Nationalmannschaft : Khedira: "Mit 17 stand ich vor dem Aus"

Sami Khedira spricht im Interview über das Spanischlernen, sein Verhältnis zu Real-Trainer Jose Mourinho und die Rückkehr von Michael Ballack ins Nationalteam.

Sami Khedira, 23, hat einen steilen Aufstieg hingelegt. Vor einem Jahr war er Kapitän der U-21-Europameisterelf. Bei der WM übernahm er die Rolle Michael Ballacks und gibt seitdem den Takt in der Nationalmannschaft vor. Inzwischen spielt er bei Real Madrid.
Sami Khedira, 23, hat einen steilen Aufstieg hingelegt. Vor einem Jahr war er Kapitän der U-21-Europameisterelf. Bei der WM...Foto: Imago

Herr Khedira, kommt es Ihnen inzwischen auch seltsam vor, wie die Nation im Mai auf die Verletzung von Michael Ballack reagiert hat?

Was meinen Sie genau?

Kein Mensch konnte sich damals vorstellen, wie die Nationalmannschaft ohne Ballack funktionieren soll.

Das stimmt. Am Anfang war das für uns alle wie ein Schock. Man hat aber gesehen, dass wir den Ausfall von einzelnen, auch wichtigen Spielern sehr gut kompensieren können. Es steht gleich der nächste parat, der vielleicht noch nicht die gleiche Erfahrung besitzt, aber die gleiche Qualität mitbringt und unser Spiel versteht. Das hat man auch gegen die Türkei gesehen, als Toni Kroos auf der Position von Bastian Schweinsteiger ein hervorragendes Spiel gemacht hat. Es ist ein enormer Vorteil, wenn eine Mannschaft nicht von einem einzelnen Spieler abhängig ist.

Würde es Sie denn in einen Schockzustand versetzen, wenn Michael Ballack in die Nationalmannschaft zurückkehrt?

Wieso sollte es? Michael Ballack besitzt unbestritten eine bestimmte Klasse. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung zählt – das hat Joachim Löw immer wieder betont. Und wenn Michael wieder dabei wäre und seine Leistung bringt, wäre das schon deshalb gut, weil er der Mannschaft weiterhilft.

Aber es hätte vermutlich Auswirkungen auf Ihre Rolle.

Natürlich spielt Michael auf der Position, die ich besetzen möchte. Aber ich habe auch schon zur Genüge bewiesen, dass ich diese Position gut ausfüllen kann.

Sie waren Stammspieler bei der WM, stehen bei Real Madrid unter Vertrag. Mit einer solchen Entwicklung hätte vor einem halben Jahr niemand gerechnet. Kann man darauf überhaupt vorbereitet sein?

Das ist ja das Schöne im Fußball. Es kann immer alles passieren. Im März habe ich mich am Knie verletzt, da hätte mit einem Mal alles vorbei sein können. Ich hatte das Glück, dass das Kreuzband und das Innenband nur leicht angerissen waren und ich nach drei Wochen schon wieder trainieren konnte. Aber letztlich muss man mit allem rechnen.

Das hört sich fast fatalistisch an. Empfinden Sie auch so etwas wie Demut?

Definitiv. Ich spiele in der deutschen Nationalmannschaft jedes Spiel von Beginn an, ich spiele so gut wie jedes Spiel bei Real Madrid von Beginn an, wir gewinnen fast jedes Spiel, wir sind in der Champions League gut dabei. Besser kann es eigentlich nicht laufen. Aber das wurde mir ja nicht nachgeschmissen. Was ich momentan erlebe, ist das Endprodukt von sehr harter Arbeit.

Das sagen alle.

Aber bei mir war es wirklich so. Mit 17 hatte ich eine sehr schwere Verletzung am Außenmeniskus. Damals haben die Ärzte zu mir gesagt: Da können wir nicht mehr helfen. Mit dem Leistungssport ist es aus. Im Nachhinein muss ich fast sagen, dass das mein Glück war.

Wie meinen Sie das?

Ich habe in dieser Zeit eine innere Stärke entwickelt. Seitdem gehe ich sowohl mit negativen als auch mit positiven Erlebnissen relativ gelassen und nüchtern um.

Wann waren Sie denn weniger gelassen: vor dem WM-Halbfinale oder vor Ihrem ersten Treffen mit Jose Mourinho?

Wenn ich auf dem Platz stehe, gibt es eine gewisse Grundspannung, aber nervös bin ich nicht. Was ist schöner, als ein WM- Halbfinale zu bestreiten? Vor dem Treffen mit Mourinho war das anders. Als ich nach Madrid geflogen bin, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich hatte auch keine Zeit, mich darauf vorzubereiten, was eigentlich passiert und was ich sagen könnte. Diese Ungewissheit hat mich ein Stück weit nervös gemacht.

Wie muss man sich das Gespräch mit Mourinho vorstellen?

Es war ein normaler Dialog. Wir haben über unsere Ziele geredet, über unsere Mentalität und die Sicht auf den Fußball. Nach ein paar Minuten war das erledigt, und danach war für mich klar, dass ich diesen Schritt gehen möchte.

Warum?

Weil sich unsere Ansichten gedeckt haben. Mourinho wollte mich schon vorher haben, unser Gespräch hat ihn in seiner Ansicht nur bestärkt. Das war ein sehr beruhigendes Gefühl.

Haben Sie mal überlegt, dass dieser Schritt vielleicht zu früh für Sie kommt? Oder ist das irrelevant, wenn man die Chance hat, zu Real Madrid zu wechseln?

Als ich meine Familie informiert habe, dass Real an mir interessiert ist, haben alle das mit einer gewissen Skepsis gesehen. Trotzdem haben sie gesagt: Das kannst du nicht ausschlagen. Aber meine Entscheidung hat nichts mit dem großen Namen von Real zu tun. Ich habe das alles total neutral betrachtet. Ich wollte wissen: Was erwartet mich? Beziehungsweise: Warum will mich dieser Trainer haben? Es ging einfach um die Überzeugung. Die Art, wie Mourinho mit mir gesprochen hat, hat mir gar keine andere Möglichkeit gelassen. Klarer und effizienter kann man einem Spieler nicht sagen, dass man ihn unbedingt haben will. Deswegen habe ich mich sofort entschieden. Man sollte nicht versuchen, die Dinge künstlich zu verlangsamen. Und ich habe nie gezweifelt, dass es der richtige Schritt war.

Wer ist eigentlich stolzer, dass Sie bei Real spielen: Sie selbst oder Ihr kleiner Bruder?

Ich bin sehr froh darüber. Aber noch mehr Stolz, vielleicht auch Respekt herrscht in meiner Familie vor. Mein Bruder, der beim VfB Stuttgart in der B-Jugend spielt, ist natürlich traurig, dass ich weg bin. Aber für ihn ist es ein enormer Ansporn, das zu schaffen, was ich geschafft habe. Es gibt doch nichts Besseres als einen Bruder, der einem vorlebt, wie man zu arbeiten, wie man zu leben hat. Die Botschaft ist bei ihm angekommen.

Treten Sie in der Öffentlichkeit anders auf, seitdem Sie Spieler bei Real Madrid sind?

Ich habe immer versucht, ein Vorbild zu sein, und auch beim VfB Stuttgart stand ich schon in der Öffentlichkeit. Ich kenne meine Grenzen. Natürlich mache ich auch mal einen Spaß. Aber ich weiß immer, wann und wie ich ihn mache. Daher hat sich mein Leben nicht großartig verändert. Ich muss mich nicht stärker beherrschen oder verstellen, nur weil ich vielleicht beim größten Klub der Welt spiele.

Die beste Mittelfeldachse der WM, die der spanischen Nationalmannschaft, spielt beim FC Barcelona. Danach kommen im Moment die Deutschen. Könnte das für Mourinho bei Ihrer Verpflichtung und der von Mesut Özil eine Rolle gespielt haben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mourinho sich vom Moment leiten lässt. Es gibt auch andere hervorragende Mittelfeldspieler auf der Welt. Aber ich glaube, dass Mourinho in mir oder auch in Mesut ein gewisses Steigerungspotenzial sieht für den Fußball, den er spielen möchte. Er sucht Spieler, die in sein Konzept passen und mit denen er längerfristig zusammenarbeiten kann. Ich bin sehr froh, dass er mir die Chance gibt, mich bei einem so großen Verein durchzusetzen.

Was will er von Ihnen auf dem Platz sehen?

Mourinho erwartet von seinen Spielern sehr viel Cleverness. Meine Aufgabe besteht darin, die Ordnung zu halten, damit die Mannschaft kompakt auftritt. Ich bin nicht dazu da, am Sechzehner dreimal mit der Hacke ein Tor vorzubereiten. Wir haben genügend andere Spieler, die ein Spiel allein entscheiden können. Ich bin praktisch der Zusteller, der Zuarbeiter. Das heißt aber nicht, dass ich nur die Drecksarbeit machen muss.

Ihr Vater stammt aus Tunesien. Was wird dort stärker wahrgenommen: dass Sie für die deutsche Nationalmannschaft spielen oder für den Weltklub Real Madrid?

Die Tunesier sind auf beides sehr stolz. Das Land ist einfach fußballverrückt. Dass ich bei der WM gespielt habe, ist dort ein besonderes Ereignis gewesen. Die Tunesier waren sehr traurig, dass sich ihre Nationalmannschaft nicht qualifiziert hatte. Durch mich war wenigstens einer von ihnen in Südafrika dabei. Genauso stolz sind sie aber, dass jetzt der – in ihren Augen – erste Tunesier bei so einem großen Verein wie Real Madrid spielt.

Sprechen Sie Französisch oder Arabisch?

Ich spreche beides nicht, nur ein bisschen Französisch. Aber jetzt lerne ich erst mal Spanisch, jeden Tag mehrere Stunden.

Fällt Ihnen das schwer?

Ich tu mich schwer damit, mich alleine hinzusetzen und stupide Vokabeln auswendig zu lernen. Aber ich habe jetzt einen guten Spanischlehrer, bei dem ich die Sprache spielerisch lerne. Das macht mir enorm viel Spaß, weil es etwas bringt und ich merke, dass ich Fortschritte mache.

Sind Sie eher der Typ, der losplappert? Oder haben Sie Angst, Fehler zu machen?

Noch halte ich mich zurück, weil mir einfach noch einige Vokabeln fehlen. Aber wenn ich meine, dass etwas passt, rede ich auch einfach los. Da habe ich keine Scheu. Natürlich bin ich ein Perfektionist. Aber mit der Sprache ist es wie auf dem Fußballfeld. Da mache ich auch noch viele Fehler. Nur wenn man sich nicht traut, nicht mutig ist, wird man es nie lernen. Und dann wird man auch nie besser werden. Wenn ich in Madrid nur Deutsch rede, mich der neuen Sprache nicht öffne und neue Worte nicht ständig wiederhole, werde ich sie auch nicht lernen.

Das wird Jose Mourinho gerne hören. Zuletzt hat er Sie und Mesut Özil für mangelhafte Spanischkenntnisse kritisiert.

Ach, das ist ganz falsch interpretiert worden. Mourinho hat mit uns über seine Aussagen gesprochen. Er wollte uns einfach schützen, uns ein Stück aus der Öffentlichkeit nehmen, damit die Erwartungen an uns nicht zu groß werden. Was Mourinho eigentlich gemeint hat, war: Weil wir die Sprache noch nicht können, können wir auch noch nicht perfekt mit unseren Mitspielern kommunizieren. Er hat immer betont: Was wir privat machen, das ist unser Ding. Er verlangt nur, dass wir sein Spiel und seine Anweisungen verstehen. Um es mal so zu sagen: Wir müssen funktionieren. Oder wir funktionieren nicht. Wir wollen funktionieren, also wollen wir uns auch zu hundert Prozent integrieren.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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