Nationalmannschaft : Fehlschuss auf der Umlaufbahn

Mario Gomez trifft gegen Australien. Doch beim Spiel in Mönchengladbach hadert der Stürmer vom FC Bayern München mit dem Publikum, das seine Fehler nicht vergisst.

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Die Schwere wird er nicht los. Mario Gomez, einziger deutscher Torschütze gegen Australien, bekommt bei den Fans trotz guter Leistung keinen Fuß auf den Boden.
Die Schwere wird er nicht los. Mario Gomez, einziger deutscher Torschütze gegen Australien, bekommt bei den Fans trotz guter...Foto: firo

So wie Mario Gomez drauf war, hat er wahrscheinlich auch die kleine Kuriosität am Rande als Affront gegen sich gewertet. Eine knappe Viertelstunde war zwischen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und Australien noch zu spielen, als sich Miroslav Klose auf den Weg zum 2:2 machte. Er lief auf das australische Tor zu, hatte freie Bahn – und setzte den Ball am Pfosten vorbei. Die Begegnung war bereits mit Abstoß für die Australier fortgesetzt worden, da spielte die Stadionregie für einen Moment den Jingle ein, mit dem bei Länderspielen die Tore der Deutschen musikalisch begleitet werden. Klose frei vor dem Tor: Was soll da schon passieren?

Eine solche Wertschätzung würde Mario Gomez auch gerne mal genießen. Bei ihm ist es genau umgekehrt: Gomez frei vor dem Tor – gibt doch eh nix!

Auch deshalb durfte der Stürmer des FC Bayern München in Mönchengladbach, bei der 1:2-Niederlage gegen die Australier, einen raren Moment genießen. Nach einer knappen halben Stunde brachte er die deutsche Mannschaft mit einem sehenswerten Tor in Führung: Gomez stoppte den Ball auf der Strafraumlinie und hob ihn dann ansatzlos in den Winkel. Es war im 43. Länderspiel das 15. Tor für den Münchner. Doch genauso bemerkenswert wie sein präziser Schuss unter die Latte fiel der anschließende Jubel aus. Gomez blickte betreten zu Boden und trottete lustlos Richtung Mittellinie.

Ob der Stürmer unzufrieden sei, und wenn ja, warum, wurde Bundestrainer Joachim Löw später gefragt. „Er ist schon zufrieden“, antwortete Löw, aber da konnte er auch nicht ahnen, dass sich Gomez zur selben Zeit den Frust von der Seele redete. „Speziell Heimspiele der Nationalmannschaft sind für mich schwierig“, sagte er. „Die Stimmung ist nicht sehr positiv.“ In Kaiserslautern, beim Qualifikationsspiel gegen Kasachstan, sei er schon bei seiner Einwechslung ausgepfiffen worden, „das trägt man dann ein paar Tage mit sich“. Gomez offenbarte nach dem Spiel eine Sensibilität, die nach allgemeiner Einschätzung für das Fortkommen eines Stürmers als nicht besonders förderlich gilt. Den Missmut des Kaiserslauterer Publikums nahm er persönlich, obwohl er wohl vor allem seiner Anstellung beim FC Bayern geschuldet war, einem Verein, der in der Pfalz traditionell große Abneigung genießt. Auch in Mönchengladbach klagte Gomez über Pfiffe, die seine Auswechslung untermalten. Um diese Unmutsbekundungen aber wahrzunehmen, musste man schon ziemlich genau hinhören. Dominierender war die Freude der Fans über die Einwechslung von Miroslav Klose.

Gomez und Klose üben sich gerade in einem ungewohnten Wechselspielchen. Der eine spielt und trifft im Verein, der andere in der Nationalmannschaft. Grundlegend ändern wird sich daran erst einmal nichts. Bundestrainer Löw befindet sich in der komfortablen Situation, zwischen zwei Konkurrenten wählen zu können, „die beide auf gleich hohem Niveau spielen“. Gomez besitze „eine unglaubliche Qualität, Tore zu erzielen“, sagt Löw. In der Tat ist der 25-Jährige in den vergangenen Monaten zu einem fast unmöglichen Härtefall geworden. Gomez führt die Torjägerliste der Bundesliga an, er hat für die Bayern in dieser Saison bereits 30 Pflichtspieltore erzielt. Nachdrücklicher kann man sich kaum empfehlen.

„Ich bin in einer Topverfassung“, sagt Mario Gomez, „ich bin so gut wie nie.“ Und trotzdem kommt er in der Nationalmannschaft am 32 Jahre alten Klose nicht vorbei. Groll auf den Kollegen hegt er aber nicht. „Mein größter Konkurrent ist nicht Miroslav Klose“, sagt Gomez, „mein größter Konkurrent ist ein Teil der Fans.“ Dass ihn dieses Gefühl in hohem Maße belastet, zeigte seine Unfähigkeit zum Torjubel. „Die Situation ist schwierig, obwohl ich topfit bin“, sagt Gomez. „Aber ich bin im Kopf nicht voll da.“

Der Münchner glaubt, dass ihm immer noch eine alte Geschichte nachhängt. „Es liegt vielleicht an 2008“, sagt er. „An dem Schuss.“ Der Schuss. Oder besser: der Fehlschuss. Es war im EM-Spiel gegen Österreich. Gomez bekam den Ball im Fünfmeterraum aufgelegt und musste ihn nur noch über die Linie drücken. Doch statt ins Tor flog der Ball in hohem Bogen Richtung Mars. Auf dem Rückweg landete er Gomez noch einmal auf dem Kopf – und sprang von dort endgültig ins Aus.

Mario Gomez wird das Gefühl nicht los, dass der Ball für einen Teil des Publikums noch immer auf der Umlaufbahn schwebt, „aber nach drei Jahren muss mal gut sein“.

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