Olympische und Paralympische Spiele : "Eine Verantwortung aller Brasilianer"

Über Behinderten-Rechte, die Lage in Rio und Romario: Ein Interview mit der Brasilianischen Botschafterin Maria Luiza Ribeiro Viotti im Vorfeld der Paralympics.

Milan Marcus
Milan Marcus, Redakteur der Paralympics Zeitung, im Gespräch mit der brasilianischen Botschafterin.
Milan Marcus, Redakteur der Paralympics Zeitung, im Gespräch mit der brasilianischen Botschafterin.Foto: Privat

Frau Botschafterin Viotti, Sie waren früher selbst Schwimmerin. Bei den Paralympics in London 2012 gewannen die brasilianischen Schwimmer neun Goldmedaillen. Erwarten sie, dass die Athleten um Daniel Dias und Andre Brasil diesen Erfolg noch überbieten?

Zweifellos. Wir erwarten viel, das Ziel ist, dass Brasilien bei den paralympischen Spielen im Medaillenspiegel die Top Fünf erreicht. Ich glaube wir haben beim Schwimmen gute Chancen, aber auch in anderen Sportarten, so wie Leichtathletik oder Football five-a-side.

Bei den Sommerspielen in London 2012 wurde die brasilianische Paralympics-Mannschaft im Medaillenspiegel siebter und schnitt somit weit besser als das Olympiateam ab. Ist das ein Zeichen dafür, dass Integration im brasilianischen Sport gelungen ist?

Meiner Meinung nach funktioniert sie zweifellos. Der paralympische Sport hat viel Unterstützung erhalten. Teil der Lottoeinnahmen gehen zum Beispiel an den paralympischen Sport. Wir haben auch die 'bolsa atleta', durch die seit 2005 mehr als 9000 paralympische Athleten vom Staat finanziell unterstützt wurden. Und die Athleten sind sehr gut. Wir haben Clodoaldo Silva, eine brasilianische paralympische Schwimmlegende, der in Rio de Janeiro an seiner fünften Paralympics teilnehmen wird. Und Alan Fontelles, der in London Oscar Pistorius geschlagen hat.

Für die olympischen Spiele wurden fast 80 Prozent der Tickets schon verkauft. Dagegen wurden für die Paralympics von 2,5 Millionen Tickets bisher weniger als 800.000 verkauft. Warum lassen sich die Brasilianer trotz des Erfolges der paralympischen Athleten nicht für die Spiele begeistern?

Ich glaube, sie lassen sich schon begeistern. Viele werden bis kurz vor Anfang der Wettkämpfe warten, bis sie Tickets kaufen. So war es auch bei vorherigen paralympischen Spielen. Wenn die olympischen Spiele vorbei sind und die Menschen den Enthusiasmus und die Emotionen des Sports beibehalten wollen, kommen sie auch zu den paralympischen Spielen. Wir erwarten nicht, dass es wenig Interesse oder wenig Nachfrage geben wird, und sollten jetzt im August einen Anstieg der Ticketverkäufe sehen.

Glauben Sie, Rio de Janeiro ist nach der Austragung der Fußball-WM 2014 jetzt besser vorbereitet?

Auf jeden Fall. Der Flughafen wurde für die WM ausgebaut, das ist eine große Hilfe. Traditionell trägt Rio de Janeiro viele Großveranstaltungen aus. Vor der WM waren es die Panamerikanischen Spiele, die Militärweltspiele, und der Weltjugendtag mit drei Millionen Teilnehmern. Jetzt sind die Konditionen in Rio sehr gut, die Wettkampfstätten waren alle fertig und wurden dem Olympischen Komitee rechtzeitig übergeben. Wir haben ein Sicherheitssystem ausgearbeitet, um zu garantieren, dass alles problemlos verläuft. Die Bevölkerung ist sehr mitgerissen, es gibt eine Tradition der Gastfreundschaft. Und wenn man das Verkehrsnetz des öffentlichen Nahverkehrs von 2009 mit dem heutigen vergleicht ist es beeindruckend, wie sehr dieses erweitert wurde. Es gibt neue Bus- und Tramlinien, die neue U-Bahn wurde fertiggestellt...

Die neue Tramlinie im Zentrum Rios ist 100 Prozent barrierefrei, so wie die meisten U-Bahn Stationen. Zu den paralympischen Spielen wird es einen barrierefreien Shuttle zwischen Stationen des öffentlichen Nahverkehrs und den Spielstätten geben. Können sich deutsche Städte in Bezug auf Barrierefreiheit etwas von Rio de Janeiro abgucken?

Diese Beispiele sind Anreize für andere Städte, ihre Verkehrssysteme zu perfektionieren. Einige Städte in Brasilien haben in diesem Bereich schon viel investiert, und können daher einen großen Grad an Barrierefreiheit aufweisen. Das dient auch als Beispiel für andere brasilianische Städte, die versuchen werden, dem Beispiel Rios zu folgen.

Momentan befindet sich Brasilien in einer Wirtschaftskrise, die politische Lage ist brisant. Präsidentin Dilma Rousseffwurde vorübergehend ihres Amtes enthoben. Der Bundesstaat Rio de Janeiro hat den 'finanziellen Notstand' ausgerufen. Welche Auswirkungen wird dies auf die Spiele haben?

Die politische und wirtschaftliche Lage ist wirklich schwierig, aber die öffentlichen Institutionen funktionieren. Alles passiert ohne Gewalt oder größere Probleme. Die Bevölkerung, die Regierung, und die politischen Institutionen, erkennen den Unterschied zwischen einem Streit der Parteien und der Austragung der Olympischen Spiele, welche als Verantwortung aller Brasilianer gilt. Das Haushaltsproblem des Bundesstaates Rio de Janeiro hängt sehr mit der Abhängigkeit von den Öl-Einnahmen zusammen. Durch die niedrigen Öl- und Gaspreise gab es Schwierigkeiten und der Notstand wurde ausgerufen. Diese Maßnahme wurde in Absprache mit der Bundesregierung getroffen, und erlaubt dieser, dem Bundesstaat Rio de Janeiro finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Diese dienen auch dazu, den Verpflichtungen im Bereich der Sicherheit und der Gesundheit während den Spielen gerecht zu werden. Außerdem wurden fast alle nötigen Investitionen für die Austragung der Spiele schon vor dieser Situation getätigt.

In einer Umfrage im Jahr 2010 gaben 79 Prozent der Befragten in Brasilien an, dass ihre Rechte als Behinderte nicht respektiert werden. Obwohl die Gesetzeslage als sehr umfassend gilt, scheitert es oft an der Umsetzung. Woran liegt das?

Die Gesetzeslage ist in der Tat sehr fortgeschritten. Diese besteht schon seit der Verfassung im Jahre 1988, und in den neunziger Jahren gab es weitere Fortschritte. So wurde zum Beispiel 1994 der 'passo livre' eingeführt, mit dem Menschen mit Behinderung den öffentlichen Nahverkehr gratis benutzen können. Nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 wurde mit dem nationalen Plan der Barrierefreiheit sehr viel Fortschritt in vier Hauptbereichen erreicht: generelle Barrierefreiheit, Inklusion im Bildungswesen, Inklusion im Gesundheitswesen und soziale Inklusion. Es wurden mehrere Schritte getätigt, und diese werden umgesetzt. Selbstverständlich geschieht dies nicht von einem Tag zum anderen, es ist ein Prozess, der Zeit beansprucht.

Von 16 Millionen Brasilianern mit Behinderung arbeiten nur etwa eine Millionen. Warum tut sich Brasilien so schwer, Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

In Wahrheit ist Brasilien eines der Länder, welches den größten Fortschritt in der Erwerbsfähigkeit von Menschen mit Behinderung gemacht hat. Seit 1991 sind Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten dazu verpflichtet, zwei bis fünf Prozent ihrer Stellen mit behinderten Menschen zu besetzen. Im öffentlichen Dienst müssen mindestens fünf Prozent der Stellen an Kandidaten mit Behinderung vergeben werden. Damit erhöht sich die Anzahl der Arbeitsplätze sehr. Natürlich genügt das noch nicht, wir wünschen uns eine bessere Situation. Aber es gibt einen Fortschritt und die Betriebe merken, dass die Menschen mit Behinderungen, die sie anstellen, sehr fleißig und interessant für den Arbeitsplatz sein können.

Einer der größten Befürworter der Behindertenrechte in der brasilianischen Politik ist der ex-Fußballstar Romario. Braucht Brasilien solche Identifikationsfiguren, damit Integration in der gesamten Gesellschaft Akzeptanz findet?

Die Rolle Romarios ist wegen seiner Bekanntheit sehr wichtig. Er wird für seine Rolle im Fußball sehr geschätzt. Was er sagt, wird gehört, er hat die Aufmerksamkeit der Medien und der Bevölkerung. Er widmet sich seit langem dem Zweck der Menschen mit Behinderungen, weil er selbst eine Tochter mit Behinderung hat. Er ist ein großer Kämpfer für diesen Zweck und mit der Aufmerksamkeit die er erreichen kann ist er zweifellos eine große Hilfe. 

 

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