Nationalmannschaft : Toni Kroos: Der Ballversteher

Sein Spiel kennt keine Panik, keine Angst: Für Bundestrainer Joachim Löw ist Toni Kroos trotz seiner Jugend schon jetzt die Option für die wichtigen Positionen.

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Toni Kroos.
Toni Kroos.Foto: AFP

Von Hermann Gerland ist ein Satz überliefert, der viel, wenn nicht gar alles über den Fußballer Toni Kroos sagt. „Bei ihm ist der Ball sicher.“ In der Wertewelt von Hermann Gerland gibt es kein größeres Kompliment, schon deswegen nicht, weil Gerland, Jahrgang 54, der den FC Bayern seit Jahr und Tag mit Nationalspielern aus dem Nachwuchs versorgt, nicht im Verdacht steht, bestechlich zu sein. Gerland ist so etwas wie der Schleusenwächter. Wer beim FC Bayern als junger Spieler was werden will, muss an ihm vorbei.

Inzwischen bezirzt Toni Kroos mit seinem Spiel auch Joachim Löw. Für das bedeutende EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei hatte der Bundestrainer dem Jüngsten im Team die wertvollste Aufgabe anvertraut: die Position des verletzten Spielgestalters Bastian Schweinsteiger. Der musste über 70 Länderspiele lang auf seine Versetzung in die Zentrale warten. Kroos ist gerade mal 20. Was also macht diesen jungen Mann so wertvoll, ja so verheißungsvoll?

Wenn man das Spiel von Toni Kroos verstehen will, schaut ihm am besten mal auf die Füße. Sie sind nicht viel größer als die von Lothar Matthäus. Der frühere Weltfußballer hatte eine Frauenschuhgröße. Viele meinen, gute Fußballer müssten große Füße haben, so wie Günter Netzer, der Größe 46 trug. Wenn Toni Kroos durch die Hotellobby geht, hat sein Gang etwas Beiläufiges, Leichtes. Seine Turnschuhe trägt er offen, das ist angenehmer, wenn man einen hohen Spann hat. Toni Kroos muss darüber lachen, er hebt seinen rechten Fuß. Soll wohl heißen, ist doch nichts Besonderes.

Ist es aber doch, vor allem, was er damit anzustellen vermag. Seine Füße zählen zu den geschicktesten, die der deutsche Fußball hervorgebracht hat. Er ist ein selten veranlagter Spieler mit famosem Ballgefühl, feiner Schlagtechnik und einem Empfinden für Spielsituationen, das man im Fußball als seherische Qualität deuten kann. Dabei ist sein Tun von einer Leichtigkeit geprägt, die auch Mesut Özil auszeichnet, bei dem der Ball im Fluss bleibt. Auch Kroos kann schwierigste Dinge einfach aussehen lassen. Doch gerade diese Eleganz ist ihm schon als Nachteil ausgelegt worden. Wenn es hieß, er strenge sich nicht an, er beiße nicht.

„Eine Frage der Interpretation“, sagt Kroos: „Spieler, bei denen es vielleicht etwas eleganter aussieht, werden als solche abstempelt, die nicht arbeiten.“ Kroos faltet seine Hände. Der Mecklenburger bleibt unaufgeregt, bescheiden, ist aber nicht scheu. Man sollte froh sein, solche Spieler zu haben. „Meine größte Qualität ist vielleicht nicht das Grätschen, aber ich habe mich auch in der Defensive klar verbessert.“ Trotzdem wolle er seine eigentlichen Stärken nicht verlieren. „Das sind die Abspiele, die Bälle vorne rein. Und das sieht dann vielleicht auch nicht so gequält aus.“

Toni Kroos wäre daran fast gescheitert. In seiner ersten Bayern-Zeit. Im Sommer 2006 hatten die Münchner den gebürtigen Greifswalder vom FC Hansa Rostock geholt, ihn ins vereinseigene Internat gesteckt und Hermann Gerland wirken lassen. „Das Beste, was ich seit Jahren im Nachwuchsbereich gesehen habe“, sagte damals Oliver Kahn. Ein Jahr später wurde Kroos bei der U-17-WM zum besten Spieler gewählt. Im September 2007 stand er das erste Mal im Profikader. Damit war Kroos zu diesem Zeitpunkt mit 17 Jahren der jüngste Spieler, der je für den FC Bayern in der Bundesliga aufgelaufen ist. Als er ein paar Wochen später dann noch im Europacup in Belgrad ein verloren geglaubtes Spiel der Bayern in der Schlussviertelstunde in einen 3:2-Sieg drehte, war es erst einmal dahin. Bayerns Manager Uli Hoeneß nahm das Talent unter Verschluss. Er verhängte ein allgemeines Interviewverbot: „Es ist nicht gut, wenn man den Jungen so hochjazzt.“ Hoeneß hielt seine schützende Hand über Kroos und verwies auf das Beispiel Sebastian Deislers, der seinerzeit den deutschen Fußball allein aus den Angeln zu heben hatte und den Hype nicht verkraftete.

Die Karriere von Kroos beim FC Bayern war ins Stocken geraten, weshalb er auf einen Wechsel drängte und im Januar 2009 nach Leverkusen ausgeliehen wurde. Dort entwickelte er sich zur Spiel bestimmenden Figur, er schoss neun Tore, bereitete zehn vor – ein Ligaspitzenwert. Leverkusens Trainer Jupp Heynckes hatte auf Kroos gesetzt. Mit Erfolg. Was wiederum die Bayern auf den Plan rief. Man könne mit Leverkusen über alles reden, „aber sicher nicht über einen Wechsel von Toni Kroos“, sagte damals Manager Hoeneß.

In Leverkusen hatten sie sich vehement bemüht, das Leihgeschäft in eine Langzeitanstellung umzuwandeln. Auch Kroos wäre gern geblieben: „Ich war in 33 Spielen auf dem Platz, für eins war ich gesperrt. Die Spielzeit war Gold wert, weil ich es allen zeigen konnte, nachdem man mich in München schon fast abgeschrieben hatte.“ Den Bayern war die Entwicklung nicht verborgen geblieben. Hoeneß sagte schließlich: „Wir wären ja mit dem Klingelbeutel geschlagen, wenn wir ihn in Leverkusen lassen würden. Es ist ein Traum für uns: Ein Spieler, der unter Jürgen Klinsmann gar keine Rolle gespielt hat, blüht plötzlich auf. Da lacht einem das Herz im Leib.“ Kroos kehrte in diesem Sommer zum FC Bayern zurück. Sein Vertrag läuft bis 2012. Mittlerweile spielt er auch unter Louis van Gaal. „Man muss mich jetzt nicht mehr vor irgendwelchen Sachen schützen“, sagt Kroos. Auch wenn es beim FC Bayern nicht läuft: „Wir müssen unsere Situation sofort verbessern. Wir sind jetzt alle gefordert, dass wir die Kurve kriegen.“

So wie in der Nationalelf. Dort hält Joachim Löw große Stücke auf Kroos. Wie selbstverständlich und mutig und offensiv er die Position Schweinsteigers interpretiert habe. Vor allem aber die Sicherheit, mit der der junge Kerl agiere. Auf dem Platz ist er die Ruhe selbst. „Ich fühle mich relativ sicher, ich brauche keinen großen Anlauf“, sagt Kroos. „Ich wollte zeigen, dass man auch aus dieser Position Torgefahr entwickeln kann.“

Toni Kroos redet nicht gern über sich. Dabei würde man gern mehr erfahren. Wie es ihm gelingt, ein Spiel in seinem Sinne zu beeinflussen, zu verändern? Es bleibt der Blick auf sein Tun. Seine Dribblings, seine Freistöße, seine Pässe in die Tiefe des Raumes. Sein Spiel kennt keine Panik, keine Angst. Dabei verlässt er sich auf seine Technik und seinen Instinkt. „Ich kann Spielsituationen, die kommen, spontan richtig auflösen, weil ich mich drauf verlassen kann, dass ich den Ball relativ ordentlich annehmen kann und den Kopf frei habe.“ Etwas anderes hat auch Hermann Gerland nie gesagt.

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