AfD, Pegida, Islam : Nicht nur Dumme haben Angst

Angst ist das Gefühl einer diffusen Bedrohung, die Sorge, den Halt zu verlieren. Mit ihr umzugehen, ist eine Kunst – die den wenigsten gelingt. Selten war das deutlicher zu sehen. Unsere Blendle-Empfehlung.

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Schon die Grundgeste muslimischer Frömmigkeit bereitet vielen Brustenge, Angst.
Schon die Grundgeste muslimischer Frömmigkeit bereitet vielen Brustenge, Angst.Foto: REUTERS

Am 7. Januar 2015 zeigte das Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo sein Gesicht. Kein schöner Anblick. Michel Houellebecq sah noch nie gesund aus, er wirkt gewöhnlich mindestens so krank wie unsere westliche Welt. Houellebecq hält sie für latent unlebbar. Unter seinem Bild stand: „2015 verliere ich meine Zähne, 2022 feiere ich Ramadan.“

Es war der Tag des Anschlags. Es war der Erscheinungstag von „Unterwerfung“. Das Buch hätte auch „Islam“ heißen können, denn „Islam“ bedeutet Unterwerfung. Man hielt den Roman spontan für islamophob, auch weil noch keiner ihn gelesen hatte.

Houellebecq beschreibt darin, wie der erste islamische Präsident Europas friedlich an die Macht kommt und ein westlicher Intellektueller schließlich aus fast freien Stücken das Gesicht gen Mekka wendet. Es ist ein Szenario, das die meisten Menschen höchstens als diffuse Bedrohung wahrnehmen und das doch in Zeiten von Pegida und AfD einen konkreten Effekt hat: die Angst vor Fremden. Denn was ist die anderes als die Angst vor der Entheimatung zu Hause?

Steven Scharf muss diese Angst gewissermaßen verkörpern. Vorm Deutschen Theater in der Berliner Schumannstraße ist es noch still. In zwei Stunden wird Scharf wieder in das Frankreich des Jahres 2022 auswandern und am Ende mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung die Freiheit des Geistes dem Koran zu Füßen legen. Wieder zu etwas gehören dürfen! Und wieder wird das große Haus bis auf den letzten Platz ausverkauft sein, da muss keiner mehr fragen, das ist auf allen Bühnen des Landes so, wo dieses Nicht-Stück gespielt wird, von Hamburg bis Dresden.

Ist das etwa eine kollektive Angstgemeinde, die da landauf, landab die Theater füllt? Sogar zur Stückeinführung kommen regelmäßig mehr als 300 Leute. Mal schauen, was uns bevorsteht. 2022, das ist schließlich gewissermaßen übermorgen. Ein Angstkollektiv? Ja, vielleicht, bestimmt sogar, sagt der Mann, der gleich François ist. Wer Angst hat, sucht Nähe. Lieber mit vielen in einem Raum als allein mit einem Buch.

Manche nennen Scharf einen Extremschauspieler, auch weil er mal ein ganzes Ein-Mann-Stück mit dem Rücken zum Publikum spielte, da war er „Judas“. Steven Scharf kann Seeleninnenseiten nach außen kehren, er kann Beunruhigungen übertragen mit höchster Ansteckungsgefahr, genau wie Houellebecq: „Wir gehen, das weiß ich, auf seltsame Morgen zu.“

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