Länderspieljahr 2010 : "Qualitätsfußball made in Germany"

Für die deutsche Fußball-Nationalelf endet das Länderspieljahr 2010 mit einem wenig ansehnlichen Testspielremis in Schweden. Das Fazit von Bundestrainer Joachim Löw fällt trotzdem positiv aus.

Gregor Derichs
Forever Young: Marcel Schmelzer (l.), Mario Götze (3. v. l.), Mats Hummels (4. v. l.) und Andre Schürrle (4. v. r.). Der Jugendwahn in der Nationalelf geht weiter.
Forever Young: Marcel Schmelzer (l.), Mario Götze (3. v. l.), Mats Hummels (4. v. l.) und Andre Schürrle (4. v. r.). Der...Foto: dapd

Lewis Holtby war völlig begeistert über einen Abend, der bei ihm einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte. „Ich habe jede Minute genossen und tue es immer noch. Es war ein Wahnsinn, mit solchen Weltklassespielern zusammen spielen zu dürfen und vom Trainer zu hören: Spiel’ frei auf, Lewis“, erzählte der 20-Jährige strahlend. Dass die Stars wie Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger im Ullevi-Stadion von Göteborg in seinem Rücken die Defensivarbeit machten, fand Holtby atemraubend. „Ich glaube, ich werde nicht schlafen können“, sagte er.

Fast zeitgleich lobte Joachim Löw den Mittelfeldspieler des FSV Mainz 05, der wegen seines Vaters auch für England hätte spielen können. „Lewis hat mir sehr gut gefallen. Er hat technisch immer gute Lösungen und eine große Ballsicherheit“, sagte der Bundestrainer. Holtby sorgte für die wachen Momente, als die deutsche Nationalmannschaft beim 0:0 im Testspiel gegen Schweden in die Vorstufe des Winterschlafs fiel. Löw befand, dass seine Mannschaft die Zukunft vor sich habe, die noch besser werden kann als die Gegenwart. Das war das Fazit, das Löw nach dem 17. und letzten Spiel des Jahres zog. „Es war ein phantastisches Jahr für die Nationalmannschaft“, sagte Löw: „Wir haben in vielen Spielen Qualitätsfußball made in Germany gezeigt.“ Von „Fußball-Kultur“ sprach der Südbadener, zu der sein Team nun fähig sei. Zwölf Siege, zwei Remis und drei Niederlagen, WM-Dritter in Südafrika, Platz vier in der Weltrangliste lautet die Bilanz zum Abschluss eines Jahres. Kaum jemand hatte dies für möglich gehalten nach dem 0:1 gegen Argentinien im ersten Test am 3. März in München.

Die Neulinge Holtby, Marcel Schmelzer, Mario Götze und André Schürrle, zwischen 18 und 22 Jahre alt, gaben ihr Debüt in Göteborg, Kevin Großkreutz und Mats Hummels vollzogen bei ihrem zweiten Einsatz ihre Premiere in der Startelf. „Mit der jungen Mannschaft, die wir haben und bei den jungen Spielern, die jetzt nachrücken, besitzen wir sehr gute Perspektiven“, sagte Löw. Einen Altersschnitt von knapp über 23 Jahren wies sein Team auf. Junge Spieler wie Toni Kroos (20) und Marko Marin (21), die noch bei den Junioren mitwirken dürften, bekommen im Kampf um die Kaderplätze die Konkurrenz eines A-Jugendlichen wie Götze zu spüren. Der Dortmunder, dessen Talent überragend hoch eingeschätzt wird wie bei keinem Spieler seit Andreas Möller Mitte der 1980er Jahre, verblüffte mit seinen Qualitäten selbst den Bundestrainer. „Götze mit seinen 18 Jahren ist beeindruckend. Eine solche Selbstverständlichkeit und Ruhe am Ball, wie er sie zeigt, habe ich noch nicht häufig gesehen bei einem ganz jungen Spieler“, sagte Löw. „Ich war sehr aufgeregt, ich hatte Herzrasen“, gestand der gebürtige Allgäuer, der nur eine Viertelstunde Einsatzzeit bekam, aber im Training überzeugte. In seinem Alter ist es erfahrungsgemäß zu früh, um eine große Karriere auf höchstem Niveau zu prognostizieren. Lars Ricken, ebenfalls ein Dortmunder, wurde 17-jährig gefeiert, stagnierte in seiner Entwicklung und spielte mit 31 in der Regionalliga.

Innenverteidiger Hummels und der linke Außenverteidiger Schmelzer dürften die besten Perspektiven besitzen, dauerhaft in Löws Kader einen Platz zu ergattern, weil auf ihren Positionen erhöhter Personalbedarf besteht. Holtby und Götze könnten als „Back-Up“ zu Mesut Özil aufgebaut werden. Göteborg war der Endpunkt nach zehn Monaten, in denen sich Löw systematisch einen sehr großen personellen Fundus geschaffen hat. Bei der Nominierung seines WM-Kaders hatte er mit jungen Spielern wie Holger Badstuber oder Dennis Aogo überrascht, bereits zuvor hatte er Thomas Müller und Toni Kroos ins Team integriert.

Das nächste Jahr beginnt mit dem Testländerspiel gegen Italien in Dortmund am 9. Februar. „Dann müssen wir uns wieder für die EM-Qualifikation einspielen“, sagte der Bundestrainer, dessen Team die Gruppenführung zu verteidigen hat. Die meisten der in Schweden fehlenden Stammkräfte werden wieder dabei sein. Selbst einen Michael Ballack hat Löw weiterhin auf seiner Kandidatenliste stehen. „Ich traue ihm zu, dass er zurückkehrt. Er arbeitet sehr ehrgeizig an seinem Comeback“, sagte Joachim Löw. Das Ziel, das sagte der Bundestrainer noch vor dem Gehen, bleibt ein Titelgewinn: entweder 2012 bei der EM oder 2014 bei der WM.

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