Kapitäns-Debatte : Personalberater hätten Ballack entmachtet

In der Diskussion um den Posten des Nationalmannschafts-Kapitäns haben Personalberater eine klare Meinung. Wäre Löws Elf ein Unternehmen, dann wären Michael Ballacks Tage als Vorstandschef gezählt gewesen. "Ballacks Zeit ist abgelaufen", urteilt eine Expertin.

Katrin Terpitz
Hauptfiguren in der sogenannten K-Frage: Lahm, Ballack und Bundestrainer Löw.
Hauptfiguren in der sogenannten K-Frage: Lahm, Ballack und Bundestrainer Löw.Foto: dpa

Nur mal angenommen: Die Nationalelf ist ein Unternehmen und Michael Ballack der Vorstandschef. Dann wären seine Tage gezählt.

Selbst wenn der Capitano körperlich zur Hochform auflaufen sollte - wovon derzeit ja keine Rede sein kann -, hätte es nicht gut um ihn gestanden: Mit seinem autoritären Führungsstil passt er nicht mehr ins Team. Davon sind Personalberater, die sonst Manager in der Top-Liga des Dax platzieren, unisono überzeugt.

"Ein dominanter Chef vom Typ Ballack ist im neuen WM-Team wahrscheinlich sogar störend", sagt Wolfgang Walter, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles. Schließlich sei die junge Nationalelf ohne den verletzten Kapitän zu einem erfolgreichen Team zusammengewachsen.

"Trotz seiner Verdienste: Ballacks Zeit ist abgelaufen", sagt auch Anke Hoffmann von der Personalberatung Kienbaum. Andere Manager-Coachs - vom Handelsblatt befragt - vergleichen Lahm mit jungen Konzernchefs - wie Telekom-Lenker Obermann oder Henkel-Chef Rorsted.

"Auf dem Platz sind viele Chefs gefragt", sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff gestern, "und kein alleiniger Leitwolf." Und es klang wie eine Vorentscheidung: gegen Ballack und für Philipp Lahm, den 26-jährigen Herausforderer. Bundestrainer Joachim Löw will sich heute um 12.30 Uhr zu der brisanten Personalie äußern.

Eine Art Doppelspitze

Die Headhunter hatten zwar zu einer klaren Lösung geraten: "Viele Chefs bringen nur weitere Grabenkämpfe." Doch Joachim Löw hat ihre Empfehlung offenbar nicht erhört: Nach wochenlangem Rätselraten sollen der seit 2004 amtierende Michael Ballack und der während der WM in Südafrika als Spielführer fungierende Münchner Philipp Lahm offenbar eine Art Doppelspitze bilden. In einer Teamsitzung am Dienstagabend unterrichtete der 50-Jährige nach Angaben der "Bild"-Zeitung die Nationalspieler über die künftige Verfahrensweise. Demnach soll Ballack, der wegen einer schweren Fußverletzung die Weltmeisterschaft verpasst hatte, die Mannschaft wieder als Kapitän anführen, wenn er in die DFB-Auswahl zurückkommt.

Für die anstehenden EM-Qualifikationsspiele am Freitag in Brüssel gegen Belgien sowie vier Tage später in Köln gegen Aserbaidschan verzichtet Löw wegen mangelnder Fitness auf den 33 Jahre alten Routinier. Frühestens für den Doppelspieltag im Oktober gegen die Türkei und in Kasachstan könnte Ballack von Löw wieder berufen werden und dann als Kapitän seine Länderspiele 99 und 100 bestreiten. Spielt Ballack nicht, soll Lahm wie schon beim Turnier in Südafrika als Kapitän fungieren.

Für den verletzten Kapitän war es bitter: Von der Tribüne aus musste sich Michael Ballack bei der WM den 4:0-Triumph des jungen Teams gegen Argentinien anschauen. Das sensationelle Ergebnis machte jedem unmissverständlich klar: Es geht auch ohne ihn. Die Bilder vom einsamen Ballack in der Menge - weit weg von der Mannschaft - sprachen Bände. Und dann machte ihm Interims-Teamchef Philipp Lahm auch noch die Kapitänsbinde streitig.

Tatsache ist: In Ballacks kurzer Abwesenheit hat sich die Mannschaft grundlegend gewandelt. Die Personalnot hat die unerfahrene Elf zu einem erfolgreichen Team zusammengeschweißt. Dort ist die Verantwortung nun auf mehrere Schultern verteilt.

Wie die Unternehmenswelt hat sich auch der Fußball in den vergangenen Jahren stark verändert. "Für den Standfußball der 70er-Jahre war ein zentraler Leitwolf angebracht, der die Kommandos gab", sagt Wolfgang Walter, Partner der Personalberatung Heidrick & Struggles. Im Team aber braucht es heute keinen alleinigen Leitwolf mehr, pflichtet der Personalberater Bierhoff bei.

"Für die Mannschaft ackern" nennt der überraschend gereifte Bastian Schweinsteiger die neue gegenseitige Verantwortungsbereitschaft im Team. Auch in Unternehmen sind die immer komplexeren Aufgaben nur noch partnerschaftlich zu bewältigen, bestätigt Walter. Teams tun sich nun mal leichter mit flachen Hierarchien, sagt der Psychologe.

"Das ist kein Wunschkonzert ... Es gibt Hierarchien!"

Ballack dagegen repräsentiert den traditionellen autoritären Führungstyp - mit viel Testosteron im Blut. Mühsam hat er sich durch die Hierarchien nach oben gekämpft. Das hat ihn geprägt. Philipp Lahms Anspruch auf die Kapitänsbinde wies er empört und vielsagend zurück: "Das ist kein Wunschkonzert ... Es gibt Hierarchien!"

Sich hinter Hierarchien zu verschanzen, ist aber auch in der Wirtschaft nicht mehr zeitgemäß, kritisieren Personalexperten. Autoritäre Manager werden immer häufiger verdrängt von jüngeren - von Teamplayern wie René Obermann oder Kasper Rorsted.

"Die Generation Ballack ist nicht mehr in der Lage, die Mannschaft positiv zu beeinflussen", urteilt auch Anke Hoffmann, Geschäftsführerin der Personalberatung von Kienbaum. "Wie in Unternehmen bestechen die Jungen durch ihre Leistung und stellen Ansprüche." Erfolge haben eine immer kürzere Halbwertszeit. Das enttäuscht heute viele Vorstandschefs bitter, beobachtet Walter.

Hinter den Kulissen bröckelte der Machtstatus des Kapitäns schon lange. Ballack, dem Kritiker zuvor mangelnde "Führungspersönlichkeit" vorgeworfen hatten, verwechselte Autorität offensichtlich mit autoritärem Gehabe.

Wie er damit in der Mannschaft aneckte, zeigte sich schon zur EM 2008. Ballack passte es gar nicht, dass einige Spieler nach der Kroatien-Niederlage eine Poolparty feiern wollten und machte sich als Spaßbremse unbeliebt. Der Graben zwischen den Generationen schien unüberwindbar. Nicht nur Spielerkollege Arne Friedrich beklagte sich über Ballacks "ruppigen Führungsstil".

Dann die Watschen von Lukas Podolski gegen Ballack - live vor einem Millionenpublikum im Spiel gegen Wales. Das war im April 2009. Ein Affront - aber auch ein Sinnbild für das Aufbegehren des Rudels gegen den ungeliebten Leitwolf.

Dann geschah, was auch in der freien Natur passiert: "Macht der Leitwolf seinen Platz nicht frei, sondern sich ambitionierte junge Alphatiere (sprich: Lahm) ab, um ihr eigenes Rudel aufzumachen", analysiert Johannes Voß, Managementberater und Autor von "Führungsstrategien des Alphawolfs".

Dabei entspricht der 1,70 Meter kleine Lahm so gar nicht dem Typus eines Leitwolfs. Er will auch gar keiner sein. Unter Personalexperten gilt er als Integrationsfigur, offener Kommunikator und Teamspieler. Der ideale Mann für die neuen "flachen Hierarchien".

Ballack ist der Kapitän, doch erst wenn er fit ist

Doch letztlich könnte Löw ganz anderes im Sinn haben - mit einem angedachten "Jobsharing" etwa, über das die Bild-Zeitung bereits spekuliert: Ballack ist der Kapitän, doch erst wenn er fit ist. Und ob er das wieder wird, ist fraglich. Ziel der Übung könnte sein, es Ballack zu ermöglichen, sein Gesicht zu wahren, glauben Personalexperten. Viele Kapitäne brächten letztlich nur noch mehr Machtkämpfe.

Womöglich gibt es am Ende gar einen lachenden Dritten. So wie nicht selten in der Wirtschaft: Erst kürzlich wurde überraschend Siemens-Manager Heinrich Hiesinger zum Nachfolger von Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz benannt - und nicht einer der zwei internen Favoriten. Kienbaum-Beraterin Hoffmann jedenfalls kann sich gut vorstellen, dass Löw Schweinsteiger die Kapitänsbinde überstreift. Galt er doch schon zur WM als heimlicher Spielmacher.

Eines jedenfalls kann Personalberater Walter Noch-Kapitän Ballack nur raten: Von selbst auf sein Amt zu verzichten. "Das wäre supersouverän."

Quelle: Handelsblatt

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