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Streit um DFB-Sportdirektor : Sammer, Löw und der "gute Idiot"

Matthias Sammer sieht im DFB-Sportdirektor einen "guten Idioten", auch Bundestrainer Joachim Löw mischt sich ein - und wünscht sich offenbar wieder Bernhard Peters. Derweil versucht Generalsekretär Helmut Sandrock zu beruhigen und brüskiert die DFL.

Gregor Derichs
Man muss nicht immer einer Meinung sein - und kann trotzdem das Gleiche wollen. Bundestrainer Joachim Löw und Ex-Sportdirektor Matthias Sammer.
Man muss nicht immer einer Meinung sein - und kann trotzdem das Gleiche wollen. Bundestrainer Joachim Löw und Ex-Sportdirektor...Foto: dpa

Die schlagfertige Antwort von Joachim Löw auf eine verbale Attacke von Matthias Sammer kennzeichnet die explosive Lage. "Einen guten Idioten werden sie sonst nicht mehr finden", hatte Sammer bei einer Pressekonferenz des FC Bayern München erklärt und aus seiner Erfahrung von sechs Dienstjahren als DFB-Sportdirektor viel mehr Macht für dieses Amt gefordert. Löws Reaktion, als er mit Sammers Aussage in Miami konfrontiert wurde, war zunächst verhalten. „Okay“, sagte er. Und dann einem kleinen Zögern: „Dann kann er ja zurückkommen.“ Ob die Tatsache, dass der Bundestrainer in Sammer einen guten Idioten sieht, in München nur als kleiner Seitenhieb gewertet wird oder ob dies ein großes diplomatisches Gewitter auslöst, muss sich zeigen.

Bei dem Austausch von Freundlichkeiten am Dienstag über rund 7.000 Kilometer Entfernung hinweg erschrak Löw dann ein bisschen über seine Keckheit, die er leise, aber wegen eines angeschalteten Mikrofons doch hörbar geäußert hatte. Sammer hatte vorher wohl mit Absicht in ein Wespennest gestochen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) befindet sich in Unruhe, fachkundige Beobachter sprechen davon, dass der Verband einem Pulverfass ähnelt. Die gescheiterte Personalie des Sportdirektors ist die Lunte, die eine Explosion auslösen kann. Zweimal flüchteten anerkannte Trainer aus diesem Amt, erst Sammer, dann Robin Dutt.

Sammer, der inzwischen bekanntlich beim FC Bayern die Rolle eines so genannten Sportvorstands ausfüllt, warf 2012 hin, weil der Job ihn wegen zu geringer Einflussmöglichkeiten langweilte. Sechs Jahre hatte er mit Löw und Teammanager Oliver Bierhoff so hart um Kompetenzen gestritten, dass Ex-Präsident Theo Zwanziger und der damalige Generalsekretär Wolfgang Niersbach die Streithähne mehrmals öffentlich trennen mussten. Im August 2012 übernahm Dutt die Sportdirektor-Position, von der Sammer sagt: "Es ist die Schaltzentrale für den deutschen Fußball, von der Impulse für die gesamte Organisationsform ausgehen. Die Wertschätzung und Kompetenz ist viel zu gering angesiedelt. Die Position infrage zu stellen, ist der erste Schritt, um keine Nachhaltigkeit zu bewirken." Das hörte sich an wie eine nachträgliche Abrechnung.

DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock verwehrte sich auch umgehend in einem Telefonat mit Sammer gegen dessen Einmischung. „Wir reden den Bayern auch nicht in deren Organisation und Personal hinein“, sagte er und unterstellte dem ehemaligen Angestellten Sammer, er habe überreagiert. „Er ist gefragt worden, und aus der Emotion heraus schießt man auch schon mal über das Ziel hinaus“, sagte Sandrock. Der DFB könne auf die Vorschläge von außen verzichten. Damit brüskierte er wiederum die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die bei begrenzter Eigenständigkeit noch immer ein Teil des DFB bildet. DFL-Präsident Reinhard Rauball und DFL-Direktor Christian Seifert hatten gefordert, dass unbedingt ein neues Anforderungsprofil für die vakante Sportdirektoren-Stelle erstellt werden muss.

Löw wurde inhaltlich sehr deutlich, als er Sammers Allmachtsforderung für den Sportdirektor zurückwies. Denn er und Bierhoff wollen genau das Gegenteil. „Der Sportdirektor kann gar nicht für alles zuständig sein“, erklärte Löw. Er trage die Verantwortung für eine kaum zu bewältigende „Vielzahl von Aufgaben“, vom Breitensport über die Trainerausbildung und Jugendarbeit bis hin zur Koordinierung von Landesverbänden „und so weiter“, sagte der Bundestrainer. „Man sollte sich vielleicht auf den Fußball in unserem Elitebereich konzentrieren“, meinte Löw. Damit sprach er die Junioren-Teams an. Bei der A-Nationalmannschaft und bei den U-21-Junioren will Löw aber selbst Chef sein, wie bisher, obwohl Sammer fordert, der Sportdirektor müsse über allem stehen.

Sammer weiß eigentlich, dass ihn die Sache nichts mehr angeht, aber vielleicht will er seinen alten Widersachern Löw und Bierhoff auch einen Coup verderben. Denn die wollen womöglich eine Idee wieder beleben und den 2006 abgelehnten Wunschkandidaten Bernhard Peters zum DFB holen. Der frühere Hockey-Bundestrainer, der bei der TSG Hoffenheim arbeitet, war damals für die neu geschaffene Position abgelehnt worden. Stattdessen bekamen Jürgen Klinsmann, Löw und Bierhoff die Nervensäge Sammer vor die Nase gesetzt.

Nachdem dessen Nachfolger Dutt nach acht Monaten aufgab, trotz eines noch lang laufenden Vertrags, um Trainer bei Werder Bremen zu werden, ist auch im DFB eine Auseinandersetzung entstanden, wie der neue Mann gestrickt sein muss. Man weiß es nicht. Personalfragen sind nicht unbedingt die Stärke des DFB, wo auch bei den Juniorentrainern ein Kommen und Gehen herrscht. Und es geht um Macht. Sandrock kündigte eine überzeugende Lösung für die Sportdirektor-Besetzung an. Zehn Bewerbungen wären eingetroffen. „Erst reden wir über Inhalt, Struktur und dann am Ende kommt man zum Personal, in der Reihenfolge“, sagte er. Das Wichtigste wäre aber „Loyalität, mit uns ein ganzes Stück Strecke zu gehen“. Noch eine Kündigung wäre der Horror für den DFB. Dann wäre es besser, die Stelle wieder abzuschaffen.

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