Entwicklung der Prothetik : Das Hand-Werk

Das Bein per Bluetooth-Anweisung strecken oder auf Knopfdruck mit der Hand zugreifen. Prothesen machen das mittlerweile möglich. Bei den Paralympics sieht der Zuschauer Hightech-Prothesen. Trotz der vielen Technik wird ein Großteil in Handarbeit hergestellt

Julian Hilgers
Prothesen werden immer individueller - auch optisch. Vor allem aber sind sie weit funktionaler als früher.
Prothesen werden immer individueller - auch optisch. Vor allem aber sind sie weit funktionaler als früher.Foto: p-a/dpa

Auf den Werkbänken liegen Hände und Füße, teilweise einzelne Finger. Sie sind aus Silikon, fleischfarben und sehen täuschend echt aus. Ein wenig wie im Wachsfigurenkabinett bei Madame Tussauds. Es riecht nach Kunststoff. Auf der Arbeitsfläche liegen Zangen und Hämmer, daneben stehen zahlreiche Kisten mit Klebstoffen. Hier werden Prothesen gebaut.

„Prothetik ist keine Laborarbeit, sondern in erster Linie ein Handwerk“, erklärt Andreas König, Werkstattleiter des Sanitätshauses Kraft in Dortmund. Die Werkstatt erinnert an einen klassischen Handwerksbetrieb. „Jede Prothese wird handgefertigt, die Produktion kann Tage, aber auch mehrere Wochen dauern“, sagt der 47-Jährige. Vom kleinen Zeh bis zur kompletten Hüfte, vom Mittelfinger bis zur Schulter - für alles gibt es Prothesen. „Am wichtigsten für die Funktionalität der Prothese ist die Adaption an den Körper“, sagt König. Dafür, dass der Körper die Prothese perfekt annimmt, ist besonders die Form des Schafts für den Arm- oder Beinstumpf bedeutend. Der Stumpf muss auf Knochen und Knorpelstellen abgetastet werden, Gipsabdrücke werden erstellt. Die Prothese muss perfekt sitzen, es dürfen keine Druckstellen entstehen. „3D-Drucker bekommen das zurzeit noch nicht so genau hin“, erklärt König. Er hat das Anfertigen von Prothesen als ausgebildeter Orthopädiemechaniker und Bandagist von Grund auf gelernt.

Doch nicht alle Prothesen sehen aus wie echte Gliedmaßen. In der Orthopädie unterscheiden die Techniker zwischen kosmetischer und funktioneller Prothetik. Täuschend echte Gliedmaßen aus Silikon werden verwendet, wenn der Patient wenig auffallen möchte. Die Fingernägel von Handprothesen können dann zum Beispiel mit Nagellack lackiert werden. Zugreifen können sie jedoch nur eingeschränkt, da die Silikone nicht so beweglich sind, wie die menschliche Haut. Bei der funktionellen Prothetik ist es andersherum: Die Prothese erinnert optisch und funktionell an einen Roboter, hat aber eher die Fähigkeiten einer menschlichen Hand.

„Es gibt nichts, was ich mir für meine Prothese wünschen würde.“

Die Prothetik hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. „Nach den Weltkriegen wurden Prothesen noch aus Leder und Holz hergestellt. Heute sind sie aus Carbonfasern und haben hochentwickelte Gelenke“, erklärt Andreas König. Mikrochips können die Belastung der Gelenke und verschiedene Gesten erkennen. Steuert ein Patient mit Handprothese beispielsweise einen bestimmten, noch funktionierenden Muskel an und bewegt seinen Arm währenddessen nach vorne, dann öffnet sich die Handprothese. Bis zu 28 Bewegungen können so ausgeführt werden: Der Patient kann beispielsweise eine Tür aufschließen oder einen Ball werfen. Die Gelenke lassen sich auch per Bluetooth steuern: Über das Handy kann der Patient verschiedene Bewegungsmodi wählen oder eigene Griffmuster programmieren. Ein Klick genügt und er kann den Modus oder den Belastungsgrad für das Gelenk seiner Knieprothese verändern, wenn er auf einem besonders harten oder weichen Untergrund läuft.

Viele Patienten kommen dadurch beinahe barrierefrei durch den Alltag. So geht es auch Andreas Brockfeld. Der 31-Jährige arbeitet im Sanitätshaus und wurde 2010 unterhalb des Oberschenkels amputiert. Seitdem hatte er drei Prothesen. Mit der neuesten Mikrochip-Technik im Knie kann er problemlos Treppensteigen. „Momentan gibt es nichts, was ich mir für meine Prothese wünschen würde. Ich kann fast alle Bewegungen problemlos ausführen“, sagt er.

Wichtig ist aber nicht nur eine perfekt sitzende Prothese, sondern auch der mentale Aspekt. Denn ohne den Willen des Patienten, beispielsweise nach einer Amputation wieder laufen zu wollen, ist die Rehabilitation Behandlung deutlich schwieriger. „Wir stellen die technische Voraussetzung und schulen den Patienten in der Handhabung, die Umsetzung liegt aber beim Patienten“, erklärt Andreas König.

Dabei ist die teuerste Prothese nicht immer am besten geeignet. „Funktionalität und Individualität gehen immer dem Preis vor“, betont König. Die einfachsten und günstigsten Prothesen beginnen bei 1.500 Euro, für die neueste Technologie werden schnell bis zu 100.000 Euro fällig. Die Herstellung der Prothese, sowie die anschließende Physiotherapie, das Lauftraining und eine mögliche psychologische Behandlung nach der Amputation werden jedoch nach Kostengenehmigung von der Krankenkasse getragen. Der Patient bekommt immer die für ihn sinnvollste Prothese.

Wie lange ein Patient braucht, um mit einer Prothese richtig laufen zu können, ist unterschiedlich. Bei Andreas Brockfeld hat es zweieinhalb Jahre gedauert. Zuerst musste er lernen, mit einer Prothese zu stehen. Jeden einfachen Bewegungsablauf lernte er neu. Erst einige Monate später eignete er sich komplexe Bewegungen an. „Die ersten Schritte mit der Prothese erfordern viel Kraft. Wie jeder andere Mensch fällt man auch mal hin, wenn man laufen lernt.“

 

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