Paralympisches Dressurreiten : Fest im Sattel nach Rio

Britta Näpel ist eine erfolgreiche Dressurreiterin. Bei den Paralympics in Rio hofft sie, für das deutsche Team dabei sein zu können. Der Weg dahin war nicht leicht.

Hannah Hofer
Britta Näpel - hier bei einem Turnier in Werder/Havel - hofft, mit der deutschen paralympischen Reitmannschaft bei den Paralympics in Rio 2016 dabei sein zu können.
Britta Näpel - hier bei einem Turnier in Werder/Havel - hofft, mit der deutschen paralympischen Reitmannschaft bei den Paralympics...Foto: Rainer Groll

Ein Glöckchen bimmelt, die Reiterin grüßt mit dem Kopf, majestätische Musik spielt, das Pferd mit geflochtener Mähne setzt sich elegant in Bewegung. Die Hufe schlagen im Takt der Musik auf den Sandboden und Rodrigo de Ronya, so heißt das Pferd, trabt seine Figuren im Viereck. Die Kommandos dafür erhält er von Britta Näpel, mehrfache Medaillengewinnerin im Dressurreiten bei den Paralympics seit 2004 in Athen.

Ihr Weg bis zu den ersten Paralympics war lang. Schon seit ihrem 14. Lebensjahr ist Britta Näpel, Jahrgang 1966, aktiv im Reitsport. Olympisch sollte es eigentlich nie werden. Tiere waren schon mit das Wichtigste in ihrem Leben. So kam sie auch zu ihrem Beruf: Pferdewirtschaftsmeisterin. Im Zentrum für Therapeutisches Reiten, Rhein Nahe, war sie unter anderem als Therapeutin in der Hippotherapie tätig.

Im Alter von 32 Jahren änderte sich ihr Leben komplett

Doch als sie 32 Jahre alt war, sind ihre Beine nach einer Vergiftung mit Insektenschutzmittel spastisch gelähmt. Nun machte sie selbst Hippotherapie - die Perspektive war eine andere: von der Therapeutin wurde sie zur Patientin. „Es ist ein komisches Gefühl sich plötzlich in eine Patientenrolle zu begeben. Das ertrug ich nicht so gut.“, sagt sie. Früher hatte sie viele verschiedene Pferde eingeritten und ausgebildet. Nun mühte sie sich, sich überhaupt auf dem Pferd halten zu können. Es war ein langer, schwerer Prozess für sie, die Veränderung zu akzeptieren. Über die Hippotherapie erzählt sie: „Ich habe es schlecht ausgehalten, wenn andere Leute in der Halle waren. Die wussten, dass ich eigentlich mal reiten konnte.“ Denn nach ihrem Unfall hatte sie von Neuem beginnen müssen. Die Technik fand sie schnell. Britta Näpel erklärt sich das mit ihrer Vorerfahrung im Reiten. „Der Kopf wusste wie das Reiten geht. Das war mein Vorteil.“ Trotz allem war es hart für die damals 32-Jährige die Behinderung zu akzeptieren. Am deutlichsten zeigten ihr die Pferde, was geschehen war. „Sie haben mir gezeigt was für eine Veränderung mit meinem Körper passiert ist. Sie haben mich überhaupt nicht mehr verstanden.“ Denn ein Schenkeldruck ist beim Reiten eigentlich das Kommando für das Pferd, schneller zu laufen. Bei einer Spastik aber krampfen die Beine ungewollt zusammen, das Pferd muss lernen diese Fehlinformation zu verarbeiten und zu ignorieren. Reitlehrer mit der Zusatzlizenz “Reitlehrer für Menschen mit Behinderung” unterstützen die Betroffenen in solchen Fällen. Britta Näpel stellte sich in einem Kurs für Ausbilder für Reitlehrer mit dieser Zusatzlizenz als Übungspatient zur Verfügung. Das war ihr Start in den professionellen Reitsport mit Behinderung. Durch  Spezialsättel und sehr artige Pferde, fasste sie immer mehr Vertrauen in ihrer eignen Fähigkeiten und beschloss, an der Deutschen Meisterschaft in Lingen 2002 teilzunehmen. Ohne jeglichen Erwartungen angereist, wurde sie Dritte. Gleichzeitig wurde der Bundestrainer der Deutschen paralympischen Reitmannschaft auf sie aufmerksam und riet ihr, ihr Talent im Reiten unbedingt weiter zu verfolgen. Spätestens nach den Deutschen Meisterschafen 2003 war klar, dass das nächste Ziel die paralympischen Spielen in Athen 2004 sein würden. Die Qualifikation schaffte Näpel kurz vor knapp, indem sie Parapanamerikanische Meisterin in Argentinien wurde. Von diesem Zeitpunkt an ging es steil nach oben. Sie machte den 2. Platz mit der Mannschaft bei den Paralympics 2004 in Athen, den 1. Platz in der Championatsaufgabe, 2. Platz mit der Mannschaft  und 3. Platz in Kür 2008 in Peking sowie 2. Platz in der Championatsaufgabe, in der Kür und mit der Mannschaft 2012 in London bei den vorigen Paralympics. Mittlerweile gilt sie als sehr erfahrene Sportlerin. Bei den jetzt anstehenden Paralympics in Rio möchte sie deshalb umso mehr dabei sein. “Wenn ich dabei bin, gebe ich alles.” Noch ist die Qualifikation nicht geschafft, denn das letzte Turnier in Überherrn, Mitte Juli, steht noch aus.

Ein Qualifikationsturnier muss sie noch schaffen, um in Rio dabei zu sein

Dieses wird sie mit ihrem Pferd Rodrigo de Ronya bestreiten. “Er ist ein Pferd mit dem man die Anderen schön ärgern kann.“ sagt sie und meint damit die Konkurrenz im internationalen paralympischen Reiten. Zu den stärksten Konkurrenten zählen Großbritannien, Dänemark und die Niederlande, die von großen Sponsoren wie der nationalen Bank oder dem Lotto unterstützt werden. Dagegen ist die Situation in Deutschland schlecht. Das paralympische Reiten wird kaum finanziell unterstützt. Gute Pferde würden dem Reitsport gar nicht erst zur Verfügung gestellt, sagt sie.

Dabei kann der Reitsport als Vorbild in der paralympischen Welt in Sachen Inklusion gesehen werden. Seit den Weltreiterspielen 2010 in Lexington/Kentucky, den Weltmeisterschaften des Reitens, finden zahlreiche Wettbewerbe im Reiten inklusiv statt. Wenn Näpel an die Weltreiterspiele in Kentucky denkt, dann fällt ihr zuerst die “rote Wand” aus deutschen Trikots ein, die jeder Prüfung zusahen. Darunter auch einige ihrer Idole wie Ingrid Klimke und Isabel Werth. “Das ist die beste Inklusion, die man sich vorstellen kann. Wertschätzung und Achtung auf Augenhöhe”, sagt Näpel. “Das zeigt, dass Inklusion so einfach sein kann.” Dabei profitieren sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung. Zum einen werden Berührungsängste reduziert, zum anderen können beide Parteien auf sportlicher Ebene voneinander lernen. Seit einiger Zeit ist Britta Näpel selbst wieder als Therapeutin in der Hippotherapie tätig und gibt inklusive Reitstunden. Dabei kann sie manchmal Techniken besser erklären, weil sie durch ihrer Behinderung einen anderen Blickwinkel bekommen hat, der neue Ansätze liefert. Auch kann sie besser auf die Bedürfnisse der Reiter mit Behinderung eingehen.

Ob einige ihrer Schützlinge später einmal an den Paralympics teilnehmen, wird sich zeigen. Britta Näpel zumindest hat erst einmal ein großes Ziel: die kommenden spiele in Rio de Janeiro im September. Vielleicht kann man sie dann dort mit Rodrigo de Ronya beobachten - wie sie majestätisch ihre Runden im Dressurviereck dreht.

 

Rio 2016: Porträts der Redakteure

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