Nationalmannschaft : Löws Werk und Klinsmanns Beitrag

Ohne seinen Vorgänger würde der Bundestrainer heute durch die Welt tingeln. Gut, dass es anders gekommen ist.

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Schwäbisch-badisches Joint Venture. Jürgen Klinsmann (l.) holte Joachim Löw 2004 zur Nationalelf. Foto: picture alliance / GES-Sportfoto
Schwäbisch-badisches Joint Venture. Jürgen Klinsmann (l.) holte Joachim Löw 2004 zur Nationalelf.Foto: picture alliance / GES-Sportfoto

Vor ein paar Wochen haben sich Joachim Löw und Jürgen Klinsmann auf einen Kaffee getroffen. In Stuttgart, ganz so, wie es das Klischee verlangt. Die beiden galten ja mal als Schwabenconnection des deutschen Fußballs, was schon mal deshalb ein ziemlicher Blödsinn ist, weil Löw aus dem badischen Schönau kommt. Die beiden sehen sich öfter mal privat und demnächst auch in offizieller Mission. Bei der WM-Auslosung am 6. Dezember in Costa do Sauípe hofft der US-amerikanische Trainer Klinsmann, dass er es im kommenden Sommer in Brasilien erst einmal nicht mit der Mannschaft von Bundestrainer Löw zu tun bekommt, denn „wir wollen die Gruppenphase überstehen und dann ein paar Große ärgern. Deshalb muss es nicht sein, dass wir Deutschland gleich in der Gruppe haben“.

Der Kontakt zwischen Klinsmann und Löw ist nie abgerissen, seitdem sie vor neun Jahren als Trainergespann die deutsche Nationalmannschaft übernahmen und fit machten für die WM 2006. Wahrscheinlich haben sie auch beide mitbekommen, was am Freitagabend in Paris passiert ist. Kurz nachdem Löw mit Deutschland beim 3:0 über Irland in Köln die WM-Qualifikation perfekt machte und ein paar Stunden vor dem 2:0 von Klinsmanns Amerikanern über Jamaika wurde der australische Nationaltrainer Holger Osieck entlassen. Gleich in der Kabine nach einem 0:6 gegen Frankreich. Das hat auf den ersten Blick nicht viel zu tun mit Klinsmann, Löw und der WM. Auf den zweiten aber sehr viel. Denn wenn Franz Beckenbauer vor bald zehn Jahren so gekonnt hätte, wie er damals wollte, dann wäre vieles anders gekommen. Auch und gerade für Joachim Löw.

Im Sommer 2004 hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nach dem überhasteten Rücktritt von Teamchef Rudi Völler infolge der blamablen EM in Portugal lange Zeit nach einem neuen Bundestrainer gesucht und dann den Überraschungskandidaten Jürgen Klinsmann präsentiert. Der kündigte sich an mit dem Versprechen, er wolle „den ganzen Laden auseinandernehmen“. Das ging den Herren beim DFB dann doch ein bisschen weit. Also beschloss Beckenbauer als führender Kopf der Trainerfindungskommission (TFK), dem jungen Revolutionär einen Aufpasser an die Hand zu geben. Holger Osieck, beim WM-Sieg 1990 des Teamchefs Beckenbauer für die profanen Dinge zuständig, flog zu einem ersten Gespräch mit Klinsmann nach Frankfurt. Und gleich darauf sichtlich beleidigt nach Hause. Klinsmann wollte ihn nicht und soll das sehr deutlich zum Ausdruck gebracht haben.

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Die gesetzten Teams bei der Auslosung am 6. Dezember:Gastgeber Brasilien ist natürlich gesetzt. Eine Qualifikation musste der fünffache Weltmeister nicht spielen. Foto: Weitere Bilder anzeigen
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03.12.2013 18:50Die gesetzten Teams bei der Auslosung am 6. Dezember:Gastgeber Brasilien ist natürlich gesetzt. Eine Qualifikation musste der...

Auch der neue Bundestrainer hatte einen Überraschungskandidaten. Klinsmann wusste um Löws Qualitäten, seitdem dieser ihm beim DFB-Trainerlehrgang in zwei Minuten erklärt hatte, wie die Viererkette funktioniert. Zu einer Zeit, als die deutsche Nationalmannschaft noch wie selbstverständlich mit Libero spielte. Im Rückblick erscheint die weitere Entwicklung zwangsläufig. Klinsmann stellte seinen Assistenten als einen vor, der eigentlich kein Assistent und auf gar keinen Fall dazu da sei, im Training die Hütchen aufzustellen. Klinsmann war der Projektmanager, Löw das taktische Mastermind im Hintergrund und der logische Nachfolger als Bundestrainer, nachdem das Projekt WM 2006 zu einem zumindest emotional erfolgreichen Ende gebracht war.

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"Die Mannschaft hat über ein Jahr gut gearbeitet. Es waren gute und weniger gute Spiele dabei, aber das ist normal. Gegen Irland haben wir von Anfang an Druck gemacht und wenig zugelassen", sagte Kapitän Philipp Lahm. Foto: ImagoAlle Bilder anzeigen
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12.10.2013 15:46"Die Mannschaft hat über ein Jahr gut gearbeitet. Es waren gute und weniger gute Spiele dabei, aber das ist normal. Gegen Irland...

Als Klinsmann ein paar Jahre später ein neues Projekt namens Bayern München gegen die Wand fuhr, wertete die allgemeine Kritik das als Beleg einer endgültigen Entzauberung. Als Beweis dafür, dass der Bundestrainer Klinsmann eigentlich nichts gemacht habe, außer die Arbeit seines Taktikchefs in der Öffentlichkeit zu verkaufen. Und bei den Bayern hatte er nun mal keinen Joachim Löw um sich, sondern einen Mexikaner namens Martin Vasquez.

Daraus wird oft gefolgert, das schwäbisch-badische Joint Venture sei ein sehr einseitiges zum Vorteil Klinsmanns gewesen. Das ist ein bisschen ungerecht. Natürlich hat Klinsmann von Löw profitiert und von dessen strategischem wie taktischem Geschick. Aber ohne Klinsmanns Weitblick wäre Löw wohl nie als Bundestrainer in die Lage gekommen, seine Qualitäten auf diesem Niveau zur Anwendung zu bringen. Denn der Fußballtrainer Joachim Löw galt im Sommer 2004 als gescheitert. Er war mit dem Karlsruher SC aus der Zweiten Liga abgestiegen und zuletzt bei den Weltklubs Adanaspor und Austria Wien entlassen worden.

Klinsmanns Anruf im Sommer 2004 hat Joachim Löw davor bewahrt, wie Winfried Schäfer, Frank Pagelsdorf – oder eben Holger Osieck – durch die Welt zu tingeln und halbwegs gut bezahlte Jobs bei gänzlich uninteressanten Mannschaften anzunehmen. Stattdessen reist er am Montag nach Stockholm zum letzten Spiel einer beeindruckenden WM-Qualifikation. Und im nächsten Sommer als einer der großen Favoriten zur Weltmeisterschaft nach Brasilien. „Das ist eine ganz logische Erwartungshaltung nach all dem, was Deutschland im Fußball darstellt“, sagt Jürgen Klinsmann, der aus eigener Erfahrung nur zu gut weiß, warum er in der Vorrunde keinesfalls auf die Mannschaft seines Freundes und Kollegen Joachim Löw treffen will.

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