Vergesst die WM! : Löw forciert den Konkurrenzkampf

Die Botschaft aus Kopenhagen ist deutlich: In der Nationalmannschaft gibt es keine historisch begründeten Erbansprüche mehr. Das kann man in der Debatte um Kapitän Michael Ballack so oder so deuten.

von und Gregor Derichs

Im entscheidenden Moment fehlte Patrick Helmes einfach der Killerinstinkt. So eine Chance wie in der 66. Minute des Testspiels gegen Dänemark bekommt der Stürmer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vielleicht nie wieder, doch anstatt sie entschlossen zu nutzen und sich die Kapitänsbinde bei seiner Einwechslung über den Arm zu ziehen, sah sich Helmes fragend um. Am Ende lieferte er die Binde weisungsgerecht bei Serdar Tasci ab, der mit gerade 14 Länderspielen zum Vertreter des Vertreters (Thomas Hitzlsperger) des Vertreters (Philipp Lahm) des Stammkapitäns Michael Ballack aufgestiegen war. Weitere Ansprüche leitete der Stuttgarter aus seiner Beförderung nach dem 2:2 gegen Dänemark nicht ab, aber das muss ja nichts heißen.

Joachim Löw hält die Dinge gerne im Fluss, und immer mehr stellt sich heraus, dass das weniger eine Marotte ist als ein eisernes Prinzip des Bundestrainers. Für die Debatte um den Kapitän, die das Land gerade in Atem hält, gilt das genauso wie für die Frage, wer bei der Nationalmannschaft im Tor stehen wird. Das Thema galt nach der Weltmeisterschaft eigentlich als erledigt, weil an den Leistungen von Manuel Neuer in Südafrika nicht das Geringste auszusetzen war. Sollte Löw also nicht froh sein, diese nervige Dauerdebatte endgültig abheften zu können? „Ich werde vor dem Spiel gegen Belgien bekannt geben, mit welchem Torhüter wir in die EM-Qualifikation gehen, wer für uns die Nummer eins ist“, sagte er.

Die Botschaft aus Kopenhagen lautete: Es gibt in der Nationalmannschaft keine historisch begründeten Erbansprüche mehr. „Von der WM müssen wir uns jetzt ein Stück weit mental entfernen“, sagte Löw. „Es beginnt ein völlig neuer Abschnitt. Man kann nicht sagen: Ich habe bei der WM gut gespielt und bin dann auf alle Zeiten gesetzt.“ Die Aussage passt auch zur Debatte um Michael Ballack, und man kann sie so und so interpretieren – wie so vieles, was gerade zu diesem Thema geäußert wird.

Die öffentlichen Diskussionen jedenfalls sind der Realität schon weit voraus. Die Realität ist, dass Michael Ballack gerade nach seiner Sprunggelenksverletzung an der Rückkehr auf den Fußballplatz arbeitet. In Leverkusen trainiert er inzwischen zwar wieder mit der Mannschaft, beim Pokalspiel an diesem Samstag in Pirmasens wird er aber wohl noch nicht zum Kader gehören. Danach bleiben Ballack noch zwei Bundesligaspiele, um sich für ein Comeback in der Nationalmannschaft beim Spiel in Belgien am 3. September zu empfehlen.

So weit die Fakten. Viel spannender sind natürlich die Spekulationen, die rund um das Thema wabern und die auch noch mit Andeutungen um Ballacks Privatleben öffentlich angereichert werden. Joachim Löw hat sich bisher eher ausweichend zu diesem Komplex geäußert, mit dem Ergebnis, dass ihm nun unterstellt wurde, er habe sich längst entschieden – und zwar gegen Ballack. In diese Richtung ließen sich auch Äußerungen von Manager Oliver Bierhoff interpretieren, der gemutmaßt hatte, Ballack werde seine Rückkehr in die Nationalmannschaft nicht davon abhängig machen, ob er Kapitän bleibe. „Bevor ich nichts anderes sage, ist er der Kapitän“, hat Löw in Kopenhagen klargestellt. Aber ist das überhaupt eine Klarstellung? Oder kann man aus dem Satz nicht auch herauslesen: Noch darf sich Ballack als Kapitän fühlen. Und was ist eigentlich mit den „ernsthaften und seriösen Gesprächen“, die Löw den beiden Streithähnen Lahm und Ballack in Aussicht gestellt hat?

Joachim Löws Umgang mit Torsten Frings, den er mehr oder weniger sanft aus der Nationalmannschaft hinausgedrängt hat, erfüllt die Anhänger Ballacks mit Sorge. Droht dem bisherigen Kapitän ein ähnliches Schicksal wie dem Bremer? Lässt der Bundestrainer die Angelegenheit bewusst in der Schwebe, um Ballack zu zermürben und ihn zum freiwilligen Rückzug zu zwingen? Das würde voraussetzen, dass Löw sich bereits ein abschließendes Bild von Ballacks Wert für die Nationalmannschaft gemacht hat. Nur konnte er das gar nicht. Michael Ballack hat seit drei Monaten nicht mehr gespielt.

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