Mann der Extreme : Luststürmer Lukas Podolski

Lukas Podolski spielt im Verein oft uninspiriert, in der Nationalmannschaft aber blüht er auf – dank Joachim Löw. Der Bundestrainer lässt den Kölner immer wieder spüren, dass er ihn zu außergewöhnlichen Leistungen befähigt sieht.

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Lukas Podolski zeigte gegen Aserbaidschan eine starke Leistung. So gut spielt er im Verein allerdings nur selten.
Lukas Podolski zeigte gegen Aserbaidschan eine starke Leistung. So gut spielt er im Verein allerdings nur selten.Foto: Reuters

Das Kölner Fußball-Publikum pflegt einen ausgeprägten Lokalpatriotismus, selbst wenn es um die übergeordnete Sache geht. Am Dienstagabend, beim 6:1 im EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Aserbaidschan, wahrten die Zuschauer immerhin eine Anstandsfrist, bis sie ihrer kölschen Seele freien Lauf ließen: Erst nach einer guten Viertelstunde widmeten sie sich erstmals ihrem lokalen Helden. „Lu-kas Po-dols-ki!“, dröhnte es von den Rängen. Die Rufe waren Trost und Beschwörung in einem. Und offensichtlich erfüllten sie ihren Zweck.

Ein paar Minuten später gab es einen Freistoß für die Deutschen, halbrechts vor dem aserbaidschanischen Strafraum. Podolski ging in Position. Sein Körper spannte sich, die Botschaft lautete: Ich kann. Ich will. Ich muss. Podolskis Schuss wurde abgefälscht, der Ball landete in den Armen des Torwarts – und doch war es der Anfang von fünf geradezu wahnwitzigen Minuten, in denen der Kölner zwei weitere Mal aufs Tor schoss und mit einem Kopfball nur knapp das Ziel verfehlte. „Lukas ist heiß gewesen, das hat man gemerkt“, sagte Heiko Westermann.

Am Tag vor dem Spiel hatte Bundestrainer Joachim Löw ziemlich ausführlich über Podolski gesprochen. Sein Vortrag enthielt erstaunlich kritische Untertöne, Podolskis Auftritt am Wochenende in Brüssel hatte dem Bundestrainer nicht besonders zugesagt. Und trotzdem ist Löw weit davon entfernt, aus solchen Einzeleindrücken einen grundsätzlichen Zweifel an Podolski abzuleiten. „Ich bin überzeugt, dass er morgen ein hervorragendes Spiel macht“, hatte Löw zum Abschluss seines Rapports noch gesagt. „Er trifft bei uns immer.“ Im Grunde war es nicht die Frage, ob Podolski gegen Aserbaidschan ein Tor gelingen würde, sondern nur: wie viele.

Vertrauen als Basis

Am Ende hatte der Kölner in seinem ganz speziellen Heimspiel einen Treffer erzielt, ein weiteres Tor direkt vorbereitet und ein drittes entscheidend auf den Weg gebracht. „Ich weiß, wie er tickt“, sagte Miroslav Klose. „Er stand unter Beschuss. Aber es ist eine Stärke von ihm, sich von der Kritik nicht verrückt machen zu lassen.“

Lukas Podolski ist ein Luststürmer. Sein Spiel kennt keine Mitte, es kennt nur die Extreme, nach oben wie nach unten. „Wenn ich meine normale Form finde, wird es schwer, an mir vorbeizukommen“, hat Podolski in diesen Tagen immer wieder gesagt. Aber was ist seine normale Form? Die Nationalmannschaftsform, die dazu führt, dass er durchschnittlich in jedem zweiten Länderspiel ein Tor erzielt? Oder die 1.-FC-Köln-Form, die geprägt ist von Torarmut, taktischer Unbedarftheit und temporärer Teilnahmslosigkeit?

Offenbar ist es Joachim Löw gelungen, die schwankenden Stimmungen Podolskis zu kanalisieren und in die richtigen Bahnen zu lenken. Schon zu Beginn der WM-Vorbereitung hatte der Bundestrainer über den Kölner gesagt: „Der wird von uns jeden Tag angetrieben.“ Podolski braucht das, man darf ihn nicht sich selbst überlassen. „Lukas hat seine Qualitäten bei uns häufig genug nachgewiesen“, sagte Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. „Aber er muss daran immer wieder arbeiten.“

Die Basis von allem ist Vertrauen, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Löw lässt seinen Lieblingsschüler immer wieder spüren, dass er ihn zu außergewöhnlichen Leistungen befähigt sieht; Podolski wiederum nimmt die taktischen Anweisungen des Bundestrainers an, er versteht sie nicht als Beschneidung seiner Persönlichkeit, sondern als Hilfe. „Jogi Löw hat den richtigen Weg gefunden“, sagt Bierhoff.

Podolski selbst gab nach dem Sieg gegen die Aserbaidschaner zu Protokoll, es habe „super Spaß“ gemacht. Anzumerken war ihm das allerdings nicht mehr. War es schön?, wurde er gefragt. „Ja, war schön.“ War das Spiel wichtig? „Ja, war wichtig.“ Lukas Podolski verweigerte sich der guten Laune. Es schien fast so, als wäre es ihm peinlich, wie berechenbar er manchmal ist.

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