Mittelfeldstratege : Toni Kroos: Gereift auf die Bank

Das Signal war deutlich: Während Louis van Gaal in München mit seinen Stammkräften trainierte, durfte durfte Toni Kroos im Nationalteam spielen. Der 20-Jährige ist bei den Bayern genau wie Mario Gomez offenbar abkömmlich.

Carsten Eberts
Toni Kroos hat gut gespielt im Nationaltrikot, aber bei den Bayern droht ihm die Bank.
Toni Kroos hat gut gespielt im Nationaltrikot, aber bei den Bayern droht ihm die Bank.Foto: dpa

Am Mittwochabend in Kopenhagen absolvierte Toni Kroos sein erstes Länderspiel über 90 Minuten. Er agierte in tragender Rolle im Mittelfeld, spielte ein paar kluge Pässe, man hatte beim 2:2 des deutschen Teams gegen Dänemark stets ein gutes Gefühl, wenn Kroos am Ball war. Das alles ist jedoch ohne Aussagekraft, denn Kroos organisierte das Spiel einer Elf, die in dieser Form nie wieder zusammen spielen wird. Es wird bald vergessen sein.

Für Kroos war die Partie trotzdem aufschlussreich. Allein, weil der 20-Jährige auf dem Platz stand. Fast alle seine Münchner Mannschaftskollegen – Lahm, Müller, Schweinsteiger, Klose, Badstuber, Butt – mussten in München bleiben und bereiteten sich auf den Saisonstart in einer Woche gegen den VfL Wolfsburg vor. Übrigens unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so hatte es Trainer Louis van Gaal verfügt. Er will die Zeit mit seinen Stammkräften bis zum Auftakt optimal nutzen. Kroos und Mario Gomez hingegen fuhren nach Dänemark. Sie waren abkömmlich.

Im Winter, als Kroos bei Leverkusen brillierte, entschieden die Männer in München, ihn zurückzuholen. Die Bayern haben in ihm endlich einen gelernten zentralen Mittelfeldspieler, der zudem mit hoher Qualität Ecken und Freistöße schießen kann. Mit 16 Jahren kam Kroos nach München, mit 17 war er der jüngste Bundesligaspieler des Vereins, mit 19 wurde er an Bayer Leverkusen verliehen. Die Nummer zehn, die sie ihm einst versprochen hatten, trägt mittlerweile zwar Arjen Robben, doch Kroos ist bereit für den zweiten Versuch. „Ich komme als anderer, gereifter Spieler, der etwas vorzuweisen hat, zurück“, sagt Kroos. Er lächelt nett, wenn er zur Mittagsstunde an der Säbener Straße vor die Menschen tritt, nicht übertrieben, aber angenehm höflich. Er sagt: „Man hätte mich nicht zurückgeholt, wenn ich der Mannschaft nicht helfen könnte.“ Seine Schüchternheit, die er früher in München zeigte, hat er größtenteils abgelegt.

Die Frage ist, wo der Gereifte künftig spielen soll. Seine Paradeposition, die des Zehners, existiert in van Gaals System bislang nicht. Vielleicht gibt das Abschiedsspiel für Franz Beckenbauer heute Abend gegen Real Madrid (Anstoß 21 Uhr, live im ZDF) schon Aufschluss über van Gaals Planungen; ganz bestimmt aber das Pokalspiel am Montag bei Germania Windeck.

Im offensiven Bayern-Mittelfeld scheint Thomas Müller gesetzt, ob zentral oder als hängende Spitze. „Müller kann alles“, sagte van Gaal zuletzt, die Spielweise des WM-Torschützenkönigs lässt eine genaue Definition seiner Position ohnehin kaum zu. Links ist Franck Ribéry gesetzt, rechts dürfte Ivica Olic beste Aussichten auf die Planstelle des verletzten Robben haben. Im Supercup gegen Schalke durfte der Kroate bereits ran. Bleiben alle gesund, ist Kroos zunächst Ergänzungsspieler. Wie beim letzten Mal in München.

Toni Kroos muss Herausragendes leisten, er sucht seinen Platz in der eingespieltesten Mannschaft der Liga. Ihm droht erst mal die Bank. In diesem Fall wird es Stimmen geben, die sagen, ein weiteres Jahr in Leverkusen hätte ihm gut getan.

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