Nationalmannschaft : Das neue Prekariat

Sami Khedira war zweimal nicht bei der Nationalelf, schon gilt er als Wackelkandidat. Das lag vor allem an Toni Kroos, der derart überzeugend gespielt hat, dass selbst Khedira es zugeben musste.

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Vom Herausforderer zum Herausgeforderten. Khedira (M.) hat es im Nationalteam nun mit Marco Reus (l.) und Simon Rolfes zu tun, die 2010 nicht im WM-Kader standen.
Vom Herausforderer zum Herausgeforderten. Khedira (M.) hat es im Nationalteam nun mit Marco Reus (l.) und Simon Rolfes zu tun, die...Foto: dpa

Das Leben eines Fußballprofis dreht sich mit einer Geschwindigkeit, die man sich als Normalsterblicher nur schwer vorstellen kann. Zu Ruhm und Geld gelangen die jungen Männer manchmal innerhalb weniger Monate, genauso rasch kann es auch wieder in die andere Richtung gehen. Sami Khedira, der deutsche Nationalspieler von Real Madrid, hat sich längst an das Tempo gewöhnt, aber selbst ihm ging es zuletzt ein bisschen zu schnell. Als „sehr interessant“ empfand er die Nachrichten, die ihm aus Deutschland zugetragen wurden. In Wirklichkeit haben sie ihn nachhaltig verärgert. Respektlos hat Khedira jetzt die Diskussionen über seine fachlichen Qualitäten genannt. „Ich war sehr lange ruhig, aber irgendwann ist es auch mal gut“, sagte er vor dem Abflug der Nationalmannschaft zum EM-Qualifikationsspiel in der Türkei. „Wenn auf einen Spieler eingeschossen wird, der sich gar nicht zeigen kann, ist das irgendwo nicht korrekt.“

Zwei Zusammenkünfte mit der Nationalelf und drei Länderspiele hat der 24-Jährige zuletzt aus gesundheitlichen Gründen verpasst; und diese zweimonatige Absenz hat ausgereicht, um seinen Status in der Öffentlichkeit ins Wanken zu bringen. Das lag vor allem an Toni Kroos, der die Rolle als Vertreter im zentralen Mittelfeld derart überzeugend interpretiert hat, dass selbst Khedira zugeben musste: „Er hat sehr gut gespielt.“ Und auch Bundestrainer Joachim Löw äußerte sich auffallend positiv über den Münchner: „Toni Kroos ist ein Spieler, der viele gute Aktionen, viele gute Lösungen hat.“

Löws Lob an Kroos ist indirekt auch als Kritik an Khedira aufgefasst worden, was insofern nicht ganz gerecht ist, als dem Nationalspieler bei Real Madrid viele gute Aktionen regelrecht untersagt sind. „Ich habe mein Spiel verfeinert“, sagt Khedira über seine neue Rolle, „habe gelernt, intelligenter zu spielen.“ Früher war er das, was in England Box-to-box-player genannt wird: ein Spieler, der sich mit Lust zwischen den beiden Strafräumen bewegt, also sowohl defensive als auch offensive Fähigkeiten einbringt. In Madrid aber endet Khediras Betätigungsfeld auf Geheiß seines Trainers José Mourinho bereits an der Mittellinie – fürs Glänzen hat Real andere, hoch bezahlte Spezialisten.

Für Khedira hat das zur Folge, dass er bei den spektakelverwöhnten Spaniern eher schlecht wegkommt. Die latente Unzufriedenheit lässt sich mit ein paar knackigen Zitaten aus der spanischen Presse passend illustrieren, und zuletzt wurde auch noch das Gerücht kolportiert, Real könnte den defensiven Mittelfeldspieler im Winter an den FC Chelsea weiter verkaufen. Löw registriert solche Nachrichten mit großer Gelassenheit: „Ich habe gelernt, dass man nicht alles für bare Münze nehmen muss, was aus dem Ausland transportiert wird.“ Er vertraut lieber Informationen aus erster Hand. Aus seinen regelmäßigen Gesprächen mit Mourinho weiß der Bundestrainer, dass der Kollege „von dem Spieler Khedira sehr angetan ist“ und nicht im Geringsten den Gedanken hegt, den Deutschen abzugeben.

„Jetzt bin ich wieder da“, sagt Khedira, der sich morgen nach langer Zeit wieder dem deutschen Fernsehpublikum präsentieren kann. Den Konkurrenten Kroos muss er diesmal nicht fürchten. Der Münchner ist wegen einer Grippeerkrankung gar nicht erst mit in die Türkei geflogen. Aber auch sonst scheut Khedira den Wettbewerb nicht. „Jeder hat die faire Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen“, sagt er. „Aber wenn ich meine Leistung abrufe, werde ich spielen.“

Der frühere Stuttgarter sollte die Zweifel an seinem Spiel ohnehin nicht persönlich nehmen. Sie sind eher Ausdruck der allgemeinen Stimmung rund um die Nationalmannschaft und Resultat der neuen personellen Möglichkeiten, die der Bundestrainer inzwischen besitzt. Sami Khedira erlebt eine Entwicklung, die er selbst schon einmal mitgemacht hat – nur umgekehrt. Zu Beginn des WM-Jahres 2010 hatte der Hochbegabte erst ein einziges Länderspiel gemacht, während des Turniers wurde er, auch begünstigt durch den Ausfall Michael Ballacks, Stammspieler, und seitdem durfte er sich eigentlich als unantastbar fühlen. Wenn sein Status inzwischen wieder als prekär gilt, ist das nur die konsequente Fortschreibung dieser Entwicklung. Die Nationalmannschaft ermöglicht schnelle Karrieren, in jede Richtung. Sami Khedira weiß das. „Ich vertraue meiner Stärke“, sagt er, „aber wenn man sich zu sicher fühlt, entwickelt man sich automatisch zurück.“ Diese Gefahr dürfte bei ihm nach den jüngsten Erfahrungen eigentlich nicht mehr bestehen.

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