Hilfe durch die Berufsgenossenschaft : Wieder auf eigenen Beinen stehen

Olaf Schepp ist seit einem Unfall gelähmt. Doch dank des "Exoskelett", das er von der Berufsgenossenschaft bekam, kann er langsam wieder alleine laufen. Auch Basketball spielt der Familienvater - aber im Rollstuhl.

Tillmann Bauer
Olaf Schepp ist seit seinem Unfall gelähmt. Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall kümmerte sich auch um den Umbau seines Hauses.
Olaf Schepp ist seit seinem Unfall gelähmt. Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall kümmerte sich auch um den Umbau seines...Foto: BGHM

Wenn Olaf Schepp von einem „Feuerwerk“ spricht, geht es nicht um Silvester. Seine Augen funkeln. Er erinnert sich zurück. Das Feuerwerk steht für sein Gefühlschaos, das Durcheinander vieler Emotionen. Es überwältigte ihn, als er nach acht Jahren im Rollstuhl erstmals wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.

Doch zurück zum Anfang. Es war ein Motorradunfall im Jahre 2007 auf dem Weg zur Arbeit, der sein Leben veränderte: Seither ist Olaf Schepp vom vierten Brustwirbel abwärts gelähmt - der 43-Jährige musste sich an den Rollstuhl und somit an die Perspektive „von unten“ gewöhnen. 18 Jahre spielte er Handball - nach dem Unfall ging das nicht mehr. „Ich bin nach dem Unfall erst Handbike gefahren“, erklärt der Vater eines Sohnes, „aber da war man immer für sich, immer allein.“ Das war nichts für ihn, er ist ein „echter Teamplayer“. Nun spielt er in Trier Rollstuhlbasketball, zwei Mal die Woche macht er sich mit dem Auto auf den Weg in die Trainingshalle. Die Fahrt ist lang, deshalb bleibt es bei zwei Einheiten die Woche.

Mit dem Rollstuhl ist er fit, das sieht man, wenn man ihn in seinem Haus im saarländischen Niederwürzbach trifft. Er fährt in die Küche, öffnet die Türen. Das ist alles kein Problem. Schepps Sportlichkeit hat ihm bei der Rehabilitation nach dem Unfall sehr geholfen. „Wenn man sportlich ist, fallen einem die alltäglichen Dinge einfach leichter“, erklärt er. Auch wenn an Bewegung unmittelbar nach dem Unfall nicht zu denken war. „Da ist der Sport erstmal zweitrangig“, sagt Schepp und erzählt von den ersten Wochen nach der Operation. Zwei Monate lag er nur im Bett. Dann - Schritt für Schritt - begann er mit minimalen Bewegungen und arbeitete sich bis zum Rollstuhltraining vor.

Heute besitzt Schepp einen Rollstuhl sowie einen Sport-Rollstuhl, die ihm die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) zur Verfügung stellt. An die Rollstühle hat er sich mittlerweile gewöhnt. Doch seit zwei Jahren gibt es eine neue, noch modernere Hilfe in seinem Leben: das Exoskelett ReWalk. Ein motorisiertes Gerät, das ihm ermöglicht, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und alleine einige Schritte laufen zu können. Da ist er wieder, der Moment, als dies erstmals geschah: ein Feuerwerk der Gefühle. Sein zuständiger Rehamanager der Berufsgenossenschaft war damals in seiner Wohnung mit dabei. „Alle waren nervös“, erinnert sich Schepp, „es wusste ja niemand, ob es überhaupt klappt.“ Denn Schepp ist der Erste in Deutschland, dem das rund 70 000 Euro teure Gerät von einer Berufsgenossenschaft finanziert wurde.

Er wechselte vom Rollstuhl in das Exoskelett, drückte auf einen Knopf seiner Fernbedienung - und stand. Tausend Dinge schossen ihm durch den Kopf, eine Sache aber fiel Schepp besonders auf: „So groß seid ihr ja alle gar nicht“, platzte es damals aus ihm heraus. Klar, lange hatte er seine Umgebung immer nur vom Rollstuhl aus gesehen, aus der Perspektive „von unten“. Nun stand der 1,90-Meter-Mann wieder und begegnete seinen Mitmenschen auf Augenhöhe - für Schepp noch heute ein „geiles Gefühl“.

Wenn er mit dem Exoskelett läuft, braucht er trotzdem noch seine Krücken, um die Balance zu halten. Und ganz alleine einen Spaziergang machen, das traut er sich noch nicht. „Eine Person sollte schon noch hinter mir laufen, sonst fühle ich mich unsicher“, erklärt er. Dennoch: Ziel ist es, in den nächsten Jahren auf Tour gehen zu können. Ohne Hilfe. Dann strahlen seine Augen wieder – wie ein leuchtendes Feuerwerk.

 

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