Schwedische Fußballfans : Als aus Berlin ein Rapsfeld wurde

Schwedische Fans waren 2006 besser als ihr Team. Damals kamen zu einem Vorrundenspiel 50.000 Schweden ins Olympiastadion.

Nicolas Diekmann
In Feierlaune. Trotz toller Fans schied Schweden bei der WM 2006 im Achtelfinale aus.
In Feierlaune. Trotz toller Fans schied Schweden bei der WM 2006 im Achtelfinale aus.Foto: AFP

„Schweden unerwünscht“ stand an deutschen Lokalen, zuvor im Stadion kam es zu Ausschreitungen zwischen beiden Fanlagern. Das war 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden: Deutschland verlor im Halbfinale und fühlte sich schlecht behandelt vom Gastgeber und verpfiffen vom ungarischen Schiedsrichter. Das Verhältnis zwischen Deutschland und dem nordischen Land war über Jahre hinweg angespannt.

Knapp 50 Jahre später, Juni 2006, 35 Grad, gleicht Berlin einem Rapsfeld. Von Verstimmung nichts zu spüren. In der ganzen Stadt singen, tanzen, hüpfen gelb gekleidete Schwedenfans. Am Theodor-Heuss-Platz, am Ku’damm, später auf der Fanmeile und in allen möglichen S- und U-Bahnen der Stadt. Ihre Nationalelf ist zu Gast, zweites WM-Vorrundenspiel gegen Paraguay. Es waren nicht nur Holländer, die Spielorte in Orange färbten, und Engländer, die in ganz Deutschland akustisch ihre Queen schützten. Auch Schweden reisten zu Zehntausenden nach Köln, Dortmund, München – und Berlin. Die Städte ihrer Gastspiele während des Sommersonnenmärchens.

Eine oft gehörte Hymne an diesem 15. Juni in Berlin: Der Pippi-Langstrumpf-Titelsong, ergänzt durch Pippi-Langstrumpf-Perücken der Vortragenden. Wer keine roten Zöpfe mag, griff meist zu anderer Kopfbedeckung. Gern gewählt wurde der Wikingerhelm, wahlweise aus Plüsch. Und nie fehlte das Bier in der Hand. In einem Land, in dem Alkohol nur in wenigen ausgewählten Läden zu erhalten ist und die üblichen Kosten für ein Wein oder ein Bier in Bars an deutsche Zigarettenpreise erinnern, trinkt es sich hierzulande entspannt. Anders aber als bei einigen englischen Freunden, bei denen stetiger Alkoholkonsum zuweilen mit dem stetigen Steigen der Aggression einhergeht, blieben alle Schweden friedlich.

Zeitgleich zum Spiel gegen Paraguay fand ein Konzert der Red Hot Chili Peppers statt. Auch in der S3 Richtung Erkner auf dem Weg zur Wuhlheide wimmelte es von gelb-blau gefärbten Schweden, einige auch mit Tusche im Gesicht. Warum sie alle in die entgegengesetzte Richtung unterwegs seien, also weg vom Olympiastadion? Fußball sei ihnen egal, war die Antwort, sie wollen die Peppers sehen. „Aber wenn es was zu feiern gibt...“ – Fahnen und Nationaltrikots gehören zur schwedischen Grundausstattung.

Dabei galt das Volk nicht immer als party- und gesangsaffin. Dem Königshaus und ihrem Land zwar immer patriotisch wohlgesonnen, wurden bei der WM 1958 vorsichtshalber Einpeitscher mit Megafonen engagiert: Die Angst war groß, dass die Spiele vor wenig stimmungsgeladenen Zuschauern stattfinden.

An diesem Sommertag in Berlin fanden letztlich 50 000 schwedische Fans Zugang zum Olympiastadion. Teilweise wurden Karten auf dem Schwarzmarkt für 400 Euro gekauft. Es war ein neuer Landesrekord: Niemals zuvor schauten so viele Schweden einem Spiel ihrer Nationalelf zu. Wie denn auch? Kein Stadion in ihrem Heimatland verfügt über ein ähnliches Fassungsvermögen.

89 Minuten lang musste die schwedische Meute dann ausharren, ehe Fredrik Ljunberg zum 1:0 gegen Paraguay einköpfte. Es war kein gutes Spiel, das hielt die gelbe Masse jedoch keineswegs davon ab, fröhlich vor sich hinzuträllern. Sie feierte ihre Mannschaft, vor allem aber natürlich sich selbst. Macht’s noch einmal, liebe Schweden: Willkommen zurück in Berlin!

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