Nach dem Sieg gegen Österreich : Deutschland vom Dusel beseelt

Selten ist die deutsche Mannschaft gegen einen Außenseiter so deutlich an die Wand gespielt worden. Das 2:1 gegen Österreich offenbarte Schwächen im Team von Bundestrainer Löw.

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Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft waren nach dem glücklichen Sieg gegen die Nachbarn erleichtert
Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft waren nach dem glücklichen Sieg gegen die Nachbarn erleichtertFoto: dapd

Als alles zwar nicht gut, aber immerhin vorbei war, mussten Julian Draxler und André Schürrle noch einmal raus. Zum Auslaufen auf den Rasen des Ernst-Happel-Stadions, wo sich das Personal von Team Österreich gerade versammelt hatte, um einen liebevollen, aber kaum Trost spendenden Applaus abzuholen. Die deutschen Reservisten Draxler und Schürrle liefen unbeeindruckt ihre Bahnen, und dazu spielte die Stadionregie Musik von U2: „I still haven’t found, what I’m looking for.“

Das war schon programmatisch, denn gefunden hatten beide Seiten nicht, was sie gesucht hatten an diesem Spätsommerdienstag im Wiener Prater. Die Österreicher waren, trotz teilweise drückender Überlegenheit, mal wieder denkbar knapp vorbeigeschrammt an einem Prestigeerfolg gegen die vom ewigen Dusel beseelten Nachbarn. Und die Deutschen freuten sich zwar über einen 2:1-Sieg und drei Punkte. „Aber mit dem Spiel, vor allem am Anfang und am Ende, können wir nicht zufrieden sein“, gestand Kapitän Philipp Lahm.

Am Anfang stand eine Batterie österreichischer Torchancen und am Ende ein ganz besonderes Kunststück von Marko Arnautovic. Der österreichische Stürmer in Diensten von Werder Bremen schaffte es drei Minuten vor Schluss irgendwie, den Ball aus nächster Nähe weit am verwaisten deutschen Tor vorbei in Richtung Eckfahne zu grätschen. Unbarmherzig blendete die Kamera auf den am Boden liegenden Stürmer, wie er die reichlich tätowierten Arme über dem Kopf zusammen schlug. „Das muss ich mir noch mal im Fernsehen anschauen“, sprach Österreichs Schweizer Trainer Marcel Koller. „Dafür braucht er jetzt schon ein bisschen Trost.“

Im späten Missgeschick des Marko Arnautovic spiegelte sich all das, was sich an diesem Abend abgespielt hatte. Die Österreicher waren besser, sie hatten die größeren und zahlreicheren Torchancen, aber am Ende siegten in bester Gary-Lineker-Dialektik mal wieder die Deutschen. „Wir haben es unglaublich gut gemacht und mussten das Spiel unbedingt gewinnen“, sagte der Austro-Stuttgarter Martin Harnik. „Deutschland hatte drei Chancen und wir vielleicht das Doppelte.“

Das ist ein wenig zu wohlwollend formuliert, aber im Kern hat Harnik so unrecht nicht. Selten ist die deutsche Mannschaft von einem Außenseiter so deutlich an die Wand gespielt worden wie in diesem zweiten Auftritt in der Qualifikation zur WM 2014 in Brasilien. Die Österreicher machten das, was vor gar nicht so langer Zeit die Deutschen auszeichnete. Sie attackierten früh und zwangen ihren prominenten Gegner zu Fehlern, wie sie den Deutschen zuletzt in der längst überwundenen Ära Rudi Völler unterlaufen waren.

Ganz furchtbar sah es bei beiden Außenverteidigern aus. Dass Marcel Schmelzer auf der linken Seite nicht die Lösung aller Rätsel sein würde, kam so überraschend nicht. Wer aber hätte erwartet, dass der mal wieder nach rechts versetzte Philipp Lahm so oft so gravierend daneben liegen würde? Bundestrainer Joachim Löw machte es gnädig für seinen Kapitän und referierte allein über das Vakuum auf der anderen Seite, wobei er eine bemerkenswert unpersönliche Tonart wählte: „Wir haben links nicht zu viele Alternativen, deswegen wird man mit Schmelzer weiter arbeiten und hoffen, dass er sich weiter entwickelt.“ Aber: „Wir haben uns nicht festgelegt auf diesen Kader. Es kann schon noch jemand dazukommen.“

Zur defensiven Problematik kam in Wien die nur mäßig ausgeprägte Qualität im Spiel nach vorn. Deutschlands Fußballer des Jahres Marco Reus war auf dem linken Flügel verschenkt und verletzte sich zudem am rechten Fuß bei seiner besten Aktion, dem Tor zum 1:0 kurz vor der Pause. Für ihn kam sein Dortmunder Kollege Mario Götze, der im Nationaltrikot immer noch ein wenig fremdelt. Und Deutschlands größte Begabung Mesut Özil deutete in bestenfalls drei, vier Situationen an, dass er an guten Tagen zu den besten Fußballspielern der Welt zählt. Seine beste Szene war der fast aus dem Stand verwandelte Elfmeter zum zwischenzeitlichen 2:0. Danach brachten Özil und seine Kollegen nicht mehr viel zustande. Dass es dennoch zum Sieg reichte, stellte Marcel Koller als ganz besonderes Qualitätsmerkmal heraus. „Auch das ist Weltklasse“, sprach Österreichs Trainer und rühmte die deutsche Fähigkeit zum entscheidenden Schlag, „wenn der Gegner für einen kurzen Moment nicht die Spannung hat und Fehler macht. Das ist ein kleiner Unterschied, aber ein entscheidender.“

In diesem Sinne interpretierte auch der Münchner Thomas Müller das schnell abgehakte Erfolgserlebnis von Wien, mit der schönen Bemerkung: „Mir ist es lieber, ich gewinne mit viel Arbeit 2:1, als dass ich zehn Übersteiger mache und verliere.“ Am Ende war sein Klubkollege Manuel Neuer der Mann des Abends. Weil er erstens dem frei vor ihm auftauchenden Guido Burgstaller den Ball vom Fuß spitzelte und zweitens vielleicht allein durch seine Präsenz dem sonst so selbstsicheren Marko Arnautovic den späten Ausgleich vermasselte. Später ging Neuer als letzter Deutscher in die Fankurve, ein winziges Tortenstück im rotweißrot gefärbten Stadion. Er hatte sein Trikot ausgezogen, wohl in der Absicht, es mit dem Österreicher Robert Almer zu tauschen. Weil dieser aber offensichtlich wenig Wert auf Verbrüderung gelegt hatte, streifte Neuer sein eigenes Leibchen wieder über und lief zurück in die Kabine.

Danach kamen Julian Draxler, André Schürrle und U2.

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