1987: Angriff in der Zionskirche : Staatslüge und rechte Offenbarung

Offiziell gab es in der DDR keine Neonazis. Bis zum Herbst 1987. Da stürmten Skinheads ein Konzert in der Ost-Berliner Zionskirche.

Morbidezza. Pfarrer Matthias Motter wünscht sich, dass die Zionskirche restauriert, aber nicht überschminkt wird.
Morbidezza. Pfarrer Matthias Motter wünscht sich, dass die Zionskirche restauriert, aber nicht überschminkt wird.Foto: Mike Wolff

Es ist der 17. Oktober, eine feuchtkühle Nacht im noch geteilten Berlin, vor 30 Jahren. Rund um die Zionskirche auf dem Weinberg in Berlin-Mitte, wo der Wein heute in den Bars, Cafés und Kneipen fließt, dominiert damals das stille Grau der DDR. Aber in der Kirche ist der Teufel los. Der Teufel, nicht für die Kirchengemeinde, vielmehr für die unfromme Staatsmacht – und für noch ganz andere Unheilstifter, erzählt Dirk Moldt. Er war einst dabei, früher Punk, heute Historiker für die Geschichte des Mittelalters. Auch ein Weg.

In der Zionskirche spielt an jenem Herbstabend 1987 Die Firma, eine nicht ganz grundlos so benannte Ost-Berliner Punkband. Einige ihrer Mitglieder werden später die Welterfolgsgruppe Rammstein gründen. Noch sind sie die Vorgruppe. Als Hauptact treten die aus dem Westteil ohne ihre Instrumente als „Touristen“ mit Tagesvisa eingereisten Musiker von Element of Crime auf, unter ihnen der Sänger Sven Regener, der einmal auch als Schriftsteller bekannt werden wird. Die Kirche ist mit fast 2000 Zuhörern überfüllt, das Publikum tobt, die Bands spielen direkt vorm Altar. Doch alles friedlich und mit dem Segen des weltoffenen Pfarrers Hans Simon.

Es sind noch 400 junge Fans in der Kirche, da passiert es

Als Element of Crime gegen 22 Uhr ihr erstes Ost-Konzert – ohne Gage – umjubelt beendet und die von den DDR-Punkkollegen geliehenen Instrumente gerade zurückgegeben haben, um vor Mitternacht wieder zum Grenzübergang aufzubrechen, sind noch etwa 400 junge Fans in der Kirche, und da passiert es.

Eine Gruppe von etwa 40 Skinheads, die zuvor schon die zur Schönhauser Allee strömenden Konzertbesucher attackiert hat, drängt in die Zionskirche, pöbelt „Sieg Heil“, „Juden raus“ und „Kommunistenschweine“. Es kommt zu Handgemengen, die Skins schlagen Menschen zusammen. Bis etliche Punks, bereits an Auseinandersetzungen mit den rechtsradikalen Glatzen gewöhnt, die Angreifer wieder aus der Kirche werfen. Ins Freie, das so frei nicht war.

Die Vopos lassen die Schläger ziehen

Draußen standen bereits während des Konzerts die Wagen von Polizei und Stasi. Die Vopos lassen alle rechten Schläger zunächst unbehelligt und erst später, nachdem um 22 Uhr 22 der erste Notruf eingegangen ist, erfolgen an der Schönhauser Allee ein paar Festnahmen.

Offiziell gab es ja keine Neonazis in der DDR. Bis zu diesem Abend vor 30 Jahren.

Die neoromanische Zionskirche mit ihrem fast 70 Meter hohen Turm wirkt schon äußerlich imposant. Und etwas abseits vom Portal steht heute am Rand des umgebenden kleinen Parks eine leicht zu übersehende Info-Stele. Auf ihr heißt es: „Die Zionskirche war ein zentraler Ort des revolutionären Herbstes 1989.“

Wer nach Jahren nun wieder oder, wie viele Neugierige aus dem In- und Ausland, die Kirche gar zum ersten Mal betritt, wird freilich sehr überrascht. Denn schweift der Blick durch das von Pfeilern und Rautenstreben getragene, von Emporen stolz gesäumte Schiff hinüber zur Apsis hinterm Altar, dann ergibt sich der Eindruck, die Zeit seit den Wendejahren sei hier gar nicht wirklich verflossen. Gewiss, das frisch gestrichene kleine Kirchenfoyer erleuchtet ein aparter Kronleuchter, gleich einem modernen Heiligenschein. Unter ihm verkaufen ein junger Küster mit Basecap oder andere engagierte Mitglieder der Kirchengemeinde Kaffee und Kuchen. Das ist ganz 2017.

Zeitzeuge. Dirk Moldt gehörte 1987 zu den Organisatoren des Konzerts.
Zeitzeuge. Dirk Moldt gehörte 1987 zu den Organisatoren des Konzerts.Foto: Silvio Weiss

Doch im weiten, hohen Innenraum blättert der Putz, es vermischen sich an den Wänden alte und ältere Farbschichten, dazu nur noch Fragmente von Fresken und alles in einem bleichen, an dunkleren Tagen fahlen Licht. Es herrscht der ernüchternde Charme einer Post-DDR- Morbidezza. Wobei das Nachher dem Vorher, gäbe es an den Rückwänden nicht Tafeln zur Geschichte der Kirche, fast zum Verwechseln ähnlich erscheint.

Ist das hier im hippen Mitte-Prenzlauer-Berg-Berlin gerade Absicht, entsprungen einem besonderen Authentizitätskonzept wider das blank geputzte Vergessen? Oder zeugt es eher von neuer alter Armut, von öffentlicher Achtlosigkeit gegenüber einem historischen Ort? Immerhin hat in der Zionskirche als Vikar der später von den Nazis inhaftierte und auf Hitlers persönlichen Befehl ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer gewirkt – an ihn erinnert draußen ein Denkmal. Und wenn nicht gleich die Revolution ’89, so begann die Vorwende an diesem Ort und nebenan im Gemeindehaus schon im Herbst 1987.

Ein Fanal für die Bürgerrechtsbewegung

Der Skandal heute vor 30 Jahren war da, weil der Auftritt der Westband und Informationen über den Neonazi-Angriff sich mit den Nachrichten von SFB und Rias schnell auch international verbreiteten. Worauf die DDR-Medien mit ihrer Version, es habe nur eine Provokation durch eingeschleuste West-Rechte gegeben, dagegen nicht ankamen. Ein Fanal für die Bürgerrechtsbewegung – wie keines sonst seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns ein Jahrzehnt zuvor.

Nur zwei Monate nach der Skinhead-Attacke wurde die Zionskirchengemeinde noch ein zweites Mal überfallen. Diesmal kamen die Stasi und ein Staatsanwalt mit vorgehaltener Pistole kurz vor Mitternacht des 24./25. November und drangen in der Griebenowstraße 16 unweit vom Zionskirchplatz in den Keller des Gemeindehauses ein. Sie verhafteten die dort noch tätigen Mitarbeiter der „Umweltbibliothek“, beschlagnahmten Materialien und demontierten die Druckpresse, mit der die „Umweltblätter“ hergestellt wurden, das wichtigste Öko-Oppositionsorgan der DDR. Seit dem Ende des Stalinismus in den 50er Jahren geschah es so zum ersten Mal, dass die Staatsmacht in das Haus einer Kirchengemeinde eingedrungen war.

„So hat mich der Marxismus-Leninismus ein Mal gerettet!“

Carlo Jordan, unter dem Eindruck von Tschernobyl 1986 einer der Initiatoren der Umweltbibliothek und dann Ende 1989 Mitbegründer der Grünen-Partei in der DDR, schaut heute mit lächelndem Stolz auf jene Zeit zurück. Er war 1990 auch an der Erstürmung der Stasizentrale in der Normannenstraße beteiligt und macht heute noch Führungen durch das dortige Stasimuseum. In seiner mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Dokumentationen gut bestückten Altbauwohnung im Kiez der Zionskirche, erzählt er heute als „aktiver Rentner der Revolution“.

„Ich nahm während des Überfalls auf die Umweltbibliothek gerade als Dozent der evangelischen Kirche an einer geschichtsphilosophischen Tagung in Potsdam teil.“ Jordan lacht: „So hat mich der Marxismus-Leninismus, um den es ging, ein Mal gerettet!“ Die Umweltbibliothek im Zionsgemeindekeller war bis dahin „die einzig freie Druckerei der DDR“. Gegen ihre Beschlagnahme demonstrierten Jordan und seine Kollegen sogleich mit Versammlungen und Transparenten in und um die Kirche, auch diese Bilder gingen um die Welt. Das zweite Fanal.

Von 1985 bis zur Wende sorgte der Ingenieur Jordan als Bauleiter der Zionskirche für die Erhaltung des 1873 als historistische „Kathedrale auf dem Weinberg“ eingeweihten, 1943 durch Bombentreffer beschädigten und nur notdürftig wiederhergestellten Gotteshauses. „Es regnete durchs Dach, auf der Empore lag der Taubenschiss.“ In seinem Baubüro verfügte Jordan über eines der in der DDR raren Telefone und konnte nach beiden Attacken oppositionelle Freunde verständigen.

Imposant und geschichtsträchtig. Nicht nur der fast 70 Meter hohe Turm der Zionskirche ist beeindruckend.
Imposant und geschichtsträchtig. Nicht nur der fast 70 Meter hohe Turm der Zionskirche ist beeindruckend.Foto: Mike Wolff

„Offiziell existierten bei uns keine Neonazis. Rechte Skins traten oft bei Fußballspielen auf, das wurde dann totgeschwiegen, bis zu dem Angriff am 17. Oktober“, sagt Jordan. „Unter den Jugendlichen, die gegen das System protestieren wollten, gab es in den 80er Jahren eine Aufspaltung in eher linke Punks und rechte Glatzen. Für die waren die Punks ,Zecken‘. Genau wie für die Stasi, die auf dem rechten Auge lieber blind war. Aber die Behauptung, dass auch Skins aus West-Berlin bei der Konzert-Attacke dabei waren, stimmte. Einige DDR-Skins bekamen immerhin Haftstrafen, ohne die sonst übliche politische Wertung. Ich habe später mit einem Brief an den Regierenden Bürgermeister Diepgen die Strafanzeige auch gegen acht West-Skins formuliert.“

Zu den Organisatoren des Punk-Konzerts in der Zionskirche gehörte Dirk Moldt. Der 54-jährige gebürtige Berliner promovierte nach der Wende in mittelalterlicher Geschichte. „Ich sehe nicht aus wie ein Punk“, sagt der schlanke Mann mit der randlosen Brille selbstironisch beim Treffen in einem Café in Mitte.

"Ich weiß, wie man eine Revolution finanziert!“

Mit Anfang 20 war er noch Uhrmacher in einer Ost-Berliner Fabrik und nebenbei Karikaturist für Untergrundblätter, er hat die „Kirche von unten“ mitgegründet und sich in der evangelischen Jugendarbeit engagiert.

Die Kirche bot einen relativ geschützten Freiraum vom Staat, und der damalige Pfarrer der Zionsgemeinde, Hans Simon, heute mit 82 zurückgezogen lebend, hatte wie einige andere Seelsorger seine Räume – zur Verwunderung mancher älterer Gemeindemitglieder – auch für Künstler, Publizisten, Untergrundaktivisten und junge Musikfans geöffnet.

Dirk Moldt: „Die Jungen wollten laut statt leise gegen Missstände anschreien, anspielen.“ Er selbst war mal Gitarrist einer Band namens Fatale und sehr „punk-affin“. Wie sein Freund Silvio Meier, der drei Jahre nach der Wende von Neonazis ermordet und nach dem inzwischen eine Straße in Friedrichshain benannt wurde.

„Die Element of Crime waren noch in der Sakristei neben dem Altar, als die Nazis durch einen Seiteneingang eindrangen. Silvio und ich sammelten gerade für die Kirchenkollekte.“ Moldt lächelt: „Ich weiß, wie man eine Revolution finanziert!“ Alles war „sehr unübersichtlich, und draußen blieb’s stockduster, die Vopos und die Stasi machten absichtlich keine Scheinwerfer an und ließen die Skins erst mal gewähren. Außerdem war die Staatssicherheit bestens informiert.“

Wieso das? „Zwei Mitglieder der Vorband Die Firma wurden später als IM enttarnt, der Bandleader hatte den ,Vaterländischen Verdienstorden‘ in Silber. Ein Arschloch!“ Überhaupt seien die Fronten in der DDR-Gesellschaft oft sehr unscharf gewesen. „Der offizielle Antifaschismus entsprach keiner gelebten Realität. Andererseits war nicht jeder ein Nazi, der damals wie selbstverständlich Sachen sagte, die für uns heute furchtbar klingen. Bei mir in der Uhrenfabrik haben ganz anständige Kollegen zum Beispiel über Nina Hagen gesagt: ,Die Fotze müsste man vergasen oder erschießen.‘ Auch rassistische Bemerkungen oder Schwulenwitze waren im DDR-Alltag laufend zu hören. Und die jungen Rechten waren häufig sogar die Kinder von systemnahen Eltern. Aus Opposition gegen die offizielle Bevormundung.“

Man solle die Narben der Zeit noch erkennen

Das gehört, im Licht von Pegida, AfD und der jüngsten Bundestagswahl, mit zum Erbe einer längst nicht zu Ende erzählten und gerade von der Linken nie aufgearbeiteten Geschichte der DDR.

Der Historiker Moldt übrigens wünscht sich, dass die Zionskirche als geschichtlicher Ort bei einer weiteren Sanierung nicht „überschminkt“ wird. Man solle die Narben der Zeit durchaus noch erkennen. Das wünscht sich auch Matthias Motter, seit diesem Oktober neuer Pfarrer der mit der Golgatha- und Sophienkirche zur Evangelischen Gemeinde am Weinberg gehörenden, im eigenen Sprengel etwa 3000 Mitglieder zählenden Zionskirche.

Er kommt aus Pankow, 44 Jahre alt, ein heller Typ, Ring im linken Ohr, Familie mit drei Kindern, und in seinem Büro in der Griebenowstraße 16 hängen Kalenderbilder der gelegentlich skandalisierten Fotografin Bettina Rheims. Besonders mag Motter ein Motiv, auf dem der nackte Oberkörper eines jungen Christus-Darstellers von alten weisen Männern mit hebräischen Schriftzeichen bemalt wird, und aus dem Gesicht des Jungen spricht auch die Beschwernis durch alte Vorschriften.

Pfarrer Motter hat nichts gegen „gute Traditionen“. Aber er möchte die Zionskirche noch weiter öffnen und ihre Tradition zugleich fortführen: als Ort auch für Künstler, für Autorenlesungen und Konzerte. Am vergangenen Sonnabend erst haben mehrere Bands in der Kirche an das Ereignis vor 30 Jahren erinnert. Motter: „Es ist der DDR erfolgreich gelungen, einen großen Teil der Bevölkerung allem Religiösen zu entfremden. Um nicht auszusterben, muss die Kirche gerade die Jungen für ihre Botschaft neu gewinnen.“

Zwei Millionen Euro fehlen für die Grundsanierung

An die Proteste gegen die Überfälle vom Herbst 1987 erinnern jetzt noch unter Glas konservierte Spuren auf der Empore überm Eingangsfoyer. Zusammen mit dem Förderverein der Kirche sinnt Motter nun auf neue Wege, auch Drittmittel einzuwerben: mit dem Ziel, die nötigen zwei Millionen Euro für eine Grundsanierung des Innenraums und dazu das Geld für eine neue Orgel aufzubringen.

Mit Jens Birnbaum vom Berliner Büro Krekeler Architekten ist dabei an eine Restaurierung nach dem Vorbild des Neuen Museums gedacht, wo David Chipperfield die Spuren von Krieg und Zerstörung selbst zu ästhetischen Zeugnissen der Zeit gemacht hat. In den Kellerräumen der einstigen Umweltbibliothek arbeitet jetzt eine Online-Agentur für Mode und Lifestyle. Dort ist alles schick. Aber sie kennen die Geschichte des Orts.

Der junge Küster mit Basecap, der die Besucher aus aller Welt mit einweist, wie man die 104 engen Wendeltreppenstufen auf den Turm zu bewältigen hat, von dem sich eine grandiose Aussicht über Berlin eröffnet, ist übrigens Kroate. Von allen nur Marenko genannt. Marenko ist indes, wie fast alle Kroaten, Katholik. Darauf angesprochen reagiert er berlinisch-ökumenisch: „Dit macht hier nüscht.“ Er weist auch auf das im Foyer ausliegende Besucherbuch hin. Da hat jemand nach dem Besuch der Zionskirche hineingeschrieben: „Now I like Germany better.“

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