Spielminute doch noch den deutschen Siegtreffer. Die Polen aber fühlen sich respektvoll aufgenommen und reisen zufrieden nach Hause. Zwei Monate später unterzeichnet Polens Botschafter Jozef Lipski in Berlin den Nichtangriffspakt.

10. Oktober 1971 in Warschau: Polen – BR Deutschland 1:3 (EM-Qualifikation)

Bundestrainer Helmut Schön bastelt gerade an der Formation, die heute noch als die beste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten gefeiert wird. In Warschau ist zunächst noch nicht zu erahnen, was ein halbes Jahr später bei der EM-Endrunde in Brüssel seine Krönung erfahren wird. Es geht schlecht los für die Deutschen. Paul Breitner spielt einen schlampigen Rückpass auf Torhüter Sepp Maier, Robert Gadocha spritzt dazwischen und erzielt das polnische Führungstor. Doch bevor sich so etwas wie Nervosität breit machen kann, gelingt Gerd Müller mit einem artistischen Kopfball der Ausgleich. In der zweiten Halbzeit drängen die Polen auf die erneute Führung, doch der glänzend aufgelegte Günter Netzer spielt immer wieder jene Pässe, von denen man später sagen wird, dass sie aus der Tiefe des Raumes kommen. Einen dieser Pässe leitet Jupp Heynckes weiter auf Gerd Müller, und schon führen die Deutschen. Als ein paar Minuten später Jürgen Grabowski auf 3:1 erhöht, ist das Spiel gelaufen.

3. Juli 1974 in Frankfurt a. Main: BR Deutschland – Polen 1:0 (WM-Zwischenrunde)

Im Rückblick wird dieses Spiel immer reduziert auf die gewaltigen Regenfälle, die 90 Minuten vor dem Anpfiff ihren Anfang nehmen und wohl in jedem anderen Fall zu einer Absage geführt hätten, weil das Spielfeld weitgehend unter Wasser steht. Der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr verweigert sich zunächst und beugt sich erst dem sanften Druck der Fifa. Der Weltverband will seinen knappen Zeitplan einhalten und keineswegs das vier Tage später angesetzte WM-Finale verschieben. Noch heute geistern Verschwörungstheorien durch Polen, die harmloseste geht von einer Bestechung des Schiedsrichters aus. Den Deutschen reicht zum Erreichen des Endspiels ein Unentschieden. Das Spiel der technisch überlegenen Polen verliert sich in den riesigen Pfützen, Sepp Maier erlebt den Abend seines Lebens, und Gerd Müller schießt Deutschland ins Finale. Beim Stand von 0:0 verschießt Uli Hoeneß auf jämmerliche Weise einen Elfmeter, aber das geht unter im allgemeinen Siegestaumel. Auch Hoeneß vergisst seinen Fehlschuss schnell und fühlt sich zwei Jahre später im EM-Finale von Belgrad gegen die Tschechoslowakei stark genug, erneut anzutreten. Die Folgen sind bekannt.

31. Juli 1976 in Montreal: DDR – Polen 3:1 (Olympiafinale)

Ihr berühmtestes Spiel hat die DDR-Nationalmannschaft 1974 in Hamburg beim 1:0 gegen die Bundesrepublik gemacht. Jürgen Sparwassers Siegtor ist mehr als nur Fußballgeschichte. Noch besseren Fußball aber zeigen die Ostdeutschen zwei Jahre später in Montreal, im olympischen Finale gegen Polen. Die DDR bestimmt von Anfang an das Spiel, hat aber auch ein wenig Glück, dass Jan Tomaszewski einen schwachen Tag erwischt. Schon nach sechs Minuten ermöglicht Polens Torwart dem Dresdener Hartmut Schade die Führung, als er nach einer Flanke des Magdeburgers Martin Hoffmann teilnahmslos im Tor verharrt. Als Hoffmann nach einem famosen Dribbling Reinhard Häfners den Ball zum 2:0 ins rechte Eck drischt, ist noch keine Viertelstunde gespielt. 72 000 Zuschauer verharren ruhig auf ihren Plätzen, was vielleicht an der mäßig ausgeprägten Fußballbegeisterung in Kanada liegt, gewiss aber auch daran, wie die favorisierten Polen unten auf dem Rasen demontiert werden. Grzegorz Lato schafft den Anschluss, aber mehr ist nicht drin. Kurz vor Schluss krönt Reinhard Häfner ein Solo mit dem finalen Tor. Minuten später ist die DDR Olympiasieger. Jürgen Sparwasser hat damit übrigens nichts zu tun. Der Magdeburger erlebt den Sieg zu Hause verletzt vor dem Fernseher.

14. Juni 2006 in Dortmund: Deutschland – Polen 1:0 (WM-Vorrunde)

David Odonkor versucht gerade einen Neuanfang bei Alemannia Aachen. Berühmt geworden ist er durch seinen Flankenlauf in seiner alten Heimat Dortmund, durch seine späte Zuarbeit für Oliver Neuville, die Deutschland noch einen kaum für möglich gehaltenen Sieg über Polen ermöglicht. Dieses Tor ist so etwas wie der Urknall des deutschen Sommermärchens. In Dortmund spielen die Deutschen zum ersten Mal so, wie es ihr Projektleiter Jürgen Klinsmann versprochen hat: modern, offensiv, hoch in der Verteidigung stehend. Damit kommen die Polen überhaupt nicht zurecht. Sie igeln sich in der eigenen Hälfte ein und hoffen, dass es irgendwie klappen möge mit einem Unentschieden. In 90 Minuten erspielen sie sich nicht eine einzige Torchance, was in bemerkenswertem Kontrast zur deutschen Performance steht. Allein, das erlösende Tor will nicht fallen. Kurz vor Schluss trifft erst Miroslav Klose die Latte, im Nachschuss auch Michael Ballack. Das Spiel ist fast vorbei, da starten die Deutschen einen letzten Angriff. David Odonkor spurtet am rechten Kreidestrich entlang, in der Mitte lauert Oliver Neuville …

8. Juni 2008 in Klagenfurt: Deutschland – Polen 2:0 (EM-Vorrunde)

Zunächst steht dieses Spiel in Klagenfurt nicht gerade im Zeichen der Völkerverständigung. Ein paar Tage vorher veröffentlicht das polnische Boulevardblatt „Super Express“ auf seiner Titelseite eine bemerkenswert geschmacklose Fotomontage. „Leo, bring uns ihre Köpfe!“ steht über der Collage, die einen wütenden Trainer Leo Beenhakker zeigt, in der linken Hand hält er den Kopf von Joachim Löw, in der rechten den von Michael Ballack, aus den Hälsen tropft noch das Blut. Die Pointe der Geschichte besteht darin, dass ausgerechnet ein gebürtiger Pole zum deutschen Helden des EM-Auftakts wird. Lukas Podolski, geboren in Gliwice, schießt beide Tore zum nie gefährdeten Sieg, beim 1:0 assistiert der gleichfalls in Polen geborene Miroslav Klose. Beide Male traut Podolski sich gar nicht so recht zu jubeln, was den Polen Respekt abnötigt und den EM-Gastgeber Österreich ein wenig ärgert, weil diese Geste die ungeliebten Piefkes sogar ein bisschen sympathisch macht. Die Redaktion von „Super Express“ gießt den Abend von Klagenfurt in die fatalistische Formulierung: „Die Polen haben uns erledigt! Wir hatten große Hoffnungen, aber es endete wie immer.“

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