Matchwinner Özil : Mesut heißt glücklich

Mesut Özil macht den Unterschied und das Land seiner Großeltern unglücklich. Der Deutsch-Türke aus Gelsenkirchen ließ sich nicht durch Pfiffe irritieren und auch nicht durch seinen mühsamen Einstieg ins Spiel.

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Angela Merkel näherte sich Mesut Özil in der Kabine.
Angela Merkel näherte sich Mesut Özil in der Kabine.Foto: dpa

Berlin - Natürlich hatte die Kanzlerin wieder ihren Auftritt. Wie schon vor ein paar Monaten in Kapstadt enterte Angela Merkel am späten Freitagabend die deutsche Kabine und hielt eine kleine Glückwunschrede, und wie schon in Südafrika drängte die Mannschaft mit lauten „Wiese! Wiese!“-Rufen den rhetorisch eher minderbegabten Bremer Torhüter zur Replik.

Selten sind sich die Mächtigen des Bildschirms und der Politik in Deutschland so nahe gewesen wie in diesen Tagen von Berlin. Am Dienstag verteilte der Bundespräsident Silberne Lorbeerblätter, drei Tage später bedankten sich die Herren Fußballspieler mit drei Toren und einem symbolträchtigen Abend. Vermutlich hätte Frau Merkel nichts einzuwenden gegen die Hypothese, Mesut Özils gelungene Integration in die Nationalmannschaft sei ein Erfolg ihrer Politik.

Auch die türkischen Blätter veröffentlichten am Samstag Fotos von der klatschenden Kanzlerin im grünen Blazer, aber der Fokus war gerichtet auf den Mann neben ihr auf der Tribüne des Olympiastadions. Recep Tayyip Erdogan trug einen deutsch-türkischen Fanschal und versteinerte Gesichtszüge zur Schau. Vormittags hatte er mit Angela Merkel im Kanzleramt über Deutschland, die Türkei und die EU debattiert, spät am Abend soll der türkische Ministerpräsident gesagt haben, er komme nicht noch einmal nach Berlin, um sich so ein Spiel anzutun.

Von Erdogan ist bekannt, dass er ein strikter Gegner der Assimilation ist, ja dass er die völlige Anpassung türkischer Migranten an das deutsche Leben sogar für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit hält. Den kickenden Repräsentanten seines Landes würde so etwas wie eine Assimilation an die Strukturen des deutschen Spiels ganz gut bekommen. So wie es Mesut Özil demonstrierte, mit seiner auch am Freitag unerreichten Qualität, hart für die Mannschaft zu arbeiten und seine Gaben dosiert dafür einzusetzen, im richtigen Augenblick die richtigen Dinge zu tun. Der Deutschtürke aus Gelsenkirchen ließ sich nicht durch die Pfiffe der (deutsch-)türkischen Fans irritieren und auch nicht durch seinen mühsamen Einstieg ins Spiel. Özil steigerte sich, war in der zweiten Halbzeit der beste Mann auf dem Platz und derjenige, der den Unterschied machte. Er richtete sich an der Mannschaft auf und später die Mannschaft sich an ihm. Anderntags formulierte das Massenblatt „Hürriyet“ doppeldeutig: „Wir haben Deutschland glücklich gemacht“ – wozu man wissen muss, dass die Vokabel „mesut“ im Türkischen für „glücklich“ steht.

Einen wie ihn hätten die Landsleute seiner Großeltern gut gebrauchen können in der Nacht von Berlin. Bei aller Wertschätzung der individuellen Fähigkeiten von Spielern wie Hamit Altintop, Emre Belözoglu oder Nuri Sahin: Diese elf türkischen Spieler funktionierten nicht als Mannschaft, nicht als aufeinander abgestimmte Einheit. Vor allem in der ersten Halbzeit offenbarten sich im Mittelfeld, aber auch in der Defensive riesige Löcher, wie es sie im raumorientierten Spiel der Fußballmoderne eigentlich nicht mehr geben darf – jedenfalls nicht auf einem Niveau, wie es auch die türkische Mannschaft für sich reklamiert. Und das, obwohl Guus Hiddink das Kommando führt, und dem ist gewiss kein Mangel an taktischer Kompetenz nachzusagen. Nach drei Monaten im Amt bekommt der Holländer schon zu spüren, was es heißt, in der Türkei den Erwartungen nicht gerecht zu werden. „Hiddink verfolgt die türkische Liga nur per Fernbedienung am Fernseher“, mäkelte die Sportzeitung „Fotomac“, „er schickte die falsche Mannschaft aufs Feld, und die wurde zerlegt.“

Der Weltreisende in Sachen Fußball wirkte ein wenig ratlos nach der Demontage von Berlin. Hiddink beklagte Halil Altintops vergebene Großchance und referierte über den Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft, „wir konnten nur in den ersten 25 Minuten mithalten, danach sind wir eingebrochen“. Das lag auch an dem Mann, der fünf Wochen älter ist als Mesut Özil und vor dem gleichen Dilemma stand. Nuri Sahin, geboren in Lüdenscheid und als Fußballspieler groß geworden bei Borussia Dortmund, hat sich gegen das Land seiner Geburt und für das seiner Vorfahren entschieden. In der Bundesliga spielt er seit Wochen in überragender Form auf.

In der großen Nacht des Mesut Özil war Nuri Sahin kaum mehr als ein Mitläufer.

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