Glosse : Wir Radler

Wir haben auch eine Nase, mit der wir den Gestank der Autos wahrnehmen.

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Eigentlich sind wir ganz normale Menschen. Wir haben Beine und Füße. Mit denen treten wir auf Pedalen auf der Stelle, auf dass das Rad nicht auf der Stelle bleibt. Wir haben Arme und Hände, mit denen wir uns an der Lenkstange festhalten. Na ja, manchmal auch nicht, dann fahren wir freihändig, was nicht so sicher ist, vielleicht ist es sogar verboten, aber es ist erhaben. Dann haben wir einen Kopf. Die vernunftbegabten schützen den Kopf mit einem Helm. Die weniger vernünftigen tun das nicht und erklären die Unvernunft mit der Hässlichkeit des Helmes und der individuellen Freiheit, die ja nur deshalb mit einem Helm eingeschränkt wird, weil die Autofahrer rücksichtslos sind. Von denen lassen wir uns doch nichts vorschreiben, sagen sie und lassen den Helm ab. Was blutig enden kann, weil Autofahrer sich auch nichts vorschreiben lassen wollen von unbehelmten Radfahrern. Des Weiteren haben wir Radler Augen, mit denen wir Lücken zwischen stehenden Autos entdecken, in die wir dann hineinfahren können, sehr zum Ärger der Autofahrer, die eben nicht vorankommen. Wir haben auch eine Nase, mit der wir den Gestank der Autos wahrnehmen. Der Gestank ist zwar nicht schön, erinnert uns Radler aber daran, dass wir bessere Menschen sind, weil wir nicht nur an uns denken, sondern auch an die Umwelt. Und wir haben einen Mund. Aus dem kommen Flüche, wenn Touristen auf Fahrradwegen stehen, Bauklötze über Berlin staunen und mit diesen Bauklötzen den Weg versperren. Leider, oder zum Glück, verstehen die meisten Touristen die Flüche nicht, weil sie aus Ländern kommen, in denen das Rad nur am Wochenende zu ausgedehnten Ausritten ins Umland der Städte genutzt wird, nicht aber als Transportmittel in Städten. Ausritte machen viele von uns Radlern auch. Die fangen in Berlin oft auf dem Kronprinzessinenweg an, auf dem es mitunter zu Staus kommt, wie nebenan auf der Avus, machen Zwischenstopp in irgendeinem Biergarten in Brandenburg und sehen, wenn man ehrlich ist, ziemlich albern aus. Männer und Frauen in viel zu bunten und wegen der Windschnittigkeit viel zu engen Leibchen und Höschen, aber gesund soll’s ja sein. Wieder zurück vom Ausritt steigt diese Spezie unter uns Radlern wieder aufs Stadtrad und reiht sich ein bei den Stadtradlern. Und begibt sich in den immerwährenden Kampf mit den Autofahrern. Als eigentlich ganz normale Menschen. Die den Vorteil genießen, schneller von A nach B zu kommen als Autofahrer, keinen Parkplatz suchen und keine Parkraumbewirtschaftung zahlen müssen. Und weil das alles so ist, ihr Autofahrer, zieht euch warm an, wir werden immer mehr. Bestimmt gibt es bald statt eines Fahrradweges eine Autospur speziell für euch. Nur eine. Und auf der stehen dann die Touristen und staunen Bauklötze.

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