Joachim Löw : "Dortmund hat allergrößte Chancen auf den Titel"

Bundestrainer Joachim Löw spricht im Interview über die Bundesliga, deutschen Qualitätsfußball und die neue Spielergeneration.

Joachim Löw, 50, ist seit 2006 Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ wählte ihn zum „Manager des Jahres“.
Joachim Löw, 50, ist seit 2006 Cheftrainer der deutschen Nationalmannschaft. Die französische Sportzeitung „L’Équipe“ wählte ihn...Foto: dpa

Herr Löw, die Bundesliga bietet viele Überraschungen. Können Sie das erklären?

Die Mannschaften, die vorne stehen wie Dortmund, Mainz, Hannover und Freiburg, hatten den Vorteil einer konzentrierten Vorbereitung auf die Saison. Sie haben sechs Wochen gezielt gearbeitet. Bei Bayern München sind zehn Spieler, die bis zum Ende bei der WM eine hohe Belastung hatten, erst zwei Wochen vor Saisonbeginn eingestiegen. Daraus resultieren auch einige Verletzungen.

Sind Sie überrascht von Dortmund?

Im letzten Jahr war zu erkennen, dass Dortmund am besten nach Ballgewinn schnell zum Abschluss kam. Die Mannschaft hat aber häufig unentschieden gespielt. Jetzt gewinnt sie diese Spiele.

Ist Dortmund Favorit auf den Titel?

Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, was einigen nicht recht ist, aber Dortmund hat die allergrößten Chancen auf die Meisterschaft. Die Mannschaft spielt seit einem halben Jahr konstant, sie hat junge, technisch sehr gute Spieler und viele Möglichkeiten, gerade im offensiven Bereich, Spieler zu ersetzen. Dortmund hat keine Belastung mehr im DFB-Pokal, möglicherweise bald auch nicht mehr in der Europa League, denn es ist nicht einfach, in Sevilla zu gewinnen. Die belastbare Mannschaft weist 17 Punkte Vorsprung gegen die Bayern auf, denen es schwer fällt, noch von der Meisterschaft zu sprechen. Leverkusen wäre am ehesten noch ein Konkurrent, von Mainz ist dies nicht zu erwarten.

Wie erklären Sie den Misserfolg des VfB Stuttgart?

Der VfB musste in Khedira und Lehmann zwei wichtige Spieler ersetzen. Das ist nicht einfach, aber ein Verein wie Stuttgart mit einer hervorragenden Jugendarbeit sollte normalerweise diese Abgänge verkraften und auf eine solche Situation vorbereitet sein. Momentan spielt der VfB unter seinen Möglichkeiten. Ich bin aber zu weit entfernt vom VfB, um die genauen Probleme beurteilen zu können.

Sie sprachen vom „Qualitätsfußball made in Germany“. Was macht diesen aus?

Wir haben in diesem Jahr mehr als zuvor große Fortschritte gemacht, trotz der geplatzten Vertragsverlängerung und der Verletzungen von Rolfes, Adler, Ballack und Westermann. Wir haben durch eine aggressive, offensive Spielweise Emotionen geweckt. Wir hatten geringere Schwankungen als früher. Schnelles Umschalten, kurze Ballkontaktzeiten, gutes Zweikampfverhalten waren unsere Markenzeichen.

Sie haben nach der WM wieder neuen Spielern eine Chance gegeben. Wem trauen Sie den Sprung in Ihre Mannschaft zu?

Ich sehe Mats Hummels sehr selbstbewusst und sehr reif für sein junges Alter. André Schürrle ist ein Spieler, der mit viel Tempo und viel Frechheit ausgestattet ist. Lewis Holtby ist technisch sehr gut und vom Typ her wie Mesut Özil. Überraschende, tödliche Pässe, enge Ballannahme, ein Auge, wo der Ball hin muss – das zeichnet ihn aus. Vor allem aber Mario Götze: Mit 18 Jahren hat er mit einer Selbstverständlichkeit bei uns trainiert, wie ich es bei einem Spieler, der neu zur Nationalmannschaft kommt, noch nie erlebt habe. Er hat die Perspektive einer ganz großen Zukunft. Die anderen sind sehr talentiert, aber eine WM gegen Argentinien, Brasilien, Spanien ist ein anderes Level als die Bundesliga. Vielleicht sind auch Sidney Sam oder Marco Reus in drei oder vier Jahren so weit, dass sie Leistungsträger in der Nationalmannschaft sind.

Was unterscheidet junge Spieler dieser Generation von den vorherigen?

Wir haben keine unendliche Fülle von hochtalentierten Spielern, sondern lediglich einige mehr als vor vier oder fünf Jahren. Diese Spieler sind besser in der Handlungsschnelligkeit, Spielintelligenz und in der Basisausbildung. Sie haben einen klaren Plan, was sie erreichen möchten und sind sehr selbstkritisch. Das war vor einigen Jahren nicht so. Auf der einen Seite ist es heute einfacher, in die Nationalmannschaft zu kommen, weil die Qualität der jungen Leute zu erkennen ist. Andererseits ist es aber nicht einfach, noch junge Spielern wie Özil, Khedira, Müller und Badstuber, Lahm, Podolski, Khedira und Schweinsteiger zu verdrängen.

Das Gespräch führte Gregor Derichs.

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