Adolf und Aloisia : Wieso kam ihr Liebster nie zurück?

Er hat sie einfach sitzen lassen, dachten viele: Der hat ihr ein Kind gemacht, aber geheiratet hat er sie nicht. Jetzt, 54 Jahre später, haben sie ihn gefunden. Im ewigen Eis.

Christine Meffert
Adolf Wonisch stieg auf den Gletscher und ließ Aloisia zurück. Und ihre gemeinsame Tochter Lieselotte
Adolf Wonisch stieg auf den Gletscher und ließ Aloisia zurück. Und ihre gemeinsame Tochter LieselotteFotos: privat

A Schlampe bist. Hat ihr einmal eine Bäuerin gesagt und sie am Arm festgehalten mitten auf der Straße. "Drei Kinder von drei Männern." Da hat die Aloisia sich losgerissen, ist weiter ohne ein Wort. Nie wieder hat sie ein Wort übrig gehabt für diese Frau.

Jetzt liegen alle drei Männer in einem Grab. Und das Seltsame ist, der erste, der Adolf, mit dem alles anfing, der die Schande über sie gebracht hat, der ist als Letzter dazugekommen. Die Aloisia hat sich schon ein bisschen Sorgen gemacht, ob sie selbst dann noch hineinpasst ins Grab, aber der Bestatter, der hat die Männer ein wenig tiefer gelegt, so dass das kein Problem sein wird, wenn sie einmal stirbt.

Vor 54 Jahren ist er aufgestiegen zur St. Pöltener Hütte, der Adolf. Am 10. August 1949. Hat sie zurückgelassen mit einer Tochter, gerademal sechs Wochen war die alt, die Lieselotte. Es ist gleich ein Suchtrupp los damals, die Hirten haben geholfen, zwei Tage lang haben sie Berge und Täler durchkämmt. Aber der Zweifel war schon da, bevor der Suchtrupp wieder zurück war ohne den Adolf. Und diesen Zweifel, den ist die Aloisia nie wieder losgeworden, die ganzen 54 Jahre nicht. Es gab Zeiten, da wuchs er sich aus zu einer großen Angst vor der ganzen Welt. Dann wieder gab es Jahre, da gewann sie die Oberhand und hielt ihn klein. Aber völlig verschwunden ist er nie, bis zu jenem Tag vor ein paar Wochen.

Im Ort, da gab es damals schon viele, die zweifelten nicht, die wussten es ganz genau. Der hat ihr ein Kind gemacht, aber geheiratet hat er sie nicht, und jetzt ist er auf und davon, hat die ledige Mutter sitzen lassen mit dem kleinen Mädchen. So geht das. Ist vielleicht nach Italien gegangen, ein neues Leben anfangen, oder nach Deutschland. Mit dem Lehrerseminar war er fast fertig, da hätte er bestimmt was gefunden. Oder er ist gleich nach Amerika. Da sind viele hin aus Osttirol, diesem armen, abgelegenen, vergessenen Winkel der Alpen.

Der Felbertauerntunnel und mit ihm die große Verbindungsstraße nach Norden wurden erst 1968 gebaut. Heute braucht man von Deutschland nur noch ein paar Stunden nach Osttirol. München, Kufstein, Kitzbühel, dann passiert man den Tunnel und ist da - an der Südseite des Alpenhauptkamms. Man fährt an Matrei vorbei, wo Adolf Wonisch damals aufgestiegen ist, und dann noch eine halbe Stunde weiter nach Lienz, wo die Dolomiten beginnen und Aloisia Persterer lebt.

Man kann dem Himmel in den Bergen sehr nah sein. Es darf nur nicht einer dieser Tage sein, an denen alle Farbe aus der Welt gewichen ist. Wenn die Wolken ganz tief hängen und der Schnee alles fahl macht. Dann sind die Alpen ein todtrauriger Ort. Als hätte der liebe Gott die Sonne ausgeschaltet und wäre gegangen für immer. Vielleicht haben sie deshalb überall Marterl aufgestellt, diese Holzkästen mit dem Gekreuzigten oder der Maria drin. Damit die Menschen die da oben im Himmel nicht vergessen an solchen Tagen. Aloisia hat Gott nicht vergessen, trotz allem.

Sie ist eine zarte Person. Ihr Gesicht hat sie aus der Jugend behalten, am Grundsätzlichen hat sich nichts geändert. Ein feines Gesicht, mit gerader Nase und hoher Stirn. Ein Gesicht ohne Ablagerungen, nur müde, sehr müde. Die Stimme ein wenig rau von den Zigaretten. Aloisias Welt ist jetzt an ihrem Küchentisch. Das Haus verlässt sie kaum noch. Über der Stoffdecke auf dem Tisch liegt eine aus Spitze und darüber dann noch eine aus Klarsichtfolie, zum Schutz. Aloisia bevorzugt die Marke "Dames". Die Zigaretten hat sie aus der Schachtel in ein Lederetui umgefüllt. Ihre Tochter Astrid, die von dem dritten Mann, raucht "Memphis" aus der Schachtel. Ebenfalls auf der Kücheneckbank sitzen: Karin, elf Jahre alt, und Georg, acht. Aloisia sortiert Fruchtgummis für die beiden Enkel, damit es keinen Streit gibt. Bananen, Kirschen, Erdbeeren.

Sie hat nie wieder etwas von Adolf gehört. 54 Jahre nicht - so alt ist ihre Tochter jetzt. Sie hat nichts von ihm gehört bis zu diesem heißen Sommer des Jahres 2003. Zu heiß für Aloisia mit ihren 73 Jahren und ihrem Zucker, der sie immer wieder in unerträgliche Zustände bringt. Zweimal ist sie schon gestürzt. Jetzt läuft sie an der Krücke. Zu heiß auch für die Gletscher, die seit Jahrzehnten zurückgehen, aber in diesem Jahr noch mehr als sonst. Zwei bis drei Meter sind sie heuer abgetaut, sagt der Alpin-Gendarm Franz Riepler. Deshalb kommt jetzt alles zum Vorschein, Flugzeugtanks aus dem Zweiten Weltkrieg und Waffen oder eben auch eine Gewissheit, die mit einem Schlag ein halbes Jahrhundert Zweifel auslöscht - als hätte einer mit einem Ruck die Nebeldecke von den Bergen weggezogen.

Es war am Geburtstag von Georg, ihrem Enkel. Sehr heiß war es, sie haben gefeiert. Wieder war es August, wie damals, als Adolf verschwand. Da rief der Alpin-Gendarm, der Franz Riepler, an, aber Aloisia war nicht in der Lage, mit ihm zu sprechen, das musste ihre Tochter machen. Aloisia hat angefangen zu zittern, schneeweiß ist sie geworden, und kein Wort mehr hat sie gesprochen den ganzen Tag. Sie hätten den Adolf gefunden, hieß es. Oben am Viltragen Kees habe der Gletscher ihn freigegeben, auf 2430 Meter Seehöhe, und ein Bergsteiger aus Salzburg, der eigentlich nach einem abgestürzten Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg suchte, der hat ihn entdeckt.

"Meine größte Angst ist immer gewesen, dass er aus dem Eis außer kimmt und so jung ist wie damals, und ich muss ihn identifizieren und steh diesem toten blonden Jüngling gegenüber als uralte Frau mit weißem Haar." Sie kann nicht erklären, warum ihr dieses Bild solche Furcht eingejagt hat. Vielleicht, weil es das Sinnbild eines verpassten Lebens ist. Das Bild zweier Menschen, die sich eine kurze Zeit nah waren und sich dann wieder verloren haben. Aber vielleicht war das doch gar nicht ihre größte Angst. Vielleicht war ihre allergrößte Angst, dass er niemals aus dem Berg kommt, weil er woanders ein anderes Leben lebt, mit anderen Kindern und einer anderen Frau.

An diesem Tag also, im August des Jahres 2003, als Georg Geburtstag hatte und es so heiß war und der Anruf vom Alpin-Gendarm kam, der Anruf, auf den sie 54 Jahre gewartet hatte, da ist ihr alles wieder durch den Kopf geschossen. Wie das damals war, als sie 18 war und er 17, als sie sich kennen gelernt haben. Und all die Jahre, die er dann nicht mehr da war und doch immer in ihrem Kopf, an die hat sie auch wieder denken müssen.

Als sie sich zum ersten Mal sahen, hat er seine Bergschuhe getragen. Die sind ihr gleich ins Auge gestochen. Die Schuhe, dann erst der Rest. Obwohl er fesch war, der Adolf Wonisch. Mit dem Kind der Schwester war Aloisia damals spazieren. Sie ist immer gern zum Bahnhof gegangen, schauen, wer ankommt, wer wegfährt. Angekommen ist der Dolfi, wie sie ihn heute noch zärtlich nennt, er kam zum Bergsteigen nach Lienz, und das Kind habe sich immer wieder nach ihm umgeschaut, bis er es ansprach. Und dann hat er gefragt: "Ist das Ihr Kind?"

Aloisia hat in der Küche Kerzen angezündet, obwohl es erst Mittag ist. Für die Toten. Zehn Meter vor ihrem Küchenfenster laufen Bahngleise entlang. Aloisias dritter und letzter Mann war Eisenbahner und hat mit seiner Familie irgendwann das Häuschen mitten auf dem Gelände des Lienzer Bahnhofs bezogen. Aloisia schaut schon lang nicht mehr, wer ankommt am Bahnhof oder wegfährt.

Beim zweiten Mal sind sie dann ins Kino Wanner gegangen, das gibt es auch nicht mehr, das haben sie abgerissen. Einen Bergfilm haben sie sich angeschaut, sie kann sich nicht so recht daran erinnern. Berge haben sie nie sonderlich interessiert. Seit sie als Kind bei einer Wallfahrt nach Maria Lugan fast abgestürzt wäre, ist sie nicht mehr hoch. Skifahren hat sie auch nie gelernt. Aloisia wollte immer ans Meer. Einmal ist sie mit der Schule an der Ostsee gewesen, "im 41er Jahr", wie sie sagt, als wäre es gestern gewesen. Kinderlandverschickung. Danach ist sie nie wieder aus den Alpen hinausgekommen, höchstens mal die paar Kilometer nach Italien rüber. Aber damit ist es auch vorbei, seit man in Osttirol billiger einkaufen kann. Jetzt kommen die Italiener hierher.

Die "Osttiroler Zeitung" bringt den Armutsbericht des Bundeslandes. Wie überall sind es die allein erziehenden Mütter, die am schlechtesten dastehen. Astrid, Aloisias dritte Tochter, muss heute Schulbücher kaufen für die Kinder. Sie zieht die drei allein groß. Der Junge lernt schwer. Es fällt das Wort Legastheniker. Die Großmutter hilft, wo sie kann. Harte Zeiten - kennt sie nicht anders.

Aloisia Persterer, ehemals Egartner, wurde am 17. Juni 1930 in Lienz geboren. Ihr Vater war Herrenschneidermeister, arbeitete aber, weil man da eine Rente bekam, in der Pfannenfabrik. Das Ehepaar Egartner lebte mit seinen sechs Kindern in der Kreuzgasse in einem Zimmer mit Küche.

Wenn Aloisia von ihrer Familie erzählt, dann ist der Tod allgegenwärtig. Zwei Brüder sind im Krieg geblieben, eine Schwester starb mit 24 Jahren an TBC. Und dann "s’ Mutterle". So nennt die 73 Jahre alte Aloisia ihre Mutter heute noch. Und sich selbst Loisi, wenn sie von damals spricht. Als die Loisi also 16 Jahre alt ist, stellt man bei der Mutter Brustkrebs fest. Fortan übernimmt das Mädchen alle Pflichten im Haushalt. Während ihre Freundinnen spazieren gehen, versorgt sie den Vater, pflegt die Mutter.

Auch zum Tanz wollte der Vater Aloisia nie lassen. "Da kommt sie mir noch mit einem ledigen Kind heim", hat er immer gesagt. Aber s’ Mutterle half: "Vom Tanzen kriegt sie ka Kind", sagte sie immer. Der Vater war ein strenger, verschlossener Mann. Die Aloisia erinnert sich nicht daran, dass er der Mutter je einen Kuss gab. Nur manchmal hat er an ihrem Ohrring gespielt, ihn zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her gedreht. Und wenn sie zur Kirche sind und die Mutter vorneweg gegangen ist, hat er manchmal gesagt: "Schau, was für fesche Füaß dei Mutter hat."

Und dann ist die Loisi doch mit einem Kind heimgekommen, nicht vom Tanzen, sondern vom Dolfi, und die Mutter hat ihr nicht mehr helfen können, die war nämlich tot.

"Er hätte das Lehrerseminar aufgegeben und wär arbeiten gegangen für mich und das Kind", sagt Aloisia. Aber das habe sie nicht gewollt. Mit Leib und Seele sei er Lehrer gewesen, das wollte sie ihm nicht zerstören. So ist sie beim Vater geblieben. Wenn er fertig gewesen wäre mit seiner Ausbildung, dann hätte er sie schon noch geheiratet.

Aber dann ist er wieder in die Berge. "Der Dolfi liebte das Berggehen so sehr", sagt Aloisia, die sich nicht für Berge interessiert, voll Verständnis. Er hätte sich nicht davon abhalten lassen, von der Aloisia nicht und von der Unwetterwarnung auch nicht. An jenem Tag, an dem sie ihn zum letzten Mal sah, wollte er zum Großvenediger, wollte von der St. Pöltener Hütte zur Prager Hütte aufsteigen - ein tüchtiger Marsch, aber bei gutem Wetter nicht gefährlich. Doch es gab kein gutes Wetter. Oben sollte es schneien, keine Sicht und schon 50 Zentimeter Neuschnee, eine trügerische weiße Decke über den Spalten.

Denen, die oben sind im Berg an solchen lichtlosen Tagen - weil sie das Unwetter nicht kommen sehen oder nicht sehen wollen -, denen hilft keiner mehr. Zehn, zwölf Tote holt der Alpin-Gendarm Franz Riepler im Jahr aus den Bergen heraus. Vom Großvenediger oder vom Großglockner, dem höchsten Berg Österreichs. Mit seinen Leuten klettert er hinunter auf den blau leuchtenden Grund der Gletscherspalten. Franz Riepler musste sich angewöhnen, die Leichen als "Sache" zu betrachten, sonst würde er das nicht aushalten. Aber bei Kindern und bei Leuten, die er kennt, versagt seine Strategie.

Irgendwie hat sie halt weitergemacht, nachdem der Adolf verschwunden war. Seine Mutter hat ihr geholfen und die Lieselotte zu sich genommen. Aloisia musste schließlich arbeiten gehen, wo sollte sie da hin mit dem kleinen Kind? Im Ort gab es Gerede, ins Gesicht hat ihr kaum einer was gesagt, aber wie die Leute geschaut haben. Adolfs Mutter hat ihr einen Verlobungsring geschenkt, damit sie akzeptiert wird von den Leuten. Sie hat die Zeichen gesetzt, die ihr Sohn hätte setzen sollen, hat sich an seiner Stelle bekannt zu Aloisia und dem Kind - ein bisschen Metall hat dafür schon gereicht. Aber selbst Adolfs Mutter hat daran gezweifelt, dass er wirklich abgestürzt ist.

Aloisia hat anderen Leuten den Haushalt geführt, sie hat im Bahnhofskiosk gearbeitet und in der Strumpffabrik. Arbeit hat es immer gegeben, sagt sie. Dann hat sie Leo kennen gelernt, mit 21. Leo schnitt den englischen Besatzern die Haare, und Aloisia hat in der Kaserne gekocht. Zuerst wollte sie Leo nicht, aber der hat nicht lockergelassen, obwohl sie das Kind hatte und den schlechten Ruf. 1954 haben sie geheiratet und ein Friseurgeschäft in Heiligenblut, einem Nachbarort, aufgemacht.

Zwei Jahre später, im Dezember 56, kam Aloisias zweite Tochter zur Welt, wie die erste an einem Donnerstag. Und acht Wochen später, im Februar 57, in der Faschingszeit, hatte Leo einen Autounfall. Er saß auf dem Beifahrersitz, der Fahrer, der die Kurve zu schnell nahm, lebt heute noch. 320 Schilling Unfallrente hat Aloisia für sich und das Kind bekommen im Monat - etwa 25 Euro. Für das erste gar nichts, denn da war die Vaterschaft ja nicht erwiesen.
Auch Astrid, Aloisias dritte Tochter, ist an einem Donnerstag zur Welt gekommen. Da hat die Aloisia nach der Geburt zwei Monate nur geweint. Bei so einem Leben kann man schon anfangen, an schlechte Omen zu glauben. Ihr dritter und letzter Mann, Georg Persterer, war zehn Jahre jünger als sie. Als er sie kennen lernte, war er 19, sie war 29 und hatte zwei Kinder von zwei Männern, die beide tot waren.

Die erste Liebe vergisst man nie. Das ist auch so ein Satz. "Ich hab mich wieder verliebt, ja, aber das war anders", sagt Aloisia Persterer. Wie wäre das Leben mit Adolf Wonisch gewesen? Wo wäre sie heute, was wäre anders, besser gewesen? Aloisia wehrt ab. Das stellt sie sich nicht vor. Das habe sie nie versucht. Das Leben ist so, wie es ist. Man hat nur eines.

Jetzt liegen alle drei in einem Grab, Adolf, Leo und Georg, oben am Hang auf dem hübschen Friedhof der Stadt Lienz. Der Georg ist vor acht Jahren gestorben, eines so genannten natürlichen Todes.

Aloisia hat lange überlegt, wo der Adolf hinsoll. Und dann hat sie entschieden, dass er in das Grab kommt, wo schon ihre anderen Männer liegen. Vor ein paar Wochen war Beerdigung. Aufzuklären gab es nichts, denn bei Adolfs Leiche fand man auch seinen Alpenvereinsausweis. Der Alpin-Gendarm musste nur in seiner Chronik nachschauen, wo alle Abgängigen des vergangenen Jahrhunderts verzeichnet sind.

Ihr Albtraum hat sich nicht erfüllt. Jung hat er nicht mehr ausgeschaut, der Adolf, als er da aus dem Berg herausgekommen ist. Er war nicht einmal mehr ganz, einzeln sind seine Knochen, seine Bergschuhe, seine Uhr und sein Kamm aus dem Gletscher geapert.

Es waren auch zwei Ringe bei seinen Sachen. Ein kleinerer und ein größerer. Die Eheringe für Adolf und Aloisia.

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