Nationalmannschaft : Heiko Westermann: Verloren an der Seite

Heiko Westermann galt als großer Hoffnungsträger für die deutsche Innenverteidgung. Seine Vielseitigkeit und eine Verletzung vor der WM haben ihn an den Rand gedrängt. Nun sucht er seinen Platz in der Nationalelf.

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Nationalspieler Heiko Westermann
Nationalspieler Heiko WestermannFoto: AFP

Semih Sentürk wird froh gewesen sein, nicht an Agoraphobie zu leiden. Denn als er den Ball im Berliner Olympiastadion kurz nach seiner Einwechslung in der 63. Minute über die rechte Angriffsseite der Türkei trieb, erstreckte sich vor dem Stürmer von Fenerbahce Istanbul weites Land. Und es war niemand in der Nähe, der dieses Land verteidigen wollte, niemand, der Semih in Empfang nahm. Die Versteppung auf Deutschlands linkem Flügel war dabei so gut sichtbar, dass sie sogar ZDF-Mann Bela Rethy auffiel. »Die Türken haben allen Platz der Welt«, bemerkte Rethy und seine Stimme klang dabei merklich vorwurfsvoll. Als müsste er ein Kind maßregeln, das wieder einmal nicht aufgeräumt hatte.

Und so ähnlich war es ja auch. Heiko Westermann war seiner einzigen Pflicht innerhalb der deutschen Wohngemeinschaft nicht nachgekommen. Statt zu verteidigen, schien er sich in der  Nähe des Mittelkreises dem Versuch einer Selbsthypnose zu unterziehen. Zumindest aber übertrieb es der neue Innenverteidiger des Hamburger SV an diesem türkischen Abend in Berlin mit der volksfestlichen Gastfreundschaft.

Wie Walter Matthau und Jack Lemmon

Immer wieder verteilte er bereitwillig offensive Persilscheine an die türkischen Angreifer. Westermann war als Notlösung auf der Position des linken Verteidigers sichtlich verunsichert, die Abstimmung mit Lukas Podolski wirkte wie eine unfreiwillige Hommage an Walter Matthau und Jack Lemmon als ein seltsames Paar und es war einzig der unerwartet abgeklärten Vorstellung Holger Badstubers zu verdanken, dass Westermanns freundlich lächelnde Intergrationsversuche keinen nennenswerten Schaden angerichtet haben. Ganz links, das wurde sichtbar, ist Westermann in etwa so deplatziert wie Philipp Missfelder. Nur stellt sich derzeit, sowohl in Hamburg als auch beim DFB, die Frage, wo Westermanns Platz eigentlich ist.

Denn der 27-Jährige, der noch vor ein paar Jahren als große deutsche Hoffnung für die Innenverteidigung galt, ist auf Schalke in den vergangenen zwei Spielzeiten zum defensiven Allzweckdouble umfunktioniert worden. Er musste Mladen Krstajic als Innenverteidiger, Christian Pander auf links oder  Rafinha auf rechts vertreten und schließlich erkannte der damalige Trainer Fred Rutten in Westermann einen defensiven Mittelfeldspieler, der zudem für Torgefahr sorgen konnte.

Westermann war viele

Westermann begegnete diesem Wechselspiel mit stoischer Ruhe und kostant souveränen Leistungen. Weil er sich aufgrund seiner Vielseitigkeit in kürzester Zeit jedem neuen Anforderungsprofil anpassen konnte. Westermann war viele. Auch deshalb gehörte er eigentlich fest zum deutschen WM-Kader, Löw mag Spieler wie Westermann, dreidimensional, flexibel. Doch ein Kahnbeinbruch machte die Reise nach Südafrika unmöglich. Die Verletzung wurde zur Zäsur. Seitdem scheint Westermann ein wenig das Gefühl für das eigene Spiel verloren gegangen zu sein, ganz so, als hätte er sich selbst etwas aus den Augen verloren. Und im DFB-Trikot ist er eher Verschiebemasse denn Stammspieler. Seine einstige Stärke, überall spielen zu können, ist zum Handicap geworden und erschwert die Selbstfindung.

Wieviel es aber ausmacht, wenn ein Spieler endlich seine Position findet, für sich selbst und innerhalb der Mannschaft, hat das Beispiel Arne Friedrich gezeigt. Nachdem der heutige Wolfsburger in Berlin endlich im Zentrum verteidigen durfte und Hertha BSC 2009 gemeinsam mit Josip Simunic fast zur Meisterschaft geführt hätte, schien er nach Jahren der Aushilfstätigkeit auf rechts im Schatten von Dick van Burik oder Josip Simunic endlich bei sich angekommen und wurde schließlich in Südafrika, bei Löw als Innenverteidiger gesetzt, zu einem der besten deutschen Spieler bei diesem Turnier. Gerade noch rechtzeitig, wären doch sonst nur seine grauenhaften Flanken als mittelmäßiger Außenverteidiger in Erinnerung geblieben.

So wie einst Arne Friedrich

Westermann befindet sich nun ähnlich wie Friedrich vor zwei, drei Jahren, in einer Phase, in der er seinem Profil als Verteidiger nachhaltige Konturen verleihen sollte. Dies gilt besonders für seine Stellung innerhalb des Nationalmannschaft. Bislang, das hat das Spiel im Olympiastadion noch einmal nachdrücklich offenbarft, konnte er das allerdings nicht.

Auch deshalb hatte die Rollenverteilung am Freitag Abend schon so etwas wie Symbolcharakter. Während Westermann wackelte, übernahm Holger Badstuber Verantwortung. Löw wird auch das registriert haben. Es sieht ganz danach aus, als würden die jüngeren Hochbegabten wie Badstuber oder bald auch Benedikt Höwedes oder Mats Hummels dem einstigen Musterschüler in der Defensivzentrale den Rang ablaufen und ihn damit endgültig an den Rand drängen. Egal, ob er sich dort wohlfühlt, oder nicht.

Quelle: 11Freunde

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