Radsportprofi Winkler : Sieger der brasilianischen Herzen

Erst schien ein technisches Malheur alle seine sportlichen Träume zerstört zu haben. Doch dann kam für Radsportler Erich Winkler im Velodrom alles anders.

Julian Hilgers
Während der Qualifikation im Velodrom klickte auf einmal die Beinprothese von Erich Winkler aus der Pedale.
Während der Qualifikation im Velodrom klickte auf einmal die Beinprothese von Erich Winkler aus der Pedale.Foto: dpa

Es ist nur eine falsche Bewegung. Die Prothese von Erich Winkler löst sich von der Pedale. Der deutsche Radprofi muss seine Einzelverfolgung im Bahnradfahren abbrechen. Er wird disqualifiziert. „Das passiert fast nie, ich kann es noch nicht erklären“, sagt der 48-Jährige. Es sind bereits seine vierten Paralympischen Spiele. Er war mit seiner Zeit auf Finalkurs.

Winkler hat Glück. Er darf noch einmal antreten. Das Reglement erlaubt es. Nachdem die anderen Qualifikationen gefahren sind, steigt er erneut aufs Rad. Ohne direkten Gegner. Sein Freund Michael Teuber liegt auf Rang vier. Winkler kann ihn aus dem Finale verdrängen. Er hat die Fans auf seiner Seite. Alle. Alle Zuschauer im Velodrome feuern ihn an, sie feiern ihn.

Winkler wird beflügelt von den Fans. „Normalerweise bin ich auf der Bahn sehr fokussiert, aber das hat mich sehr gepusht“, erklärt er. Winkler schafft es. 4:02.658 Minuten über die 3000 Meter. Er ist schneller als Teuber, es reicht sogar für den dritten Platz. Winkler wird um Bronze fahren. Kollege Teuber ist keinesfalls enttäuscht. „Ich freue mich riesig für Erich und bin mit meiner Leistung sehr zufrieden“, sagt er. Er hofft im Straßenrennen auf eine Medaille.

Trotz des Supports der brasilianischen Fans im Velodrome glaubt Winkler nicht an Medaillen. „Normalerweise sollte mein Konkurrent mich nach 1000 Metern eingeholt haben“, sagt er. Winkler fährt in der Klasse C1. Ihm wurde der rechte Arm und das Linke Knie amputiert, sein Konkurrent hat vier größtenteils funktionsfähige Gliedmaßen. Das verschafft Winkler beim Start enorme Nachteile. Eine Überrundung beendet das Rennen sofort. 2008 wurde Winkler Vierter in der Einzelverfolgung. „Die Klassen sind nun mal so, es ist nicht zu ändern“, sagt Winkler. Auch über die 1000 Meter Sprint am Samstag wird er deshalb keine Chancen haben.

Erich Winklers Verdacht bestätigt sich am Nachmittag. Der Velodrome ist voll, die Fans machen wieder Stimmung. Nach nur wenigen Runden wird Winkler von seinem Konkurrenten Arnoud Nijhuis eingeholt. Der Deutsche hat keine Chance. Das Publikum erkennt das. Als Winkler vom Rad steigt winkt er zu den brasilianischen Fans. Einige von ihnen verbeugen sich sogar. Es gibt heute keine Medaille für Winkler. Aber er ist Sieger der brasilianischen Herzen.

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